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Woran sterben christliche Internetforen?


Vor einigen Monaten schrieb ich einen Aufruf an Christen, sich an internetforen zu beteiligen. Ich habe selbst auf Foren meine ersten Gehversuche im Web 2.0 gemacht und war nach gar nicht so langer Zeit auf verschiedenen Portalen ein recht bekannter Schreiberling. Das ist inzwischen nicht mehr so. Einer der Gründe ist schlicht und einfach der, dass die Foren eingestellt wurden.

Nun ist es wieder einmal so weit. Am kommenden Montag wird das Glaubenscafe.de geschlossen Alle Beiträge werden gelöscht. Anfang des Jahres war es das kleine, aber feine katholische Forum AdGentes, das nach mehrmaligem Moderatorenwechsel im virtuellen Nivana verschwand. Das Ende der Community von evangelisch.de habe ich ja hier schon ausführlich kommentiert. Das Forensterben ist offensichtlich unabhängig von der Größe, dem Betreiber und der  konfessionellen oder spirituellen Couleur. Die konservativ-katholische Community kathspace.com hat ihr offenes Forum ebenso eingestellt wie auch der aus einer Singlebörse hervorgegangene, evangelikal geprägte christpark.de. Die Liste ließe sich fortsetzen. Manchen, wie dem (auf dem Site immer noch angezeigten) christpark-Forum, braucht man nicht nachzutrauern, das Niveau war da nicht so pralle. Bei anderen tat es aber weh. Über das Ende von AdGentes schrieb ich im Glaubenscafe:

Montag, 4. Februar 2013, 14:45

Das beste der christliche Foren, das ich kenne bzw. kannte! :schnief:
Ein Forum, in dem kontrovers, aber immer mit Achtung und Liebe diskutiert wurde.
Gerade die Threads zur Ökumene hatten ein absolutes Spitzenniveau.
Da hatte auch ich viel Zeit und Mühe hineingsteckt.Ziemlich geschockt, Ismael
Dann der erste Versuch einer Analyse:

Freitag, 8. Februar 2013, 12:14

Eine Frage der Geduld

Wenn das so ein tolles Forum war, warum hat es denn geschlossen ? Also außer durch finanziele Gründe wüßte ich nicht , warum es noch schließen müsste.

Ich denke, es ist oft auch eine Frage der Geduld. Um bei den von mir angesprochenen Ökumenethreads zu bleiben: da haben wir z. T. über hunderte von Posts miteinander gerungen, unsere Meinungen ausgetauscht, nachgefragt, hinterfragt, präzisiert, revidiert…
…und dann war irgendwann alles gesagt, was zu sagen war.

Es konnte erst einmal nichts Neues zu dem jeweiligen Thema hinzukommen, ohne dass wir uns wiederholt und argumentativ im Kreis gedreht hätten. Dann muss man die Sache einfach mal so stehen lassen.

„Stehen lassen,“ ja, im wörtlichen Sinne! Es war ein weitgehend offen lesbares Forum. D. h. jeder konnte unsere Argumentation nachlesen. Damit haben wir der Leserschaft, die von Kalifornien über Saudi-Arabien bis nach Südkorea verteilt war, etwas Wertvolles (unseren Glauben!) zur Verfügung gestellt. Das hätte man „stehen lassen“ können, auch wenn bei einem halben Dutzend Schreiberlingen auch mal Flaute ist.

Es ist falsch, den Wert eines Forums nur nach der gerade aktuellen Aktivität der User zu beurteilen. Da wäre der Fokus viel zu sehr auf das „Innen“, also die Usergruppe gerichtet, und nicht auf das „Außen“, in das wir als Christen doch hineinwirken wollen.

Der Wert einer Bibliothek misst sich ja auch nicht daran, wie viele Neuerscheinungen pro Woche in die Regale kommen, sondern danach, wie viele der Bücher von wievielen Leuten gelesen werden und welchen Gewinn sie für ihr Leben daraus ziehen. Und da gibt es eben kleine Bibliotheken mit Büchern von überzeitlichem Wert und es gibt welche, wo massenweise Zeitschriften von zweifelhafter Qualität angehäuft werden.

