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Was würdest du tun, wenn du noch sechs Monate zu leben hättest?


Vorhin hatte ich mir hier auf Grund einer Blogparade Gedanken gemacht, wie wohl der letzte Tag meines Lebens aussehen könnte. Der letzte Tag, – da ist sicher fraglich, ob man da noch etwas bewusst gestalten könnte.

Aber was wäre, wenn man noch ein halbes Jahr hätte?

Dazu hatte ich in einem anderen Kontext mal etwas geschrieben. Als kleinen Impuls kopiere ich hier ein Zitat des langen Textes hierhin:

„[…] Damals [in den 80er Jahren] war gerade die AIDS-Problematik in den Medien aufgekommen. Die Berührungsängste, nicht nur mit HIV-Infizierten, sondern überhaupt mit der ganzen Thematik, waren groß. Es gab viel Aufklärungsbedarf. Ich hatte eher Zufällig die Gelegenheit, dazu an einem Seminar der Caritas teilzunehmen. Dort hatte einer der Workshops das Thema: “Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass du nur noch sechs Monate zu leben hättest?”

Wir haben viel diskutiert, uns ausgetauscht und sogar “Dialoge am Sterbebett”  improvisiert. Da kam so einiges zusammen! Viele Gedanken, die dann, auf gelbe Kärtchen geschrieben, an der Plakatwand hingen.

Die Semiarleiterin ließ irgendwann ihren Blick über die vielen Stichworte gleiten und las ein paar der Dinge vor, die wir vor unserem letzten Schnaufer unbedingt noch getan haben wollten.

Sie schaute schweigend in die Runde.

Dann schrie sie sie uns  an: “DANN MACHT DAS DOCH!”

Wir zuckten zusammen.
Ja, aber wieso eigentlich? Sie hatte doch recht!

Okay, wenn man damit rechnen darf, dass der Sensemann doch nicht in einem halben Jahr, sondern in einem halben Jahrhundert an die Tür klopft, wird man nicht unbedacht sein Konto plündern und alles Ersparte für eine Weltreise ausgeben. Das ist schon richtig. Aber Keller und Dachboden aufräumen, um sich von allem überflüssigen Ballast zu trennen? Einem  fast vergessenen Menschen endlich mal wieder einen Brief schreiben? Jemandem, wo es lange überfällig war, Danke sagen? Einem Menschen, den man verletzt hat, um Vergebung bitten? Selber Vergebung aussprechen, Frieden schließen? Frieden schließen, – vielleicht auch mit sich selbst?

Und:
Jeden Moment des Lebens intensiv leben, keinen Augenblick verplempern?

Warum nicht jetzt, heute?

Warum damit warten, bis Gevatter Tod die Sense wetzt und es zu spät ist?

Der letzte Tag?


Gestern stieß ich auf einen sehr interessanten Beitrag von Autzeit, der auf Grund einer von Nicole initiierten Blogparade entstand. Autzeit spielt darin in mehreren Szenarien durch, wie ihr letzter Lebenstag aussehen könnte. Vorausgesetzt natürlich, man könnte ihn überhaupt noch bewusst gestalten. Ihr Artikel erschien vorgestern, am 20. Mai 2015.

An diesem Tag starb meine Mutter. Sie starb so, wie sich wohl niemand seinen letzten Tag erträumt. Im Krankenhaus.

Eine Woche zuvor war sie eingeliefert worden, weil sie schon mehrere Tage keine Nahrung mehr zu sich nehmen konnte. Ich besuchte sie am Tag darauf, an Christi Himmelfahrt. Klinikatmosphäre, ein kurzes Gespräch mit der Ärztin. Blutdruck kritisch niedrig, Erbrechen, Nierenversagen, Infusion. „Gibt es einen Patientenverfügung?“ Ja, gibt es: „…fordere ich, dass man mich sterben lässt und keine lebensverlängernden intesiv-medizinischen Behandlungen…“ usw.

