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Alternativen zum Main-Stream-Weihnachten? Ein Aufruf zu kulturellem Ungehorsam.

1. Dezember 2014

„In der Abteilung geht die Liste für die Weihnachtsfeier rum,“ brummelt meine Liebste. „Ich hab mich noch nicht eingetragen. Vielleicht nehme ich mir da einen Zahnarzttermin.“

„Lieber zum Zahnarzt als mit den Kollegen feiern?“ Das klingt wenig begeistert.

„Ja, ist doch irgendwie verlogen. Das ganze Jahr hetzen sie einen in den Burnout, und nun auf einmal Friede, Freude, Weinachtsstollen! Eigentlich haben fast alle keine Lust. Es traut sich nur keiner, ’nein‘ zu sagen.“

Es ist also wieder soweit. In den Supermärkten liegt schon seit Anfang September Weihnachtsgebäck. Die Einkaufsstraßen sind jetzt auch festlich illuminiert, Weihnachtsmärkte sind eröffnet, die Tageszeitung quillt vor Werbebeilagen über. Feiern in Betrieben, Kindergärten, Vereinen, Bazare in den Kirchengemeinden. Und allenthalben Klagen darüber, dass es zu viel ist, Genörgel über den Konsumrausch, auch das Missfallen über den Weihnachsstress kommt „alle Jahre wieder“.

Ich habe keine Lust, in das allgemeine Lamento einzustimmen, obwohl ich dem gegenwärtigen Rummel auch sehr kritisch gegenüberstehe. Ich will niemandem seine vorweihnachtliche Stimmung verderben, wenn er diese beim Shoppen in der Fußgängerzone oder an Glühweinständen auf dem Rathausplatz findet. Jedem das Seine!

Ich möchte statt dessen den Frustrierten vorschlagen, über Alternativen nachzudenken. Ganz praktisch und ganz einfach. Was kann man anders machen? Was weglassen? Was sind vielleicht auch hilfreiche Traditionen aus der Vergangenheit, auf die man zurückgreifen kann? Man muss ja nicht alles verdammen. Im Gegenteil: Manch altes Brauchtum steht dem modernen Mainstream so entgegen, dass es einem geradezu revolutionär vorkommt, es mal so zu machen.

Manche, die sich jeglicher Weihnachtlichkeit entzogen haben und alles boykottierten, sind am Heiligen Abend in die akute Depri gerutscht, und das muss ja nun auch nicht sein. Es geht also um Alternativen, nicht um Totalverzicht.

Also los:

Vorschlag 1.: Überlegen sie sich, und das am besten gemeinsam mit ihrer Familie oder denen, mit denen Sie zusammen leben, was sie von diesem Fest erwarten. Oder nicht erwarten. Was ist wichtig, was nicht?

Ich vermute, dass viel Frust dadurch zustande kommt, dass Erwachsene Weihnachtsgefühle und -erlebnisse ihrer  Kindheit aufleben lassen möchten, aber nicht realisieren, dass sie in einem neuen Lebensabschnitt angekommen sind und mit anderen Menschen zusammeleben, die ganz andere Erwartungen haben.

Manchmal kann es dagegen gut sein, auf Familientraditionen zurückzugreifen. Man muss das Fest nicht jedes Jahr neu erfinden. Die Erfahrung gibt Sicherheit. Aber man sollte nichts nur deshalb tun, „weil es immer schon so war“. Und erst recht nicht, weil andere es „so“ machen.

Vorschlag 2.: Unterscheiden Sie Advent von Weihnachten. Der Advent ist eigentlich kein nach vorne verlängertes Weihnachten, sondern eine Zeit der inneren Einkehr. Früher wurde sogar gefastet: das Gegenteil von dem, was heute so läuft. Der Grund, nicht zu einer betrieblichen Weihnachtsfeier zu gehen, wäre also, „weil noch nicht Weihnachten ist“. Das kracht natürlich erstmal, wenn man so antwortet. Aber es kann sich dann ja ein Gespräch daraus entwickeln, in dem sich viel von Hoffnungen und Frust erklären lässt.

Weihnachten beginnt mit dem Vorabend (der Vigil) des 25. Dezember und dauert bis zum Fest der „Darstellung des Herrn“ (Dreikönigstag) am 6. Januar.