AdGentes war sowohl von der Gliederung, dem Webdesign, der Thematik, den Inhalten und auch von den Charaktären der User das schönste und niveauvollste christliche Forum, das mir untergekommen ist. Sein Untergang berührt mich wie der Brand einer wertvollen Bibliothek.

Für uns hier bedeutet das, dass wir nicht dem flüchtigen, schelllebigen Zeitgeist fröhnen sollen. Wir sollten auch nicht zu sehr auf uns selbst fixiert sein. Wir sollten lieber überlegen, warum und für wen wir hier schreiben. Und da kommt es nicht auf die Masse an, sondern auf die inhaltliche Qualität und darauf, welches Zeugnis wir nach außen geben.

Als im April dann die Schließung des Glaubenscafes bevor stand, empfand ich anders:

Dienstag, 9. April 2013, 09:34

Abschied

Ihr Lieben,im Gegesatz zu mehreren anderen Foren, die mir in der letzten Zeit unter der Tastatur weggestorben sind, bin ich um das Glaubenscafe nicht besonders traurig.Natürlich sehe ich die ganze Mühe, die im Aufbau und in der Gestaltung drin steckt. So viele Überlegungen und Gedanken, so viel Sorgfalt. Schließlich habe auch ich sehr viel Zeit hier hineingesteckt.Aber, liebe Freunde, es ist einfach nicht mehr das Glaubenscafe, dass es am Anfang war. Aus dem netten, charmanten Bistro ist eine Imbissbude geworden. Die Frische des Glaubens, die ich zu Anfang hier verspürt hatte, ist mehr und mehr zu einem Ölfilm vermeintlicher Rechtgläubigkeit geworden, der sich in unappetitlicher Weise um jedes Gespräch gelegt hat. Es macht einfach keinen Spaß mehr, hier zu schreiben und zu lesen.Das Bittere dabei ist, dass das GC so große Chancen gehabt hätte. Alle Prominenz der christlichen Forenszene war mal hier, viele sogar angemeldet. Adelfos, Chorbisch, Hibbing, Ernstin, um nur einige zu nennen.Und nun wird auch Ismael seinen Seesack schultern und gehen.Mein Dank an alle, die mir in dieser Zeit so viel Freundschaft erwiesen haben.
Ich denke, irgendwo in der christlichen Weblandschaft werden wir einander begegnen. Denn nach wie vor stehe ich dazu:
Christen, geht auf die Foren!
Also denn, gehabt euch wohl!
Euer ewig heimatloser Fahrensmann Ismael

Diese herben Worte haben die Initiatoren dieses kleinen Portals, ein konfessionsverbundenes Ehepaar aus Berlin, sehr verletzt. Aber die waren gar nicht gemeint. Ich meinte jene fundamentalistischen User, die mit einem Dauerfeuer von Bibelzitaten jede vernünftige Diskussion zunichte machten, die andere Meinungen als satanisch oder als persönliche Anfeindungen behandelten. Und da können irgendwann auch die engagiertesten Freizeit-Moderatoren nicht mehr schlichten. Zumal, wenn sie berufstätig sind, ihre User aber jede Menge Zeit vor dem Mäusekino verbringen. Und da verlor auch ich irgendwann, nach einigen Versuchen, ein paar Regeln für den Umgang miteinander zu etablieren, die Lust:

Mittwoch, 10. April 2013, 14:55
Und so ist es gekommen, dass ich mich hier schon länger nicht mehr wohlgefühlt hatte. Leider habe ich selbst auch nicht die Zeit und die Möglichkeit gehabt, etwas zu verändern. Eher umgekehrt: Ich habe das virtuelle Kettenhemd selbst hier im Hause nicht mehr abgelegt. Ich wurde hart in meiner Rede, musste mich deshalb immer wieder selbst zurückhalten.
Anderswo habe ich anderes erlebt. Bei AdGentes habe ich mich heftig mit anderen gestritten, aber wir haben nie die Achtung voreinander verloren. Und weil wir dabei so viel Persönliches preisgeben konnten, haben wir uns letztlich in einer unglaublichen Tiefe verstehen und lieben gelernt! Im AZ-Forum  mit seinen Tausenden von Postings wird fast überhaupt nicht vom Team aus moderiert, aber immer wieder greifen die User selbst schlichtend ein. Und sie haben dort nicht einmal die Möglichkeit, etwas über persönliche Nachichten hinter den Kulissen zu klären.