Das Sprechen fällt ihr schwer, der Mund ist ausgetrocknet und geschwollen. Aber wir können trotzdem ein wenig miteinander reden. Grüße von der Familie. Die Enkelin hat ein gutes Zeugnis. „Ja, das macht sie ja immer so toll!“

Ich versuche, ein wenig zu erzählen. „Die Rapsfelder blühen. Und der Flieder!“ – „Davon bekomme ich ja jetzt nichts mehr mit.“ Wahrscheinlich auch nichts von den Vögeln, die draußen von dem Fenster zwitschern. Sie ist schwerhörig. Erkundigt sich nach den Geburtstagswünschen meiner Tochter. Ich soll das Geschenk besorgen.

Ob sie selbst noch etwas gebraucht? Ihr Handy. Stift und Schreibblock. Ich hole die Sachen aus dem Seniorenheim. Ich habe bedenken, dass sie das Handy noch richtig bedienen kann und lösche sicherheitshalber alle veralteten Nummern. Glaube auch nicht, dass sie noch eine Zeile zu Papier bringen wird. Sie hatte auch im Alter immer noch eine so saubere und schöne Handschrift gehabt. „Was ist mit dem Rollator?“ – „Der ist noch im Heim. Wenn du hier einen brauchst, dann haben sie hier einen im Krankenhaus.“ Ich bin sicher, dass sie nie wieder aufstehen würde.

„Ich bin so müde.“ – „Das darfst du auch, Mama. Gut, wenn du schlafen kannst.“

„Danke, dass du gekommen bist!“ Und Grüße soll ich bestellen.

Die Enkelin kommt Samstag. Sie hat ein Bild gemalt, „für Oma“ steht drauf. „Schön!“. Aber Oma ist nur kurze Momente wach. Auch am Sonntag hat sie die Augen fast die ganze Zeit geschlossen. Man merkt, dass sie Schmerzen hat, obwohl hochdosierte Mittel durch den Kunsttoffschlauch fließen. Wir sitzen da still da, ich bete das Jesusgebet, das sich unweigerlich an den Rhythmus ihres Atems anpasst. Ich streichle ihr die Hände. Zweimal öffnet sie mühsam die Augen, erkennt uns, schaut uns mit dem liebevollen Ausdruck an, so wie sie uns früher immer angeschaut hat. Der Anflug eines Lächelns.

Ein Kuss auf ihre Stirn: Dankbarkeit für mehr als ein halbes Jahrhundert Liebe, gebündelt in einer einzigen Sekunde.

„Tschüß Mama!“

Kein „bis bald“. Ich lüge nicht.

Mittwoch Morgen war ich mir sicher, dass der Anruf von der Klinik kommen würde. Er kam am Mittag. „…friedlich eingeschafen.“

Eingeschlafen, ohne Kampf, wie ihn ihre eigene Mutter vor 30 Jahren hatte ausfechten müssen. „Es ist gut!“, so schloss ich die Nachrichten, die ich an diesem Nachmittag verschickte.

Gut? Ja. Sie hatte ein langes Leben gehabt. Ein hartes, arbeitsreiches und aufopferungsvolles Leben. Aber ein erfülltes Leben. Wohl ohne einen verplemperten Tag, solange es an ihr selbst lag. Sicher mit Fehlern, vielleicht auch schweren Fehlern. Aber auch die gehören zum Leben. Wir haben uns voneinander verabschiedet, ohne uns Wesentliches, Liebe, Dank oder Vergebung schuldig zu bleiben. Sie durfte gehen. Es war gut!

Wenn bei mir der Sensemann vor der Tür steht, möchte ich dieses Gefühl haben: Es ist gut! Keine Zeit verplempert zu haben. Aber auch nicht Unerreichbarem nachgehastet zu sein. Die letzte Reise möchte ich mit leichtem Gepäck antreten. Ohne Hader, Verbitterung, ohne offene Rechnungen. Aber mit Dankbarkeit. So wie meine Mutter.

Nein, einen Tod im  Krankenhaus wünsche ich mir nicht. Schläuche, das Surren des Sauerstoffgerätes, der letzte Blick an eine kahle Decke…, nein, das natürlich nicht.

Ich möchte, wenn ich wählen könnte, zuhause sein. Es sollte jemand da sein, aber er sollte keine Unruhe verbreiten. Aus dem Fenster würde ich gerne schauen können.