Vorschlag 3.: Fahren sie im Advent die Aktivitäten herunter. Nehmen sie keine Termine an, die nicht zwingend notwendig sind.

Sparen Sie sich auch Adventsbazare. Lassen sie sich nicht dazu nötigen, dafür etwas zu basteln, zu backen oder dort etwas zu kaufen. Denn bemalte Gläser für Teelichte haben Sie ja wahrscheinlich schon genug. Es sei denn, Sie haben einen ganz bestimmten Bedarf (etwa anch einem Adventsgesteck), den Sie dort decken können. Für den guten Zweck des Bazars können sie auch Spenden, ohne hinzugehen.

Ich selbst umgehe auch die Weihnachstsmärkte in der Innenstadt. Das Angebot dort ist das gleiche wie im letzten Jahr und das kenne ich schon. Ich gehe nur hin, wenn ich etwas ganz Bestimmtes gebrauche, was ich woanders nicht finde. Aber das ist selten. Ansonsten meide ich Lärm und Gedränge.

Vorschlag 4.: Basteln sie keinen Adventskalender. Ich meine diese mit 24 Socken oder Säckchen, in denen irgendwelche Kleinigkeiten drin sind. Und wenn, dann nur für Kinder. Aber auch die sollten warten lernen, bis es Geschenke gibt. Und das Warten-Lernen ist ja der eigentliche, ursprüngliche Zweck von Adventskalendern. Also greifen Sie für Kinder auf jene Adventskalender mit aufklappbaren Bildchen zurück, aber ohne Schokolade (die schmeckt meistens sowieso irgendwie billig). Gestalten sie die Zeit für Kinder mit Geschichten und mit Aufmerksamkeit, die sie ihen schenken.

Vorschlag 5.: Halten sie die Dunkelheit aus. Sie gehört nämlich zur Natur und zur Jahreszeit. Verzichten Sie auf aufwendige Illuminationen in Fenstern, auf Balkons oder im Garten. Ich habe beim Blick in die Nachbarschaft manchmal den Verdacht, dass der üppige Lichterglanz an manchen Gebäuden nur ein Zeichen innerer Dunkelheit der Bewohner ist. Aber das ist jetzt vielleich zu sarkastisch… 😉

Bei uns hängt im Advent ein farbiger Papierstern im Fenster, auf dem Tisch haben wir ein kleines Gesteck und eine Kerze. Das reicht völlig für eine adventliche Stimmung!

Vorschlag 6.: Tun sie das, was sie in dieser Zeit unternehmen, bewusst!

Beispiel Weihnachtspost: Schreiben sie niemandem, weil es „Pflicht“ ist. Das gilt auch für Geschäftsleute. Denken sie daran, was es für den Empfänger bedeutet. „Pflichtpost“ lässt nur den Briefkasten überquellen, und das nervt! Die guten Wünsche von der Apotheke und dem Möbelhaus sagen mir ja nur, dass das Computerprogramm für Serienbriefe funktioniert. Ansonsten ist das Papier- und Portoverschwendung.

Ein liebevoll handgeschriebener Brief an einen Menschen, an den sonst niemand denkt, ist dagegen mit allem Gold der Welt nicht aufzuwiegen!

Ähnliches gilt für das Backen: Tun sie es nur, wenn sie es wirklich gern tun und Muße dazu haben! Wenn nicht, dann kaufen Sie, was sie brauchen. Meinetwegen auch auf dem Weihnachtsmarkt.

Konzerte: Gehen sie nur hin, wenn sie wirklich Freude daran haben und es Ihnen gut tut. Nicht, weil es irgendjemand von Ihnen erwartet.

Vorschlag 7.: Machen sie irgendetwas „anders“. Anders als sonst im Jahr, anders als andere Leute, anders als üblich. Sofern es nicht ohnehin zu Ihren Gewohnheiten gehört, könnte das z. B. eine Zeit der Stille und der Besinnung an jedem Tag des Advent sein. Oder der schon erwähnte Brief an jemanden, der sonst nie einen Brief bekommt. Ein Fastenvorsatz. Oder ein Experiment, auf das nur sie kommen…

Vorschlag 8.: Denken sie kritisch darüber nach, ob und wem sie etwas schenken wollen.

