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Lasst uns über Gott reden lernen!

4. März 2014

„Wenn du nach dem Preis des Brotes fragst, antwortet man dir, der Vater ist größer als der Sohn und der Sohn dem Vater untergeordnet. Wenn du fragst, ob das Bad schon hergerichtet ist, antwortet man dir, der Sohn ist aus dem Nichts geschaffen.“

Gregor von Nyssa

Fundamentaltheologische Diskussionen im Bäckerladen und in der Badeanstalt, – zur Zeit Gregors (4. Jhdt.) offensichtlich selbstverständlich. Kein Wunder, möchte man meinen, damals wurde eben heftig über die Trinitätslehre debattiert. Die Christen mussen in der Vielzahl theologischer Ansichten und religiöser Splittergruppen ihren Weg erst  finden. Dabei half der offene Dialog, die Kontroverse. Und das geschah nicht nur auf den Bischofskonzilien, sondern auch im Alltag.

Heute ist das anders geworden. Reden über Religion gilt als peinlich. Wenn überhaupt, dann findet es in irgendwelchen Nischen statt, in Hauskreisen, Bibelgruppen, oder, wenn es hoch kommt, auf Kirchentagen. Aber Alltag ist das nicht. Entsprechend gering ist die Fähigkeit, überhaupt Glaubensinhalte in Worte zu fassen. Zu Pfingsten bat ein Reporter einer Kirchenzeitung bei uns die Kirchgänger, in wenigen Sätzen zu sagen, was der Heilige Geist sei. Das Ergebnis war irgendwo zwischen peinlich und niederschmetternd. Einige konnten trinitarische Bekenntnisformeln repetieren, aber nur ein einziger hatte eine Vorstellung vom Heiligen Geist.

Dabei ist die religiöse Landschaft heutzutage ähnlich vielfältig wir zur Zeit Gregors von Nyssa. Das Abendland ist längst nicht mehr nur christlich (sofern es das jemals war). Juden leben nicht mehr in Ghettos, Muslime bauen Moscheen, Hippies brachten in den 70ern hinduistisches Gedankengut aus Indien mit, Zen wird an Volkshochschulen gelehrt, der Dalai Lama gilt auch hier als Weiser, Popularesoterik ist allgegenwärtig. Aber die Fähigkeit zum religösen Dialog fehlt bei vielen. Und das  nicht nur bei den in Glaubenssachen Gleichgültigen.

Einer Laune folgend gab ich „Christentum“ in das Suchfenster bei Facebook, landete bei einer Gruppe mit dem Namen „Christentum verstehen“ und stöberte dort ein bischen herum. Ich denke, gerade Webforen bieten, weil etwas abseits des unmittelbaren Lebensumfeldes, eine gute Chance zum ungezwungenen Austausch. Dabei störte es mich nicht, dass diese Facebook-Gruppe offensichtlich von missionseifrigen Muslimen gegründet worden war. Traurig war ich über die Art und Weise der Diskussionen. Die Muslime, die sich dort betätigten, verbreiteten dort antichristliche Propaganda, die sie irgendwo im Internet zusammengeklaubt hatten. Es war nur wenig wirkliche Reflektion erkennbar. Als ich einen, der eifrig über Paulus räsonierte, fragte, welche neutestamentlichen Schriften er selbst gelesen hatte, blieb er mir die Antwort schuldig. Er hatte alles nur aus zweiter oder dritter Hand.

Um die Christen in der Runde stand es nicht besser.

„Jesus ist Gott “ alles andere ist eine Lüge die euch ins verderben bringt !!! Die Bibel ist Gottes Wort !!!

schrieb jemand, ohne sich die Mühe zu machen, seinen Glauben zu erklären. Ein anderer bewies dagegen ein gerüttelt Maß an theologischer und philosophischer Bildung, überforderte seine Leser aber mit ellenlangen detaillierten Abhandlungen in einem Seminarstil, den ein Andersgläubiger niemals hätte nachvollziehen können. Die Diskussion entgleiste immer dann, wenn jemand meinte, sein Gegenüber über dessen Religion informieren zu müssen, statt die eigenen Überzeugungen zu erklären.

Die Unfähigkeit zu religiöser Rede ist nicht neu. Während im vierten Jahrhundert, wie Gregor beschreibt, theologische Inhalte noch Tagesgespräch waren, so ist 300 Jahre später z. B. auf der Arabischen Halbinsel nur noch wenig angekommen. Nach den Zeugnissen des Koran scheint Mohammed vom Christentum nur die Geburtsgeschichte Jesu nach Lukas und einige fromme Legenden, darunter das Kindheitsevangelium nach Thomas (eine damals populäre apokryphe Trivialschrift) gekannt zu haben, jedoch nichts von der Bergpredigt oder dem Evangelium vom Reich Gottes oder sonst irgendein Jesuswort. Dabei hatte Mohammed Umgang mit Christen, darunter eine seiner Frauen. Offensichtlich wussten sie wenig. Die Konsequenz war ein verzerrtes Bild vom Christentum, dass in jener Form zwangsläufig von Mohammed und seinen Anhängern abgelehnt werden musste.