Wir haben etwas Grün vor dem Haus. Schrebergärten, dahinter ein Wäldchen. Die Bäume sind jetzt alle grün, aber in vielen unterschiedlichen Nuancen. Die Kastanie blüht, Flieder auch, der Schneeball.

Ich schaue hinaus. Gänsescharen sind in Richtung Ostsee unterwegs. Immer noch. Ich schaue ihnen hinterher. Öffne das Fenster, um ihre Rufe zu hören.

Jetzt.

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Einen weiteren Impuls zu dem Thema gibt es hier bzw. in einem größeren, etwas anderen Zusammenhang, hier.

Glauben an got


Hier möchte ich einen Beitrag einer jungen Frau rebloggen, der mir wegen der unkonventionellen Denkart gefällt und m. E. eine breitere Leserschaft verdient. Die Autorin ist 18 Jahre alt, Kanner-Autistin und lebt in einer betreuten Wohngemeinschaft.

Frühkindliche Autisten teilen sich mit🙂

Mein familie ale glauben an got dol. Sontag gehn imer in ein gemeinde und mach gotesdiens da. Einma in woche is hauskreis da singen die auch und esen und ales. Ale glauben wen ein tot is komt in himel und beseres leben da.

Ursprünglichen Post anzeigen 437 weitere Wörter

Alternativen zum Main-Stream-Weihnachten? Ein Aufruf zu kulturellem Ungehorsam.

Weihnachtsbeleuchtung

„In der Abteilung geht die Liste für die Weihnachtsfeier rum,“ brummelt meine Liebste. „Ich hab mich noch nicht eingetragen. Vielleicht nehme ich mir da einen Zahnarzttermin.“

„Lieber zum Zahnarzt als mit den Kollegen feiern?“ Das klingt wenig begeistert.

„Ja, ist doch irgendwie verlogen. Das ganze Jahr hetzen sie einen in den Burnout, und nun auf einmal Friede, Freude, Weinachtsstollen! Eigentlich haben fast alle keine Lust. Es traut sich nur keiner, ’nein‘ zu sagen.“

Es ist also wieder soweit. In den Supermärkten liegt schon seit Anfang September Weihnachtsgebäck. Die Einkaufsstraßen sind jetzt auch festlich illuminiert, Weihnachtsmärkte sind eröffnet, die Tageszeitung quillt vor Werbebeilagen über. Feiern in Betrieben, Kindergärten, Vereinen, Bazare in den Kirchengemeinden. Und allenthalben Klagen darüber, dass es zu viel ist, Genörgel über den Konsumrausch, auch das Missfallen über den Weihnachsstress kommt „alle Jahre wieder“.

Ich habe keine Lust, in das allgemeine Lamento einzustimmen, obwohl ich dem gegenwärtigen Rummel auch sehr kritisch gegenüberstehe. Ich will niemandem seine vorweihnachtliche Stimmung verderben, wenn er diese beim Shoppen in der Fußgängerzone oder an Glühweinständen auf dem Rathausplatz findet. Jedem das Seine!

Ich möchte statt dessen den Frustrierten vorschlagen, über Alternativen nachzudenken. Ganz praktisch und ganz einfach. Was kann man anders machen? Was weglassen? Was sind vielleicht auch hilfreiche Traditionen aus der Vergangenheit, auf die man zurückgreifen kann? Man muss ja nicht alles verdammen. Im Gegenteil: Manch altes Brauchtum steht dem modernen Mainstream so entgegen, dass es einem geradezu revolutionär vorkommt, es mal so zu machen.

Manche, die sich jeglicher Weihnachtlichkeit entzogen haben und alles boykottierten, sind am Heiligen Abend in die akute Depri gerutscht, und das muss ja nun auch nicht sein. Es geht also um Alternativen, nicht um Totalverzicht.

Also los:

Vorschlag 1.: Überlegen sie sich, und das am besten gemeinsam mit ihrer Familie oder denen, mit denen Sie zusammen leben, was sie von diesem Fest erwarten. Oder nicht erwarten. Was ist wichtig, was nicht?

