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Urnengang

5. Dezember 2017

An meiner Pinnwand hängt der Liederzettel vom Gottesdienst am 1. Advent. Nicht der Lieder wegen, sondern wegen eines Termins, der auf den Rand gekritzelt ist. Dabei versuche ich eigentlich, mir im Advent alle unnötigen Termine von der Hacke zu halten.

Es ist eine Beerdigung.

Ich war beim Kirchenkaffee nach dem Gottesdienst mit dem Verwaltungschef unseres Stadtfriedhofes ins Gespräch gekommen. Er hätte, so sagte er, „wieder so eine Beisetzung“. Gemeint war eine behördlich angeordnete „Bestattung von Amts wegen“.

Es kommt immer öfter vor, dass Menschen versterben, ohne dass sich Angehörige um irgendetwas kümmern. Oder es gibt überhaupt keine Angehörigen. Dann hat die Kommune dafür zu sorgen, dass der Tote mit Anstand unter die Erde kommt. In der Regel wird er dann eingeäschert, kommt in eine billige Kunsstoffurne und der Friedhofsgärtner gräbt sie auf einem anonymen Gräberfeld ein.

Urnengang2

Meist ein sang- und klangloser Akt. Meinem Gesprächspartner war das in dieser Form unsypathisch. Schon vor ein paar Wochen, als es um zwei verstorbene Katholiken ging, hatte er bei der zuständigen Kirchengemeinde um Hilfe für eine würdigere Bestattung angefragt. Der Diakon erklärte sich bereit, eine kleine Feier zu gestalten und – tres faciunt ecclesiam – ich kam einfach so mit.

So beteten wir zu dritt einen Psalm, die Namen der Verstorbenen wurden noch einmal genannt. Auf dem Weg zum Grab trug ich die Urne von Annemarie wie ein kleines Kind an die Brust gedrückt, – irgendeine Annemarie, von der ich nie etwas gewusst hatte. Keine Ahnung, ob die Polizei die Tür in einem Plattenbau öffnen musste, nachdem der Briefkasten lange nicht mehr geleert worden war. Oder ob man sie unter einer Decke im Wartehäuschen der Busendhaltestelle liegend fand. Oder ob sie bis zuletzt im Altenheim auf ein Lebenszeichen ihrer Kinder gewartet hatte. Egal, jetzt hatte unser Weg über den herbstlichen Friedhof etwas Freundliches, Friedliches.

Neben den Gruben lag ein Rosenstrauß. Der Diakon segnete die Gräber, noch einmal wurden die Namen im Gebet genannt, wir warfen Erde auf die Urnen. Vaterunser. Segen.

Es war gut. Es war sogar irgendwie schön.

Urnengang3Nur zwei mal „hakte“ die Agenda. Die Liturgie empfahl, im Stillen alles Unausgesprochene zwischen uns und den Toten abzulegen. Da gab es ja nichts. Und an diesen Gräbern wird auch niemand trauern. Nun, ich werde wohl an dem Jugendstildenkmal, das da in der Nähe steht, künftig einen Moment stehnbleiben, wenn ich da vorbeikomme. Das Grab meiner Eltern ist ja nur ein paar Schritt weiter.

So, und in dieser Woche wird es ein Evangelischer sein, der zu bestatten ist. Ich habe dem Pastor zugesagt, zu kommen. Einfach so. Es kostet mich ja nichts und ich habe die halbe Stunde Zeit.

Nein, ein Friedhofsjunkie bin ich nicht. Aber ich gehöre als Christ zu einer Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die auch Menschen umfasst, die niemand mehr kennt. Und eine Gemeinschaft, die über den Tod hinaus geht. Das darf sichtbar sein.

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7.12.2017: Es waren nicht einer, sondern drei Angehörige der Evangelischen Kirche, die wir heute beigesetzt haben. Zwei davon so etwa in meinem Alter. Es war auch die Mutter eines der Verstorbenen anwesend, konnte sich aber nicht in unsere kleine Feier hineinfinden. Herb, wenn die Kinder vor den Eltern gehen…

Ich erfuhr, dass nur bei jeder zehnten solcher amtlich angeordneten Bestattungen gar kein Familienmitglied bekannt ist. Sonst sind es wohl familiäre oder finanzielle Probleme oder einfach ein distanziertes Verhältnis zum Thema Sterben und Tod, die zu solchen Situationen führen.

Offen ist auch noch die Frage, wie mit Konfessionslosen in solchen Fällen umzugehen ist. Kirchen haben ihre Rituale, aber Menschen, deren Weltanschauung niemand kennt, sollte man damit nicht vereinnahmen. Trotzdem, „gärtnerisch entsorgen“, also einfach nur die Urne in die Erde setzen und zuschaufeln, ist auch keine Lösung. Auch nicht für diejenigen, die solche Beisetzungen durchführen und dabei ein bischen Gespür im Leib haben, ist das unbefriedigend.

Beim Rückweg vom Grabfeld zum Büro der Friedhofsverwaltung kamen bei uns Gedanken in Bewegung, die noch nicht fertig gedacht sind.

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From → Allgemein, Liturgie

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