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Gott schuf nicht den Lärm. Zur Werbekampagne eines Popmusiksenders.

2. April 2014

Werbung berührt mich wenig. Natürlich sehe ich Plakate an Litfaßsäulen, an Bushaltestellen und auf Bahnhöfen. Manchmal, wenn ich auf den Zug warten muss, analysiere ich Bildaufbau und die verwendete Symbolsprache. Im Hinblick auf die dort verkörperten Werte denke ich: Nicht meine Welt. Das tangiert mich alles nicht. Es rauscht auch vieles an mir vorbei. Sogar die nur mit einer Netzstrumpfhose bekleidete Schöne auf dem Plakat einer Modekette entging meiner Aufmerksamkeit, bis mich jemand darauf ansprach. Die Nacktheit der Dame regte mich nicht auf, weder als Mann mit Blick für das schöne Geschlecht noch als Christ mit Achtung vor der Würde der Frau. Es ist eben eine fremde Welt, es berührt mich wenig.

Als ich gestern mit dem Bus durch die Stadt fuhr, sah ich jedoch Plakate, die mich aufmerken ließen. Sie zeigten ein kitschiges Jesusbild im Nazoräerstil mit der Aufschrift:

Und Gott sprach: „Es werde laut!“

Für alles, was dir heilig ist.

Dann der Hinweis auf einen privaten Radiosender mit der Behauptung, der einzige mit guter Musik zu sein. Ein Widerspruch in sich: Ein Sender für das, was mir heilig ist, aber Gott selbst ist nicht mehr heilig. Man darf ihm jeden Nonsense in den Mund legen. Gott wird zu einer Figur wie der Weihnachtsmann oder Rotkäppchen. Dass er nicht existent ist, wird als Konsens vorausgesetzt. Das Attribut „heilig“ wird sinnentleert. Ob die Werbetexter das Groteske ihres an sich trivialen Plakates bemerkt haben? Ich vermute: nein.

Die Stadt, in der ich lebe, war die erste in Westdeutschland, in der die Christen gegenüber den Ungläubigen und religiös Gleichgültigen in die Minderheit geriet. Alltagsatheismus ist mir also nicht neu. Auch, dass man sich über Kirchen und ihre Amtsträger belustigt, bin ich gewöhnt. Als jemand, der das Neue Testament gelesen hat, wundert mich das nicht einmal. Und sie, die Kirchen, haben ja auch selbst gut dazu beigetragen.

Was ich für eine neue Dimension halte, ist, dass Gott selbst und der antiquiert-süßlich abgebildete Jesus als werbetechnisch verfügbar, weil irreal, betrachtet werden. Das letzte Tabu (polynesich für „heilig“) ist gebrochen.

Eine schmerzhafte Erkenntnis. Aber heilsam, wenn man es begreift.  Sie zwingt zur Standortbestimmung: Wir leben jenseits eines christlichen Abendlandes. Sofern es so etwas überhaupt jemals gegeben hat.

Was tun?

Auf Internetforen werden verletzliche Gemüter vermutlich wieder fragen, ob man solche Werbekampagnen verbieten lassen und ihre Urheber anzeigen kann. Ich halte das für Unfug. Aufgeregtes Hühnergegacker wirkt nur lächerlich. Gleiches gilt für einen Hagel von Protestschreiben. Auch ein Boykottaufruf wäre albern. Der Sender bedient ohnehin kirchenferne Millieus (prekäres und hedonistisches Millieu), ein Boykott von Christen spielt da gar keine Rolle. Für jenen Radiosender wäre ein öffentlicher Aufruhr einiger Frommer nur willkommene Publicity.

Das Plakat ist nicht nur wegen der Verkehrung des begriffes „heilig“ grotesk, sondern weil es das Wesen Gottes umkehrt. Wen Gott berühren wollte, den führte er nicht in den Lärm, sondern in die Stille. Oft auch in die Wüste.

Gott selbst schweigt. Auch zu diesem Plakat. Für mich schweigt Gott bedrohlich laut.

Letztens schrieb ich, „Lasst uns über Gott reden lernen!“ Das heißt auch, die Sache mit dem Schweigen zu lernen. Nicht etwa Gott zu verschweigen, sondern über Gott als einen Unbegreifbaren zu reden. Als einen, der nicht verfügbar ist: nicht für unsere Phantasie, nicht für die Theologie und erst recht nicht für den Kommerz. Dem wir aber trotzdem begegnen können. Z. B. in dem wir den Lärm – auch den der Popmusik – mal hinter uns lassen und in die Stille gehen. An Orten und Zeiten, die uns heilig sind.

Und das sollte man uns anmerken.

 

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One Comment
  1. Simonski permalink

    Danke für Deine Ausführungen! Sie sprechen mir aus dem Herzen. Allerdings finde ich es gut, wenn wir als Christen den Mund aufmachen. Es kann sein, dass der Radiosender dadurch mehr Publicity bekommt. Aber dadurch sehen auch die anderen Menschen, dass es uns nicht egal ist, wenn der Name Gottes auf solch eine krasse Weise missbraucht wird. Wir sind immerhin seine Kinder und Botschafter auf dieser Welt. Also seine Augen, seine Arme, sein Mund, seine Beine und sein Ohr, die wie Gideon Göttzen und Altäre einreißen können. Gottes Segen und bis spätestens im Himmel 🙂
    simonski

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