Und wir? Können wir unseren Glauben Andersgläubigen darlegen? Vielleicht dann, wenn wir eine Jüngerschaftsschule besucht oder eine Ausbildung als Katechet absolviert haben. Ich habe es jedenfalls nicht gelernt. Dabei wäre es wichtig!

Lasst uns wieder anfangen, über Gott zu reden! Wenn wir es nicht können, lasst es uns lernen!

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10 Kommentare
  1. Trotz des schlechten Stils: Die oben erwähnte Facebook-Disussion ist durchaus aufschlussreich! Sie offenbart die großen Probleme der teilnehmenden Muslime, die Berührung des Heiligen mit der Sünde für möglich zu halten. Eine Bibel, in der sündhaftes Leben, sogar jenes von Gottesmännern beschrieben ist, kann keine „heilige“ Schrift sein. Jesus „kann“ einfach nicht mit dem Schandmal des Kreuzes in Berührung gekommen sein, weil es sich nicht mit der Vorstellung eines allmächtigen Gottes vereinen lässt.

    Die Bibel macht schon deshalb Probleme, weil sie wegen ihrer Vielgestaltigkeit und des historischen Prozesses ihrer Entstehung interpretiert werden muss. Wer mit der Eindeutigkeit des Koran aufgewachsen ist, erwartet eine entsprechende 1:1 Umsetzbarkeit von Lehre und Leben auch von der Bibel und kommt allein deshalb nicht mit ihr klar.

  2. Ich habe mir vor einiger Zeit mal den folgenden Satz notiert:

    „Rede nur (über Christus), wenn du gefragt wirst. Aber lebe so, dass man dich fragt!“ Paul Claudel

    Meine Schwierigkeit liegt im Leben des Glaubens, nicht im Reden darüber. Wenn ich irgendwo auffällig geworden bin und mich jemand fragt, mit echtem Interesse, dann fällt mir schon das Richtige ein.

  3. Stimme voll Thomas zu und, natürlich Claudel. Mir fällt da auch das Richtige ein, wenn ich gefragt werde.

    Über unseren Glauben zu diskutieren ist schon mit gleichgläubigen schwierig, mit jenen die einen total anderen Glauben und vor allen Dingen, aus verschiedenen Lebensumständen kommen, ist es schier unmöglich sich verständlich zu machen.
    Ausserdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass diese Diskussionen wenig interessieren, jeder will Recht haben, auch ich, da ich meine, dass ich wirklich Recht habe mit meinem Glauben. 🙂

  4. „Rede nur (über Christus), wenn du gefragt wirst. Aber lebe so, dass man dich fragt!“ (Paul Claudel)

    Der Satz ist mir vertraut.
    Aber wie geht das denn, so zu leben, dass man nach seinem Glauben gefragt wird?
    Ich habe darauf noch keine Antwort bekommen. Und auch selber keine gefunden.

    Es reicht jedenfalls nicht, ein moralisch vorbildliches Leben zu führen, Nächstenliebe zu praktizieren, sich sozial oder sonstwie zu engagieren.

    Kein Mensch kommt auf die Idee, uns nach dem „Warum“ zu fragen. Und selbst wenn, dann würde das Gespräch wohl nicht auf den Glauben kommen. Wenn ich etwas Gutes tue, dann tue ich es ja, weil ich das für richtig halte und nicht, weil ich eine bestimmte Religion habe. Im übrigen haben Christen ja auch kein Monopol auf Nächstenliebe und Barmherzigkeit.

    Natürlich bringt es auch wenig, sich wie ein hiesiger Schulhausmeister auf den Bahnhofsvorplatz zu stellen und Bibelverse zu deklamieren. Der Mut des frommen Mannes mag beeindrucken, aber insgsammt wirkt dieses Zeugnis eher lächerlich oder gar abschreckend.

    Also muss man dorthin gehen, wo Leute bereit sind zuzuhören und wo Raum für den Austausch ist. Das können, müssen aber nicht, Internetforen sein. Auch die kirchliche Katechese bietet Möglichkeiten. Bei uns werden z. B. für Firmlinge „ganz gewöhnliche“ Gemeindechristen als Gesprächspartner angeworben, die sich mit den jungen Leuten ein paar mal privat treffen und dabei etwas über das ganz individuelle Leben als Christ erzählen.

