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Der letzte Tag?

22. Mai 2015

Gestern stieß ich auf einen sehr interessanten Beitrag von Autzeit, der auf Grund einer von Nicole initiierten Blogparade entstand. Autzeit spielt darin in mehreren Szenarien durch, wie ihr letzter Lebenstag aussehen könnte. Vorausgesetzt natürlich, man könnte ihn überhaupt noch bewusst gestalten. Ihr Artikel erschien vorgestern, am 20. Mai 2015.

An diesem Tag starb meine Mutter. Sie starb so, wie sich wohl niemand seinen letzten Tag erträumt. Im Krankenhaus.

Eine Woche zuvor war sie eingeliefert worden, weil sie schon mehrere Tage keine Nahrung mehr zu sich nehmen konnte. Ich besuchte sie am Tag darauf, an Christi Himmelfahrt. Klinikatmosphäre, ein kurzes Gespräch mit der Ärztin. Blutdruck kritisch niedrig, Erbrechen, Nierenversagen, Infusion. „Gibt es einen Patientenverfügung?“ Ja, gibt es: „…fordere ich, dass man mich sterben lässt und keine lebensverlängernden intesiv-medizinischen Behandlungen…“ usw.

Das Sprechen fällt ihr schwer, der Mund ist ausgetrocknet und geschwollen. Aber wir können trotzdem ein wenig miteinander reden. Grüße von der Familie. Die Enkelin hat ein gutes Zeugnis. „Ja, das macht sie ja immer so toll!“

Ich versuche, ein wenig zu erzählen. „Die Rapsfelder blühen. Und der Flieder!“ – „Davon bekomme ich ja jetzt nichts mehr mit.“ Wahrscheinlich auch nichts von den Vögeln, die draußen von dem Fenster zwitschern. Sie ist schwerhörig. Erkundigt sich nach den Geburtstagswünschen meiner Tochter. Ich soll das Geschenk besorgen.

Ob sie selbst noch etwas gebraucht? Ihr Handy. Stift und Schreibblock. Ich hole die Sachen aus dem Seniorenheim. Ich habe bedenken, dass sie das Handy noch richtig bedienen kann und lösche sicherheitshalber alle veralteten Nummern. Glaube auch nicht, dass sie noch eine Zeile zu Papier bringen wird. Sie hatte auch im Alter immer noch eine so saubere und schöne Handschrift gehabt. „Was ist mit dem Rollator?“ – „Der ist noch im Heim. Wenn du hier einen brauchst, dann haben sie hier einen im Krankenhaus.“ Ich bin sicher, dass sie nie wieder aufstehen würde.

„Ich bin so müde.“ – „Das darfst du auch, Mama. Gut, wenn du schlafen kannst.“

„Danke, dass du gekommen bist!“ Und Grüße soll ich bestellen.

Die Enkelin kommt Samstag. Sie hat ein Bild gemalt, „für Oma“ steht drauf. „Schön!“. Aber Oma ist nur kurze Momente wach. Auch am Sonntag hat sie die Augen fast die ganze Zeit geschlossen. Man merkt, dass sie Schmerzen hat, obwohl hochdosierte Mittel durch den Kunsttoffschlauch fließen. Wir sitzen da still da, ich bete das Jesusgebet, das sich unweigerlich an den Rhythmus ihres Atems anpasst. Ich streichle ihr die Hände. Zweimal öffnet sie mühsam die Augen, erkennt uns, schaut uns mit dem liebevollen Ausdruck an, so wie sie uns früher immer angeschaut hat. Der Anflug eines Lächelns.

Ein Kuss auf ihre Stirn: Dankbarkeit für mehr als ein halbes Jahrhundert Liebe, gebündelt in einer einzigen Sekunde.

„Tschüß Mama!“

Kein „bis bald“. Ich lüge nicht.

Mittwoch Morgen war ich mir sicher, dass der Anruf von der Klinik kommen würde. Er kam am Mittag. „…friedlich eingeschafen.“

Eingeschlafen, ohne Kampf, wie ihn ihre eigene Mutter vor 30 Jahren hatte ausfechten müssen. „Es ist gut!“, so schloss ich die Nachrichten, die ich an diesem Nachmittag verschickte.

Gut? Ja. Sie hatte ein langes Leben gehabt. Ein hartes, arbeitsreiches und aufopferungsvolles Leben. Aber ein erfülltes Leben. Wohl ohne einen verplemperten Tag, solange es an ihr selbst lag. Sicher mit Fehlern, vielleicht auch schweren Fehlern. Aber auch die gehören zum Leben. Wir haben uns voneinander verabschiedet, ohne uns Wesentliches, Liebe, Dank oder Vergebung schuldig zu bleiben. Sie durfte gehen. Es war gut!

Wenn bei mir der Sensemann vor der Tür steht, möchte ich dieses Gefühl haben: Es ist gut! Keine Zeit verplempert zu haben. Aber auch nicht Unerreichbarem nachgehastet zu sein. Die letzte Reise möchte ich mit leichtem Gepäck antreten. Ohne Hader, Verbitterung, ohne offene Rechnungen. Aber mit Dankbarkeit. So wie meine Mutter.

Nein, einen Tod im  Krankenhaus wünsche ich mir nicht. Schläuche, das Surren des Sauerstoffgerätes, der letzte Blick an eine kahle Decke…, nein, das natürlich nicht.

Ich möchte, wenn ich wählen könnte, zuhause sein. Es sollte jemand da sein, aber er sollte keine Unruhe verbreiten. Aus dem Fenster würde ich gerne schauen können.

Wir haben etwas Grün vor dem Haus. Schrebergärten, dahinter ein Wäldchen. Die Bäume sind jetzt alle grün, aber in vielen unterschiedlichen Nuancen. Die Kastanie blüht, Flieder auch, der Schneeball.

Ich schaue hinaus. Gänsescharen sind in Richtung Ostsee unterwegs. Immer noch. Ich schaue ihnen hinterher. Öffne das Fenster, um ihre Rufe zu hören.

Jetzt.

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Einen weiteren Impuls zu dem Thema gibt es hier bzw. in einem größeren, etwas anderen Zusammenhang, hier.

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From → Allgemein

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