Ich vermute, dass viel Frust dadurch zustande kommt, dass Erwachsene Weihnachtsgefühle und -erlebnisse ihrer  Kindheit aufleben lassen möchten, aber nicht realisieren, dass sie in einem neuen Lebensabschnitt angekommen sind und mit anderen Menschen zusammeleben, die ganz andere Erwartungen haben.

Manchmal kann es dagegen gut sein, auf Familientraditionen zurückzugreifen. Man muss das Fest nicht jedes Jahr neu erfinden. Die Erfahrung gibt Sicherheit. Aber man sollte nichts nur deshalb tun, „weil es immer schon so war“. Und erst recht nicht, weil andere es „so“ machen.

Vorschlag 2.: Unterscheiden Sie Advent von Weihnachten. Der Advent ist eigentlich kein nach vorne verlängertes Weihnachten, sondern eine Zeit der inneren Einkehr. Früher wurde sogar gefastet: das Gegenteil von dem, was heute so läuft. Der Grund, nicht zu einer betrieblichen Weihnachtsfeier zu gehen, wäre also, „weil noch nicht Weihnachten ist“. Das kracht natürlich erstmal, wenn man so antwortet. Aber es kann sich dann ja ein Gespräch daraus entwickeln, in dem sich viel von Hoffnungen und Frust erklären lässt.

Weihnachten beginnt mit dem Vorabend (der Vigil) des 25. Dezember und dauert bis zum Fest der „Darstellung des Herrn“ (Dreikönigstag) am 6. Januar.

Vorschlag 3.: Fahren sie im Advent die Aktivitäten herunter. Nehmen sie keine Termine an, die nicht zwingend notwendig sind.

Sparen Sie sich auch Adventsbazare. Lassen sie sich nicht dazu nötigen, dafür etwas zu basteln, zu backen oder dort etwas zu kaufen. Denn bemalte Gläser für Teelichte haben Sie ja wahrscheinlich schon genug. Es sei denn, Sie haben einen ganz bestimmten Bedarf (etwa anch einem Adventsgesteck), den Sie dort decken können. Für den guten Zweck des Bazars können sie auch Spenden, ohne hinzugehen.

Ich selbst umgehe auch die Weihnachstsmärkte in der Innenstadt. Das Angebot dort ist das gleiche wie im letzten Jahr und das kenne ich schon. Ich gehe nur hin, wenn ich etwas ganz Bestimmtes gebrauche, was ich woanders nicht finde. Aber das ist selten. Ansonsten meide ich Lärm und Gedränge.

Vorschlag 4.: Basteln sie keinen Adventskalender. Ich meine diese mit 24 Socken oder Säckchen, in denen irgendwelche Kleinigkeiten drin sind. Und wenn, dann nur für Kinder. Aber auch die sollten warten lernen, bis es Geschenke gibt. Und das Warten-Lernen ist ja der eigentliche, ursprüngliche Zweck von Adventskalendern. Also greifen Sie für Kinder auf jene Adventskalender mit aufklappbaren Bildchen zurück, aber ohne Schokolade (die schmeckt meistens sowieso irgendwie billig). Gestalten sie die Zeit für Kinder mit Geschichten und mit Aufmerksamkeit, die sie ihen schenken.

Vorschlag 5.: Halten sie die Dunkelheit aus. Sie gehört nämlich zur Natur und zur Jahreszeit. Verzichten Sie auf aufwendige Illuminationen in Fenstern, auf Balkons oder im Garten. Ich habe beim Blick in die Nachbarschaft manchmal den Verdacht, dass der üppige Lichterglanz an manchen Gebäuden nur ein Zeichen innerer Dunkelheit der Bewohner ist. Aber das ist jetzt vielleich zu sarkastisch…😉

Bei uns hängt im Advent ein farbiger Papierstern im Fenster, auf dem Tisch haben wir ein kleines Gesteck und eine Kerze. Das reicht völlig für eine adventliche Stimmung!

Vorschlag 6.: Tun sie das, was sie in dieser Zeit unternehmen, bewusst!

