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Moby-Dick im Himmel.

26. Oktober 2013

Ich beneide Geschichtenerzähler. Jene Leute, die das Talent haben, aus irgendeiner Banalität ein Drama in drei Akten zu machen. Selbst gehöre ich zum Geschlecht der Einsilbigen, die denken, sie müssten für jedes gesprochene Wort Telegrammgebühren bezahlen. Außerdem ist mein biederes Kleinbürgerdasein recht arm an spannenden Erlebnissen. Da bin ich immer dankbar für Menschen, die mir irgendwelchen Gesprächsstoff liefern.

Zum Beispiel für Heidi. Vor einigen Jahren besuchten wir zusammen einen Computerkurs. Heidi arbeitet am Institut für Meereskunde und fährt auch auf Forschungsschiffen mit. Wie alles Schiffsvolk steckt sie voller Döntjes. Seekranke Studenten kann Heidi so gut nachmachen, dass einem ganz flau im Magen wird: „Die werden echt grün…“. Einmal erzählte sie freudestrahlend von einer Fangfahrt im Kattegatt und kramte Seeigelgehäuse aus dem Rucksack, um sie an uns Mitschüler zu verschenken. „Echinus esculentus“, dozierte Heidi, „der essbare Seeigel“. Wie die essbaren Seeigel denn zubereitet werden, wollten wir wissen. „Da löffelt man so roh die Gonaden…“

Ein anderes Mal brachte sie einen Stapel Fotos von einem toten Schweinswal mit. Er war offensichtlich in ein Stellnetz geraten. Bei dem Versuch, freizukommen, hatte er sich nur noch schlimmer verfangen und dabei schwer verletzt. Eine tief klaffende Wunde an der Kehle zeugte vom Todeskampf des Tieres. Ein Seenotrettungskreuzer hatte den umher treibenden Kadaver gesichert und zu Untersuchungszwecken an das Forschungsschiff übergeben.

Wir sahen, wie der kleine Wal mit der Winsch an Bord gehievt wurde, wie er in einer Blutlache an Deck lag und wie er schließlich in blaue Müllsäcke verpackt und in die Tiefkühltruhe verfrachtet wurde. Cathy wurde blass um die Nase und guckte lieber in die andere Richtung. Aber ich schnorrte Heidi eines von den weniger makaberen Bildern dieser unappetitlichen Serie ab. Da hatte ich mal wieder ein Thema, über das ich mich mit meiner damals sechsjährigen Tochter unterhalten konnte.

Am nächsten Tag erzählte ich ihr die Geschichte vom tragischen Ende des Schweinswals und fragte, ob sie das Foto sehen wolle. Ja, das wollte sie. Schließlich interessiert sie sich sehr für Tiere. So betrachteten wir nun aufmerksam den stromlinienförmigen Körper mit dem schiefergrauen Rücken, der kleinen Finne, der eleganten Schwanzflosse, dem silberweißen Bauch und dem Maul, das ein wenig zu lächeln schien.

Natürlich entging ihr nicht das Blut, das zwischen den Gummistiefeln der Seeleute hindurch über die Decksplanken rann. Obwohl das Bild den Wal von seiner Schokoladenseite zeigte, war auch die Wunde im Bereich der Kehle nicht zu übersehen.

„Ist er da schon richtig tot?“ fragt Hanna.

Ja, sage ich, er ist schon tot gefunden worden. „Da haben wohl sogar schon Möwen dran herumgepickt.“ Nichts mehr zu retten.

„Dann ist er jetzt bei Gott!“ konstatiert meine Tochter.

Überrascht von der plötzlichen Wendung des maritimen Dramas stimme ich ihr zu. Schließlich hatte ich ihr selbst immer von der Auferstehung geredet, wenn wir zerfledderte Möwenleichen am Strand oder plattgefahrene Igel am Straßenrand fanden.

