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Dreieinigkeit – Was ist das? Versuch einer Klärung

23. April 2012

Zusammen mit dem Judentum und dem Islam gehört das Christentum zu den drei großen monotheistischen Religionen. Also den Religionen, die nur einen – den einen Gott kennen. Und doch ist da von dreien die Rede: von Gott, dem Vater, von Jesus Christus, seinem Sohn, und – absolut rätselhaft – vom Heiligen Geist.

Also: Was denn nun? Einer oder doch drei? Drei in einem? Das ist unlogisch! Oder einer mit drei Seiten, sozusagen drei Erscheinungsformen?

Im zweiten Konzil von Konstantinopel im Jahr 381 ist der Glaube an den dreieinigen Gott im ökumenischen Glaubensbekenntnis ausformuliert worden. Das bei uns bekanntere Apostolische Glaubensbekenntnis, das ja trinitarisch aufgebaut ist, ist sogar noch älter. Für die Verfasser, philosophisch ausgebildete Bischöfe, war es wichtig, in der damaligen zersplitterten Glaubenswelt den christlichen Glauben in feste Begriffe zu gießen.

Begriffe, die damals etwas völlig anderes bedeuteten als heute. Wenn wir heute von einer Person reden, meinen wir ein Individuum, einen Menschen. Aber ursprünglich war „Persona“ die Maske, die antike Theaterdarsteller vor dem Gesicht trugen und die ihre Rolle im Schauspiel charakterisierte. Es war die Erscheinungsform, mit der der Schauspieler dem Publikum begegnete. „Ein Wesen in drei Personen“ meint also „ein Wesen (also Gott, und wirklich nur einer!) in drei verschiedenen Formen des Auftretens“.

Aber Bekenntnisformeln, die an alten Begrifflichkeiten festhalten, machen einem das Verständnis nicht leichter. Zumindest erklären sie einem noch nichts. Und daran, an einer schlüssigen Erklärung, hapert es bis heute. Kein Wunder, dass viele Menschen über die christliche Lehre den Kopf schütteln. Kaum jemand macht sich die Mühe, diesen Widerspruch zu klären und die Formeln den Glaubens zu entschlüsseln. Ich möchte es zumindest versuchen.

Zunächst möchte ich ein Bild aufgreifen, das ursprünglich vom frühchristlichen Theologen Tertullian (2. Jhdt.) stammt. Er vergleicht Gott mit der Sonne. Die Sonne ist für uns unerreichbar und so energiereich, dass niemand ihr nahe kommen kann. Wir können nicht mal hinschauen, ohne dass unsere Augen Schaden nehmen.

Aber die Sonne strahlt. Licht und Wärme gelangen auf die Erde und machen das Leben hier möglich. Alles biologische Leben, auch das des im Dunkel lebenden Maulwurfs, hat seine Energie letztlich von der Sonne. So ist es mit dem Geist Gottes. Er geht von Gott (im Bild die Sonne) aus und ist die Quelle allen Lebens (sofern man Leben nicht rein physikalisch betrachtet.) Ob wir mehr oder weniger vom Geist Gottes erfüllt werden, hängt nicht zuletzt davon ab, ob wir uns ihm aussetzen oder ob wir lieber ein Dunkelleben im Schatten führen.

In Jesus nun bündelt sich der Heilige Geist wie die Sonnenstrahlen in einem Brennglas, mehr als in allen anderen Menschen. So ist Jesus voll von der Energie Gottes. Er brannte für Gott und kann auch uns entflammen.

So sind Gott, der heilige Geist und Jesus Christus theoretisch verschiedene Dinge, so wie Sonne, Sonnenstrahlen und der Brennpunkt einer Glaslinse verschiedene Dinge sind. Aber sie bilden eine Einheit. Das eine ohne das andere ist sinnlos. Ein Gestirn ohne Strahlung ist kalt und tot. Licht und Wärme sind nicht denkbar ohne eine Quelle, von der sie ausgehen. Und ein Brennglas ist nutzlos, wenn es keine Strahen gibt, die darin gebündelt werden. Ich denke, das ist so nachvollziehbar.