Beispiel Weihnachtspost: Schreiben sie niemandem, weil es „Pflicht“ ist. Das gilt auch für Geschäftsleute. Denken sie daran, was es für den Empfänger bedeutet. „Pflichtpost“ lässt nur den Briefkasten überquellen, und das nervt! Die guten Wünsche von der Apotheke und dem Möbelhaus sagen mir ja nur, dass das Computerprogramm für Serienbriefe funktioniert. Ansonsten ist das Papier- und Portoverschwendung.

Ein liebevoll handgeschriebener Brief an einen Menschen, an den sonst niemand denkt, ist dagegen mit allem Gold der Welt nicht aufzuwiegen!

Ähnliches gilt für das Backen: Tun sie es nur, wenn sie es wirklich gern tun und Muße dazu haben! Wenn nicht, dann kaufen Sie, was sie brauchen. Meinetwegen auch auf dem Weihnachtsmarkt.

Konzerte: Gehen sie nur hin, wenn sie wirklich Freude daran haben und es Ihnen gut tut. Nicht, weil es irgendjemand von Ihnen erwartet.

Vorschlag 7.: Machen sie irgendetwas „anders“. Anders als sonst im Jahr, anders als andere Leute, anders als üblich. Sofern es nicht ohnehin zu Ihren Gewohnheiten gehört, könnte das z. B. eine Zeit der Stille und der Besinnung an jedem Tag des Advent sein. Oder der schon erwähnte Brief an jemanden, der sonst nie einen Brief bekommt. Ein Fastenvorsatz. Oder ein Experiment, auf das nur sie kommen…

Vorschlag 8.: Denken sie kritisch darüber nach, ob und wem sie etwas schenken wollen.

Mir scheint, als nähme die Schenkerei überhand. Nicht nur den finanziellen Aufwand betreffend, sondern auch, was den Kreis der Beschenkten angeht. Wurden früher fast ausschließlich Kinder beschert, so sind es heute offensichtlich auch immer mehr die entfernteren Freunde oder sogar Arbeitskollegen. Das Resultat sind dann der vielbeklagte Weihnachsstess („Ich muss nocht 36 Geschenke besorgen!“) auf der einen Seite und mit Schnickschnack vollgestopfte Schränke auf der anderen Seite. Was ich im letzten Jahr alles an Dankeschön-Nippes, Kerzen, schal gewordenem Wein und nie benutzem Krimskrams aus der Wohnung meiner Eltern entsorgen musste, war unbeschreiblich!

Vorschlag 9.: Verzichten Sie auf einen Weihnachtsbaum. Der Anbau in Monokulturen schadet mit seinem Einsatz an Düngemitteln und Pestiziden der Umwelt. Und das Fällen eines Baumes als Deko für ein paar Tage ist eine Verschwendung von Leben!

Als ich 14 oder so war, sind meine Eltern von einem Baum auf ein etwas größeres Gesteck in einer Vase umgestiegen. Dazu musste nicht das ganze Wohnzimmer umgeräumt werden. Der Stimmung tat das nicht den geringsten Abbruch! Im Gegenteil: Viel Unruhe, die mit Baumbeschaffen, -aufbauen und -schmücken verbunden war, fiel weg.

Vorschlag 10.: Eigentlich der entscheidende Vorschlag:

Feiern sie nicht einfach „Weihnachten“, sondern die Geburt Christi!

Z. b., in dem sie eine Weihnachtskrippe zum optischen Zentrum ihres Zimmers machen. (Wenn Sie keine Krippenfiguren haben, lohnt sich dafür vieleleicht doch ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt!)

Nehmen Sie sich an allen Weihnachtstagen gemeinsam Zeit für eine häusliche Andacht, für Gebet und dem Lesen der Geburtsgeschichte aus der Bibel (Lukas 2, 1-20; Matthäus 1, 18 – 2, 12 oder, – ganz anders! – Johannes 1, 1 – 14). Das wirkt auf den ersten Blick pietistisch altbacken, ist in unserer säkularen Welt aber revolutionär. Wie Weihnachten zur Zeit des römischen Kaiseres Caracalla. Damals hatte der Kirchenvater Hippolytos die Christen seines Bistums aufgerufen, das staatliche Fest des Sonnengottes Sol invictus zu boykottieren. Und dafür denjenigen zu feiern, der für Christen das Licht der Welt ist.