Mir scheint, als nähme die Schenkerei überhand. Nicht nur den finanziellen Aufwand betreffend, sondern auch, was den Kreis der Beschenkten angeht. Wurden früher fast ausschließlich Kinder beschert, so sind es heute offensichtlich auch immer mehr die entfernteren Freunde oder sogar Arbeitskollegen. Das Resultat sind dann der vielbeklagte Weihnachsstess („Ich muss nocht 36 Geschenke besorgen!“) auf der einen Seite und mit Schnickschnack vollgestopfte Schränke auf der anderen Seite. Was ich im letzten Jahr alles an Dankeschön-Nippes, Kerzen, schal gewordenem Wein und nie benutzem Krimskrams aus der Wohnung meiner Eltern entsorgen musste, war unbeschreiblich!

Vorschlag 9.: Verzichten Sie auf einen Weihnachtsbaum. Der Anbau in Monokulturen schadet mit seinem Einsatz an Düngemitteln und Pestiziden der Umwelt. Und das Fällen eines Baumes als Deko für ein paar Tage ist eine Verschwendung von Leben!

Als ich 14 oder so war, sind meine Eltern von einem Baum auf ein etwas größeres Gesteck in einer Vase umgestiegen. Dazu musste nicht das ganze Wohnzimmer umgeräumt werden. Der Stimmung tat das nicht den geringsten Abbruch! Im Gegenteil: Viel Unruhe, die mit Baumbeschaffen, -aufbauen und -schmücken verbunden war, fiel weg.

Vorschlag 10.: Eigentlich der entscheidende Vorschlag:

Feiern sie nicht einfach „Weihnachten“, sondern die Geburt Christi!

Z. b., in dem sie eine Weihnachtskrippe zum optischen Zentrum ihres Zimmers machen. (Wenn Sie keine Krippenfiguren haben, lohnt sich dafür vieleleicht doch ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt!)

Nehmen Sie sich an allen Weihnachtstagen gemeinsam Zeit für eine häusliche Andacht, für Gebet und dem Lesen der Geburtsgeschichte aus der Bibel (Lukas 2, 1-20; Matthäus 1, 18 – 2, 12 oder, – ganz anders! – Johannes 1, 1 – 14). Das wirkt auf den ersten Blick pietistisch altbacken, ist in unserer säkularen Welt aber revolutionär. Wie Weihnachten zur Zeit des römischen Kaiseres Caracalla. Damals hatte der Kirchenvater Hippolytos die Christen seines Bistums aufgerufen, das staatliche Fest des Sonnengottes Sol invictus zu boykottieren. Und dafür denjenigen zu feiern, der für Christen das Licht der Welt ist.

Denken Sie darüber nach, was ihnen das bedeutet. Oder auch nicht bedeutet. Oder was Sie daran befremdet. Reden Sie darüber in der Familie, unter Feunden.

Verzichten sie dafür auf jene rührselig-kitschigen Geschichten, die bei manchen Weihnachtsfeiern gerne vorgelesen werden und deren Süßlichkeit den wahren Anlass des Festes begräbt wie der Puderzucker den Stollen.

Und boykottieren Sie alles, was mit dem „Weihnachtsmann“ zu tun hat. Denn dieser ist eine Karrikatur Gottes: ein gutmütiger – früher auch strafender – Wunscherfüller mit Rauschebart und Wohnsitz im Himmel, an den zu glauben man aufhört, sobald man aufgeklärt genug ist. Nach meiner Erfahrung als Vater tut es dem „Knistern“ bei der Bescherung der Kinder nicht den geringsten Abbruch, wenn kein Weinachtsmann im Spiele ist.

Nehmen Sie an den Gottesdiensten in ihrer Kirchengemeinde teil. Aber erwarten sie von der Christmette am Heiligen Abend nicht zu viel: Dort ist es oft voll und laut. Da gehen viele Leute hin, nur weil es „üblich“ ist oder „irgendwie dazugehört“ und weil sie es mögen, wenn bei „Stille Nacht, heilige Nacht“ die Lichter ausgehen. Aber am ersten und zweiten Festtag ist es wesentlich ruhiger.

In diesem Sinne: Einen besinnlichen Advent und ein gesegnetes Christfest!

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From → Spritualität

One Comment
  1. Stefan R. Baudach permalink

    Wunderbar geschriebener Beitrag. Ich hoffe, den einen oder anderen Tipp beherzigen zu können. Ihnen auch ein gesegnetes Christfest.

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