Heißt es doch bei Paulus: „Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.“ (Römerbrief 8, 21-22. Wohlgemerkt: Paulus schreibt „Geburtswehen“ und nicht „Todeszuckungen“.) Warum sollte das nicht auch für diesen kleinen Zahnwal gelten, der das Opfer des modernen Fischfangs mit fast unsichtbaren Netzen wurde?!

„Gibt es denn noch genug von den Walen?“ will Hanna nun wissen. Als wir einmal gebratenen Hasen auf dem Tisch hatten, konnte ich bei einer ähnlichen Frage guten Gewissens auf die voll besetzten Kaninchenställe in Opas Garten verweisen. Doch nun muss ich ihr klaren Wein einschenken. Die Bestände an Schweinswalen gehen zurück. Hauptgrund: die Tiere verfangen sich in Fischernetzen und kommen dort um, weil sie nicht mehr auftauchen können, um zu atmen. Andere Walarten seien durch den ungezügelten Walfang an den Rand der Ausrottung gebracht worden, schildere ich meiner Tochter.

Die Fragerei geht weiter. „Wenn ein Wal gejagt wird, wird er dann immer getötet?“

„Nun, wenn sie merken, dass die Walfänger hinter ihnen her sind, versuchen sie natürlich zu entkommen. Finnwale sind zum Beispiel ziemlich schnell und können meistens flüchten…“ Aber ich bin unzufrieden. Mir dämmert, dass nun nicht Details aus der Meeresbiologie gefragt sind, sondern eine Geschichte.

Das Privileg des Geschichtenerzählers ist es, nicht vor der sogenannten „Realität“ kapitulieren zu müssen, selbst wenn diese aus Harpunenkanonen und Fabrikschiffen besteht.

„Viele Wale haben auch um ihr Leben gekämpft.“ fahre ich fort. „Da gab es einmal einen Pottwal, den nannten sie Moby-Dick…“

Da lasse ich sie also gegeneinander antreten: den mit Harpunen gespickten, aber unbesiegbaren weißen Wal und den von Rachegefühlen getriebenen Kapitän Ahab aus Herman Melvilles meisterhaftem Roman. Jedem, der diese herrliche, bei aller klassischen Tragik wunderbar humorvolle Erzählung nicht kennt, sei die Lektüre einer ungekürzten Ausgabe des „Moby-Dick“ wärmstens empfohlen. Ausgehend von wahren Begebenheiten erzählt Melville nicht nur eine abenteuerliche Seefahrergeschichte, sondern eine tief philosophische Parabel über den Kampf zwischen Mensch und ungebändigter Natur. Für Hanna fasse ich das 913-seitige Epos – maulfaul, wie ich nun mal bin – in 913 Sekunden zusammen, wobei viel „Whale hoo…“ und „da bläääst er!“ durch unser sonst so beschauliches Wohnzimmer dröhnt.

Nachdem Moby-Dick schließlich das letzte Fangboot mit seiner gewaltigen Fluke zerschmettert hat und die Wogen des Pazifiks über den Toppen der „Pequod“ zusammengeschlagen sind, fragt Hanna, wie es denn mit dem weißen Wal weiter gegangen sei.

„Der ist dann nach vielen Jahren gestorben. Das ist ja schon über hundert Jahre her…“

„Dann ist er jetzt bei Gott!“

Der Leviathan, dieses Meeresungeheuer im Himmel? Ich stutze.

Doch, na klar! Schließlich habe ich ihr den Wal nicht als den Chaosdrachen der altorientalischen Mythologie, sondern als geschundene Kreatur mit gottgegebenem Recht auf Leben vorgestellt.
Und das hat sie verinnerlicht.

Das ist nun schon ein paar Jahre her. In die Freundschaftsbücher ihrer Klassenkameradinnen schrieb sie damals als Berufswunsch „Naturforscherin“ und „Ich bin Fan von:…Moby-Dick“, obwohl da wohl mehr nach Popstars gefragt war.

Und ich habe damals begriffen, welche Kraft im Glauben an die Auferstehung steckt.

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