Denken Sie darüber nach, was ihnen das bedeutet. Oder auch nicht bedeutet. Oder was Sie daran befremdet. Reden Sie darüber in der Familie, unter Feunden.

Verzichten sie dafür auf jene rührselig-kitschigen Geschichten, die bei manchen Weihnachtsfeiern gerne vorgelesen werden und deren Süßlichkeit den wahren Anlass des Festes begräbt wie der Puderzucker den Stollen.

Und boykottieren Sie alles, was mit dem „Weihnachtsmann“ zu tun hat. Denn dieser ist eine Karrikatur Gottes: ein gutmütiger – früher auch strafender – Wunscherfüller mit Rauschebart und Wohnsitz im Himmel, an den zu glauben man aufhört, sobald man aufgeklärt genug ist. Nach meiner Erfahrung als Vater tut es dem „Knistern“ bei der Bescherung der Kinder nicht den geringsten Abbruch, wenn kein Weinachtsmann im Spiele ist.

Nehmen Sie an den Gottesdiensten in ihrer Kirchengemeinde teil. Aber erwarten sie von der Christmette am Heiligen Abend nicht zu viel: Dort ist es oft voll und laut. Da gehen viele Leute hin, nur weil es „üblich“ ist oder „irgendwie dazugehört“ und weil sie es mögen, wenn bei „Stille Nacht, heilige Nacht“ die Lichter ausgehen. Aber am ersten und zweiten Festtag ist es wesentlich ruhiger.

In diesem Sinne: Einen besinnlichen Advent und ein gesegnetes Christfest!

Gott schuf nicht den Lärm. Zur Werbekampagne eines Popmusiksenders.


Werbung berührt mich wenig. Natürlich sehe ich Plakate an Litfaßsäulen, an Bushaltestellen und auf Bahnhöfen. Manchmal, wenn ich auf den Zug warten muss, analysiere ich Bildaufbau und die verwendete Symbolsprache. Im Hinblick auf die dort verkörperten Werte denke ich: Nicht meine Welt. Das tangiert mich alles nicht. Es rauscht auch vieles an mir vorbei. Sogar die nur mit einer Netzstrumpfhose bekleidete Schöne auf dem Plakat einer Modekette entging meiner Aufmerksamkeit, bis mich jemand darauf ansprach. Die Nacktheit der Dame regte mich nicht auf, weder als Mann mit Blick für das schöne Geschlecht noch als Christ mit Achtung vor der Würde der Frau. Es ist eben eine fremde Welt, es berührt mich wenig.

Als ich gestern mit dem Bus durch die Stadt fuhr, sah ich jedoch Plakate, die mich aufmerken ließen. Sie zeigten ein kitschiges Jesusbild im Nazoräerstil mit der Aufschrift:

Und Gott sprach: „Es werde laut!“

Für alles, was dir heilig ist.

Dann der Hinweis auf einen privaten Radiosender mit der Behauptung, der einzige mit guter Musik zu sein. Ein Widerspruch in sich: Ein Sender für das, was mir heilig ist, aber Gott selbst ist nicht mehr heilig. Man darf ihm jeden Nonsense in den Mund legen. Gott wird zu einer Figur wie der Weihnachtsmann oder Rotkäppchen. Dass er nicht existent ist, wird als Konsens vorausgesetzt. Das Attribut „heilig“ wird sinnentleert. Ob die Werbetexter das Groteske ihres an sich trivialen Plakates bemerkt haben? Ich vermute: nein.

Die Stadt, in der ich lebe, war die erste in Westdeutschland, in der die Christen gegenüber den Ungläubigen und religiös Gleichgültigen in die Minderheit geriet. Alltagsatheismus ist mir also nicht neu. Auch, dass man sich über Kirchen und ihre Amtsträger belustigt, bin ich gewöhnt. Als jemand, der das Neue Testament gelesen hat, wundert mich das nicht einmal. Und sie, die Kirchen, haben ja auch selbst gut dazu beigetragen.