Woran sich vielle aber stoßen, ist der Begriff „Gottes Sohn“. Es ist doch eine Anmaßung, einen Menschen Gott an die Seite oder gar gleichzustellen (Joh. 10, 33). Besonders aus dem Islam kennt man die strikte Zurückweisung dieses Gedankens:

Und sie [die Christen] sprechen: „Allah hat einen Sohn gezeugt.“
Preis Ihm! Nein; was in den Himmeln und auf Erden, alles gehorcht ihm
[Allah, nicht Jesus].“
(Koran, 2. Sure V. 110, Übers. Henning, Hinzufügungen von mir)

„Siehe, Jesus ist vor Allah gleich Adam […]
(3. Sure V. 52),
also ein Mensch und nur Mensch.

Wenn man sich Jesus als so einen Halbgott vorstellt wie bei den alten Griechen und ihrem bunten Pantheon, ist solche Kritik sicher berechtigt. Mir ist das trotzdem zu „genetisch“ gedacht. Es geht bei dem Verhältnis von Gott und Jesus eigentlich nicht um Abstammung, sondern um Beziehung.

Die Bibel dagegen geht mit dem Begriff „Gottes Sohn“ sehr offen um. Auch Könige und Propheten, ja, sogar das ganze Volk Gottes wird so bezeichnet. Immer dann, wenn eine besonders tiefe Beziehung zwischen Gott und einem Menschen oder dem ganzen Gottesvolk ausgedrückt werden soll.

Und eine enge Beziehung, gemeint ist: Liebe zu Gott und noch mehr Gottes Liebe zu den Menschen, ist auf jeden Fall etwas Positives. Und das gehört zu den Grundaussagen des Christentums.

Aber fangen wir mal mit Gott selbst an. Den alten Hebräern, die mit ihren Viehherden durch die Steppe zogen, offenbarte sich Gott ziemlich unmittelbar in der Natur. Gewitter, Sturm, Wirbelwinde in der Wüste, das geheimisvolle nächtliche Glosen in Dorngebüschen… überall sahen sie die Gegenwart des ungreifbaren, oft auch unheimlichen Gottes. Dann zeigte sich Gott in der Geschichte: der Auszug aus Ägypten, die Gründung und Festigung des Königreiches durch David, aber auch dessen Zerschlagung durch die Assyrer und Babylonier, dann die Neugründung unter Esra und Nehemia, all das war das Wirken Gottes.

In der hellenistischen Kultur zur Zeit des Neuen Testamentes war das anders. Auch bei den Griechen und Römern glaubte man nicht nur an die vielen Götter, die wir so aus dem Geschichtsbuch kennen, sondern auch an ein höchstes Wesen, an eine Art kosmischen Baumeister. (Religionsgeschichtler nennen das „Hochgottglaube“). Aber zu dem hatte man keinen Bezug. Für ihn gab es keinen Tempel, mit ihm konnte man nicht reden.

Aber genau das behaupteten die frühen christlichen Missionare. Mit diesem einen Gott kann man reden, er liebt uns und will etwas mit uns zu tun haben! Mehr noch: er greift in unser Leben ein! Allerdings nicht, in dem er vom Himmel hoch dauernd in das Weltgeschehen hinein haut, da würde einem ja das Herz in die Hose rutschen. Nein, er tut es da durch, dass er Menschen befähigt, in seinem Sinne, in seiner Kraft, in seiner Vollmacht zu handeln. Es geht also etwas von Gott auf die Menschen über, die sich dafür öffnen.

Das, was da von Gott auf die Menschen über geht, ist der Heilige Geist. Keine neue Erfindung: Auch im Alten Testament wird davon berichtet, dass der Geist Gottes über Menschen kam, wenn er besonderes mit ihnen vor hatte. Für die Israeliten war das „halbwegs“ normal, in der Welt der hellenistischen Antike, also dem Römischen Reich, war das ein radikal neuer Gedanke. So radikal und neu, dass der Heilige Geist – ich nenne ihn gern „God in action“ – einen ganz besonderen Stellenwert im Glaubensbekenntnis und in der Theologie bekam.