    Für mich ist es wichtig, meinen Glauben auch durch Symbole, z. B. ein Kreuz am Rucksack oder an der Kleidung, sichtbar zu machen. Nicht, um meine Frömmigkeit zur Schau zu stellen, sondern um als Christ erkennbar und damit ansprechbar zu sein.

  5. Ein Rezept habe ich nicht und Meister der Nächstenliebe bin ich auch nicht. Mein Eindruck ist aber, dass alle schon mehr als genug religiöses Gesülze mit weit überdehnten Begriffen und ohne Konsequenzen gehört haben und sofort abdrehen, wenn sich irgendwas danach anhört.

    Als Beispiele für nonverbale Auslöser von Zuhörensbereitschaft fallen mir ein.

    a) Ein ehemaliger Schulfreund, von dem mir ein Fußballkumpel mal am konkreten Beispiel berichtete, wie unüblich hilfsbereit der doch sei und mit einer Mischung von Erstaunen und Respekt ergänzte: Tja, Freikirche halt!
    b) Der neue und bei ihm authentische Stil von Papst Franziskus, der dazu beiträgt, dass ihm viele Menschen über Konfessions- und sogar Glaubensgrenzen hinweg zuhören.
    c) Der letztjährige Gründonnerstag, wo ich frei hatte und abends zum Gottesdienst gegangen bin. Mein 17-jähriger Sohn schüttelte zunächst nur verständnislos den Kopf. Da er etwas anderes in der Stadt vorhatte, fuhr er mit mir mit und auf den 10 min Wegzeit hatten wir ein knappes, aber intensives Gespräch zum Glauben, das wir hinterher noch fortgesetzt haben.

  6. „Tja, Freikirche halt!“
    Okay, aber woher wusste jener Fussballkumpel denn, dass der Schulkamerad ein Freikirchler war?
    Der Freikirchler wird wohl irgendwann mal darüber geredet haben, oder?
    Und wurde er auch nach seinem Glauben gefragt? Kam ein Gespräch zustande? Oder begnügte man sich mit dem Etitkett „Freikirche“?

  7. In unserer fast durchgängig ev.-luth. ländlichen Gegend wussten wir bei der Handvoll Leute, die wir nicht im Konfirmandenunterricht wiedertrafen, ob sie katholisch, freikirchlich oder orthodox waren. Das bekam man schon bei der Einteilung zum Religionsunterricht mit. Mein baptistischer Schulfreund trug seinen Glauben nicht auffällig vor sich her, er war ihm aber auch nicht peinlich wie dem einen oder anderen sonst (mir ehrlich auch, zeitweilig).

    Wir hatten uns über häufiges Schachspielen in der Pause kennengelernt und uns öfters mal zu Hause getroffen. Irgendwann hatte er mich dann mal zu seiner christlichen Jugendgruppe eingeladen. Dort gab es eine solide Gebets- und Bibelarbeitspraxis, aber sonst haben wir uns auch mehr über Fußball, Musik und Spaß unterhalten. Verbale Missionsversuche hat da keiner an mir unternommen, das hätte ich auch mit Verärgerung abgelehnt.

    Was in der oben geschilderten Situation sonst gelaufen ist, weiß ich nicht, weil ich nicht dabei war und auch nicht weiter nachgefragt habe. Für wahrscheinlich halte ich es, dass es bei der Etikettierung geblieben ist.

  8. Ich denke schon, dass ich über meinen Glauben authentisch Auskunft geben kann, aber ebenso auch Glaubensinhalte, die für Außenstehende unverständlich sind, erklären kann. Natürlich sind solche Gespräche nicht so häufig, aber ich habe einige Freunde und Gruppen, mit denen bereichernder Austausch stattfindet. Ein Austausch auf Augenhöhe, in dem sich jeder bewusst ist, dass er keine letztgültige Wahrheit besitzt und Interesse hat, den Anderen zu verstehen.
    Ich finde ich es schade, dass es nicht mehr Menschen gibt, die nachfragen, aber ich schätze, die Hemmschwelle ist einfach zu hoch.
    „lebe so, dass du gefragt wirst“ – vielleicht geht es hier nicht nur um Nächstenliebe, sondern darum, den Glauben in den Alltag einzubringen, auch gegen die üblichen Konventionen. Zum Beispiel, sonntags zum Gottesdienst zu gehen, abends/morgens/vor dem Essen zu beten, Gelassenheit und Gottvertrauen wo andere sich sorgen, ehrliche und bedingungslose Vergebung…. Denn das sind die Dinge, die nicht mehr üblich sind.

  9. ocelot152 permalink

    Danke für diesen Beitrag.

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  1. Lesenswert #10: Baustellen, Karten und Rechtschreibkorrekturen | theologiestudierende.de

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