Was ich für eine neue Dimension halte, ist, dass Gott selbst und der antiquiert-süßlich abgebildete Jesus als werbetechnisch verfügbar, weil irreal, betrachtet werden. Das letzte Tabu (polynesich für „heilig“) ist gebrochen.

Eine schmerzhafte Erkenntnis. Aber heilsam, wenn man es begreift.  Sie zwingt zur Standortbestimmung: Wir leben jenseits eines christlichen Abendlandes. Sofern es so etwas überhaupt jemals gegeben hat.

Was tun?

Auf Internetforen werden verletzliche Gemüter vermutlich wieder fragen, ob man solche Werbekampagnen verbieten lassen und ihre Urheber anzeigen kann. Ich halte das für Unfug. Aufgeregtes Hühnergegacker wirkt nur lächerlich. Gleiches gilt für einen Hagel von Protestschreiben. Auch ein Boykottaufruf wäre albern. Der Sender bedient ohnehin kirchenferne Millieus (prekäres und hedonistisches Millieu), ein Boykott von Christen spielt da gar keine Rolle. Für jenen Radiosender wäre ein öffentlicher Aufruhr einiger Frommer nur willkommene Publicity.

Das Plakat ist nicht nur wegen der Verkehrung des begriffes „heilig“ grotesk, sondern weil es das Wesen Gottes umkehrt. Wen Gott berühren wollte, den führte er nicht in den Lärm, sondern in die Stille. Oft auch in die Wüste.

Gott selbst schweigt. Auch zu diesem Plakat. Für mich schweigt Gott bedrohlich laut.

Letztens schrieb ich, „Lasst uns über Gott reden lernen!“ Das heißt auch, die Sache mit dem Schweigen zu lernen. Nicht etwa Gott zu verschweigen, sondern über Gott als einen Unbegreifbaren zu reden. Als einen, der nicht verfügbar ist: nicht für unsere Phantasie, nicht für die Theologie und erst recht nicht für den Kommerz. Dem wir aber trotzdem begegnen können. Z. B. in dem wir den Lärm – auch den der Popmusik – mal hinter uns lassen und in die Stille gehen. An Orten und Zeiten, die uns heilig sind.

Und das sollte man uns anmerken.

 

Lasst uns über Gott reden lernen!


„Wenn du nach dem Preis des Brotes fragst, antwortet man dir, der Vater ist größer als der Sohn und der Sohn dem Vater untergeordnet. Wenn du fragst, ob das Bad schon hergerichtet ist, antwortet man dir, der Sohn ist aus dem Nichts geschaffen.“

Gregor von Nyssa

Fundamentaltheologische Diskussionen im Bäckerladen und in der Badeanstalt, – zur Zeit Gregors (4. Jhdt.) offensichtlich selbstverständlich. Kein Wunder, möchte man meinen, damals wurde eben heftig über die Trinitätslehre debattiert. Die Christen mussen in der Vielzahl theologischer Ansichten und religiöser Splittergruppen ihren Weg erst  finden. Dabei half der offene Dialog, die Kontroverse. Und das geschah nicht nur auf den Bischofskonzilien, sondern auch im Alltag.

Heute ist das anders geworden. Reden über Religion gilt als peinlich. Wenn überhaupt, dann findet es in irgendwelchen Nischen statt, in Hauskreisen, Bibelgruppen, oder, wenn es hoch kommt, auf Kirchentagen. Aber Alltag ist das nicht. Entsprechend gering ist die Fähigkeit, überhaupt Glaubensinhalte in Worte zu fassen. Zu Pfingsten bat ein Reporter einer Kirchenzeitung bei uns die Kirchgänger, in wenigen Sätzen zu sagen, was der Heilige Geist sei. Das Ergebnis war irgendwo zwischen peinlich und niederschmetternd. Einige konnten trinitarische Bekenntnisformeln repetieren, aber nur ein einziger hatte eine Vorstellung vom Heiligen Geist.