Nun endlich zu Jesus. Über die ersten 30 Jahre seines Lebens wissen wir nichts. Ja, es gibt die Weihnachtsgeschichten und diese Episode vom zwölfjährigen Jesus im Tempel, aber sonst? Fehlanzeige!

Das Markusevangelium, das urtümlichste und älteste der vier Evangelien, beginnt erst mit Johannes dem Täufer und der Taufe Jesu im Jordan. Und dabei kommt der Heilige Geist auf Jesus herab. Erst jetzt beginnt die Wirksamkeit Jesu. Und zwar in einer solch radikalen und totalen Weise, dass alles, was wir von nun an über Jesus erfahren, eigentlich das Wirken Gottes ist: God in action!

Wir wissen nichts Privates über Jesus: nicht, was er gerne essen mochte und was nicht, kein beiläufiger small talk, nicht welche Lieder er sang oder ob er unmusikalisch war, nicht einmal, ob er irgendwann einmal eine Frau oder zumindest eine Geliebte gehabt hatte, – für die Tratschpresse ist Jesus ein hoffnungsloser Fall! Alles, was wir von und über Jesus wissen, ist, wie Gott durch ihn wirkte. Ich ziehe die Linie noch weiter aus: Jesus war total das Wirken Gottes. In ihm können wir Gott erfahren!

Um es an einem Vergleich deutlich zu machen: Im Alten Testament (1. Kön. 17, 17-24) wird von einer Totenerweckung berichtet. Ein Kind wird wieder lebendig, nachdem der Prophet Elija sein Leben von Gott erflehte: „HERR, mein Gott, lass doch das Leben in diesen Knaben zurückkehren!“ Von Jesus werden drei Totenerweckungen überliefert: die des Jünglings von Nain (Lk. 7, 11-15), die der Tochter des Synagogenvorstehers Jairus (Mk. 5, 35-43par) und die des Lazarus (Joh. 11, 1-44). In all diesen Fällen ist nicht davon die Rede, dass Jesus das Leben dieser Menschen erfleht oder erbetet hätte. Nein, er kommandiert! „Ich befehle dir, junger Mann, steh auf!“, „Mädchen, steh auf!“. Selbst das Gebet bei der Auferweckung des Lazarus ist keine Bitte, sondern ein Lobpreis. Dann das Kommando: „Lazarus, komm heraus!“

Jesus handelt unmittelbar an Stelle Gottes. Er hat nicht nur Vollmacht, er ist voll Macht! Und zwar voll Macht über Leben und Tod!

Gleiches gilt für die Vergebung der Sünden. Jesus bittet nicht um Vergebung, sondern er vergibt. Das Reden und Handeln Jesu ist das Reden und Handeln Gottes. Es lohnt sich, dazu Mk. 2, 1-12 zu lesen. (Eigentlich wollte ich euch dazu auch noch einen Vers aus dem Johannesevangelium empfehlen. Aber beim Blättern ist mir aufgegangen, dass eigentlich das ganze Johannesevangelium um dieses Thema kreist.)

Ich glaube, das ist gemeint, wenn wir sagen: Jesus ist der Sohn Gottes.

(Ganz nebenbei: Spekulationen darüber, wie sich die biologische Zeugung Jesu ereignet hat, empfinde ich als geschmacklos. Und da Maria als Teil der Urkirche auch meine Schwester ist, möchte ich sie vor solchen Erörterungen in Schutz nehmen!)

Noch einmal zum Heiligen Geist: keine gasförmige Taube also. Sondern ein anderes Wort für Gott. Der so schwer fassbare Begriff meint eigentlich etwas viel konkreter Erlebbares, als wenn wir nur theoretisch über Gott als Urheber des Universums oder so reden. Der Heilige Geist, das heißt, dass Gott selbst handelt, etwas in unserem Leben in Bewegung setzt. Uns begeistert, uns entflammt, damit wir seinen Willen erkennen und tun können.

Oder uns ganz still und unauffällig Wege führt, ohne dass wir es merken.

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