Dabei ist die religiöse Landschaft heutzutage ähnlich vielfältig wir zur Zeit Gregors von Nyssa. Das Abendland ist längst nicht mehr nur christlich (sofern es das jemals war). Juden leben nicht mehr in Ghettos, Muslime bauen Moscheen, Hippies brachten in den 70ern hinduistisches Gedankengut aus Indien mit, Zen wird an Volkshochschulen gelehrt, der Dalai Lama gilt auch hier als Weiser, Popularesoterik ist allgegenwärtig. Aber die Fähigkeit zum religösen Dialog fehlt bei vielen. Und das  nicht nur bei den in Glaubenssachen Gleichgültigen.

Einer Laune folgend gab ich „Christentum“ in das Suchfenster bei Facebook, landete bei einer Gruppe mit dem Namen „Christentum verstehen“ und stöberte dort ein bischen herum. Ich denke, gerade Webforen bieten, weil etwas abseits des unmittelbaren Lebensumfeldes, eine gute Chance zum ungezwungenen Austausch. Dabei störte es mich nicht, dass diese Facebook-Gruppe offensichtlich von missionseifrigen Muslimen gegründet worden war. Traurig war ich über die Art und Weise der Diskussionen. Die Muslime, die sich dort betätigten, verbreiteten dort antichristliche Propaganda, die sie irgendwo im Internet zusammengeklaubt hatten. Es war nur wenig wirkliche Reflektion erkennbar. Als ich einen, der eifrig über Paulus räsonierte, fragte, welche neutestamentlichen Schriften er selbst gelesen hatte, blieb er mir die Antwort schuldig. Er hatte alles nur aus zweiter oder dritter Hand.

Um die Christen in der Runde stand es nicht besser.

„Jesus ist Gott “ alles andere ist eine Lüge die euch ins verderben bringt !!! Die Bibel ist Gottes Wort !!!

schrieb jemand, ohne sich die Mühe zu machen, seinen Glauben zu erklären. Ein anderer bewies dagegen ein gerüttelt Maß an theologischer und philosophischer Bildung, überforderte seine Leser aber mit ellenlangen detaillierten Abhandlungen in einem Seminarstil, den ein Andersgläubiger niemals hätte nachvollziehen können. Die Diskussion entgleiste immer dann, wenn jemand meinte, sein Gegenüber über dessen Religion informieren zu müssen, statt die eigenen Überzeugungen zu erklären.

Die Unfähigkeit zu religiöser Rede ist nicht neu. Während im vierten Jahrhundert, wie Gregor beschreibt, theologische Inhalte noch Tagesgespräch waren, so ist 300 Jahre später z. B. auf der Arabischen Halbinsel nur noch wenig angekommen. Nach den Zeugnissen des Koran scheint Mohammed vom Christentum nur die Geburtsgeschichte Jesu nach Lukas und einige fromme Legenden, darunter das Kindheitsevangelium nach Thomas (eine damals populäre apokryphe Trivialschrift) gekannt zu haben, jedoch nichts von der Bergpredigt oder dem Evangelium vom Reich Gottes oder sonst irgendein Jesuswort. Dabei hatte Mohammed Umgang mit Christen, darunter eine seiner Frauen. Offensichtlich wussten sie wenig. Die Konsequenz war ein verzerrtes Bild vom Christentum, dass in jener Form zwangsläufig von Mohammed und seinen Anhängern abgelehnt werden musste.

Und wir? Können wir unseren Glauben Andersgläubigen darlegen? Vielleicht dann, wenn wir eine Jüngerschaftsschule besucht oder eine Ausbildung als Katechet absolviert haben. Ich habe es jedenfalls nicht gelernt. Dabei wäre es wichtig!

Lasst uns wieder anfangen, über Gott zu reden! Wenn wir es nicht können, lasst es uns lernen!

Link

Spero – Peregrina

Bild mit freundlicher Erlaubnis von Bruder Bernd ofs.

Spero -Peregrina

Das kurze, eigene Weblog der in der christlichen Forenszene legendären Forenschreiberin Spero – Peregrina. Sie war eine hoffnungsfroche Christin und eine wunderbare Lehrerin der ars morendi.

http://peregrina.blog.de
Bild nach Speros Avatar, mit freundlicher Erlaubnis von Bruder Bernd OFS.

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