Nun, das Glaubenscafe bekam noch bis jetzt Gnadenfrist, nachdem die ärgsten Streithammel ausgebootet worden waren alle anderen Besserung gelobt hatten. Aber es spielte sich thematisch nicht mehr groß was ab, das Forum dümpelte in Belanglosigkeiten vor sich hin. Was nicht heißt, dass dort nicht christliches Leben abspielte: Hinter den Kulissen gab es z. B. starke persönliche Initiativen, als ein User in einer Krise nahe an den Suizid geriet. Besonders solchen Menschen, die in einem virtuellen Netzwerk Halt finden, geht viel verloren, wenn so ein Portal schließt.

Die Moderatoren von AdGentes hatten noch ein Weiteres festgestellt, was konstuktive Diskussionen stört: Facebookismus. Gemeint ist, keine eigenen kreativen Beiträge zu schreiben, sondern nur noch Links auf andere Sites zu posten. Da kann ich mich selbst nicht ganz ausnehmen, ich verlinke inzwischen recht häufig auf meine eigenen Blogs. Allerdings bin ich zum Bloggen eigentlich erst dadurch gekommen, dass ich Beiträge, die mir am Herzen lagen, von Foren retten musste, weil die von Löschung bedroht waren. Also habe ich sie in ein eigenes Blog kopieren müssen. Ein Teufelskreis: Zeit und Mühe in Forenbeiträge zu investieren, ist ein Risiko. Ein frustrierter Webmaster könnte ja Feuer legen. Also publiziert man doch lieber gleich im eigenen Hause.

Und doch fehlt mir etwas. Nämlich der lebendige Austausch mit Menschen die vielleicht ganz anders Denken als ich, die ganz andere Erfahrungen haben. Die mir gerade dadurch etwas geben können und ich ihnen. Deswegen möchte ich Internetforen zu Glaubensfragen nicht missen.

Nur kenne ich zur Zeit kein Gutes.

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Kurzmitteilung

Ökumenisches Gespräch als Diskurs.


Nach unerquicklichen Scharmützeln mit Fundamentalisten, sowohl evangelikalen wie schwarzkatholischen, habe ich einmal ein paar Gedanken zum Diskussionsstil im Internet gemacht. Wegen bevorstehender Löschung des Glaubenscafe.de kopiere ich den Post hierhin:

Dienstag, 3. April 2012, 08:26

Ökumenisches Gespräch als Diskurs

Ich denke, das ökumenische Gespräch sollte als Diskurs geführt werden. D. h. jeder hat die Möglichkeit, seine Meinung, seine Erfahrung darzutun, aber immer in dem Bewusstsein, dass dieses eben nur eine Sichtweise von vielen ist.Niemand hat dabei das Recht, mit der Haltung des einzig Rechtgläubigen seine Erkenntnisse als „die Wahrheit“ schlechthin zu bezeichnen. Auch dann nicht, wenn er sich dabei auf die Bibel oder dogmatische Schriften einer Kirche beruft. Auch darf niemand einem anderen das Christsein oder einer anderen Glaubensgemeinschaft das Kiche-Sein von vorn herein absprechen.So – insbesondere im Internet – zu reden und zu schreiben ist eine Kunst, die erst erlernt werden muss, und zwar immer wieder neu.
Vielleicht könne folgende „Übungen“ dabei helfen:

  • Sich klar machen, warum man überhaupt ins Netz geht.
    Um Informationen zu gewinnen?
    Um sich selbst zu bestätigen?
    Um Gemeinschaft zu erfahren?
    Um einander zu ermutigen?
    Um sich durch die Erfahrungen anderer bereichern zu lassen?
    Um eigene Ansichten hinterfragen zu lassen und daran zu reifen?…
  • Sich klar machen, dass ein Internetforum ein pluralistisches Medium ist.
    D. h. die Begegnung mit andersartigen Menschen und Meinungen zum Wesen des Internet gehören.
    Das erfordert Toleranz (= das Ertragen des anderen, nicht aber zwangsläufig die Übenahme seiner Meinung) und Fairness als Grundvoraussetzung.
  • Von sich selbst schreiben.
    Eigene Erkenntnisse und Erfahrungen anbieten, ohne sie den anderen überstülpen zu wollen.
  • Sich für den anderen aufrichtig interessieren.
    „Zuhören.“ (Wie heißt das, wenn man am Bildschirm liest?)
    Was bewegt den anderen, der da schreibt?
    Welche Erlebnisse/Erfahrungen haben ihn/sie geprägt und zu seiner/ihrer Einstellung gebracht?
    In wie weit ist der Beitrag des anderen eine Bereicherung für mich?
    Sei es, dass ich etwas übernehmen möchte, sei es, dass durch den Kontrast meine eigene Einstellung an Kontur gewinnt.

Wenig hilfreich sind m. E. Erfahrungen und Meinungen aus zweiter Hand.

So weit mein Versuch.

Euer Ismael

Link

Brief eines 78er Alt-Ökis an (eine) Jugendliche von heute.


Teich

http://textschiff.wordpress.com/2013/09/02/das-knistern-von-kandis-im-tee/

Ein recht langer Brief eines Alt-Ökis an eine heutige Jugendliche – oder die junge Generation allgemein – aber gleichzeitig an die „Generation Golf“, von der er sich verraten fühlt. Hier zu lesen.

Das Wolpertinger Osterlamm


Dies ist nicht nur ein Rezept, sondern auch eine kleine Geschichte. Die Geschichte von der Entstehung des Osterhasen nämlich. Sie nimmt ihren Anfang in der Bibel. Obwohl der Osterhase selbst da gar nicht vorkommt. Aber der Reihe nach:

Unmittel­bar vor dem Auszug aus Ägypten, so erzählt das zweite Buch Mose, feierten die dort in Knechtschaft lebenden Israeliten ein Frühjahrsfest. Zu dem Fest­essen gehörten die ersten Gaben von Feldern und Weiden, also das noch un­gesäuerte Brot und die gerade ge­borenen Lämmer. Sie sind noch heute fester Bestandteil der Pessachfeier, das die Juden seit dem an die Befreiung aus dem Sklavenhaus Ägypten erinnert.

Auch im Abendland, wo das Lamm zu einem Symbol für Christus wurde, wurde das Essen von Lammbraten zu einer österli­chen Tradition. Aber nur wenige konnten sich diesen Luxus leisten. Den Armen blieb nichts anderes übrig, als sich ein Lamm aus Hefeteig zu ba­cken. Und das geht (heutzutage) so:

Man nehme:
500 g Weizenmehl (davon können 150 g Vollkornmehl sein) siebe es und vermische es mit
1 Päckchen Trocken-Backhefe
1 Teelöffel Zucker
1 gestr. Teelöffel Salz
geriebener Zitronenschale
2 Eiern
50 g zerlassener Butter
¼ l lauwarmen Wasser. Den Teig mit dem elektrischen Rühr­gerät (mit Knethaken) zunächst lang­sam, dann mit höchster Geschwin­digkeit ca. 5 Minuten rühren. Den Teig dann an einem warmen, vor Zugluft geschützten Ort (Bett mit Wärmflasche) gehen lassen, bis er etwa das doppelte Volumen hat.Noch einmal durchkneten und in ver­schieden große Rollen für Körper, Beine, Hals, Kopf, Ohren und Läm­merschwanz aufteilen. Daraus auf dem gefetteten Backblech ein Lamm in Seitenansicht zusammenfügen. Auf eine gute Verbindung der „Ge­lenke“ achten, sonst gibt es Arthritis. Mit dem Messerrücken Fell und Nase ein­ritzen und das ganze noch einmal gehen lassen.
1 Ei schlagen und das Lamm damit ein­streichen,
1 Mandel als Auge einsetzen,nach belieben
Mandelsplitter, Mohn oder Sesam als Fell auf den Körper streuen.
 Backen: Lehmkuppelofen: mit Astholz einhei­zen, bis die Rußschicht an der Rück­seite des Ofens zu grauweißer Asche… ach so, Sie haben keinen Lehmofen?! Na gut, also:

Elektroherd: 200 – 225 °C

Gasherd: Stufe 4,

ca. 20 – 30 Minuten backen.

Wenn das Lamm zu schnell braun wird, mit Alufolie abdecken.

Vor dem Schlachten – äh – dem Anschneiden meine ich natürlich, die Kinder raten lassen, was das wohl sein soll. Ein Lamm? Super! Dann sind Sie hochbegabt. Oder haben sich die Ohren beim Gehen des Teiges etwa zu überdimensionierten Löffeln verformt? Ist aus dem niedlichen Lämmer­schwanz ein rundes Knürzelchen geworden? Dann wissen Sie nun, wie der Osterhase entstanden ist: aus einem mutierten Osterlamm nämlich. Viel­leicht hat die Evolution in Ihrem Backofen auch ein Mischwesen hervorge­bracht, einen Wolpertinger sozusagen.

Trösten Sie sich, das ist den Bäckern früher auch so gegangen! Und das über Generationen hinweg, so dass man schließlich gar nicht mehr wusse, dass es eigentlich ein Lamm und nicht etwa Hase oder ein sonst was sein sollte.

Als den Zuckerbäckern mit dem Überseehandel in der Kolonial­zeit endlich Schokolade und Marzipan zur Verfügung standen, stiegen sie  sofort auf dieses besser formbare Material um. Ohne nachzuforschen, welche kulturgeschichtliche Wurzel dem österlichen Viehzeug  zu Grunde lag, modellierten sie ein Langohr. Süß und säkular. Das Ergebnis ist der Osterhase, wie wir ihn heute kennen.

Das Wolpertinger Hefeteiglamm, das ursprünglich ein richtiges Lamm hätte sein sollen, war damals schon in Vergessenheit geraten. Es steht unterdessen auf der roten Liste der bedrohten Gebäcksorten. Es wäre schön, wenn Sie eine Nachzucht be­ginnen würden. Es schmeckt nämlich so gut! Ich esse es am liebsten mit Butter, Honig oder Konfitüre.

Trauerreden für Karteileichen? Nein, predigt die Auferstehung!


Im Café Grün in der Leibnitzstraße in Mainz bestellten wir erst einmal Espressi. Wir: eine Handvoll Verwandte aus meiner Sippe und die Haushälterin vom alten Fritz. So lange ihn die Krücken trugen, war der alte Fritz gerne in dieses sympathische Lokal gekommen, wo nicht nur die Bedienung so nett ist, sondern auch die Gäste besonders ruhig und rücksichtsvoll mit den Kellnern sprechen. Das Personal ist hier etwas „besonders“, woanders in der freien Wirtschaft gäbe es wegen ihrer Einschränkungen kaum Berufschancen.

Nun kamen wir noch mal hierher und mussten erst mal die Kälte wegspülen, bevor wir uns dem Flammkuchen widmen konnten. Was uns frösteln gemacht hatte, war nicht der Wintereinbruch im März, sondern die Trauerfeier. Nein, – schauder! – , was sich der Pastor da geleistet hatte, war daneben!

Dabei kann ich ihn sogar verstehen. Er hat den alten Fritz nie kennengelernt. Fritz war kein Kirchgänger, auch als er noch ohne Krücken laufen konnte. Jedenfalls nicht regelmäßig und nicht in der Christuskirche, jener wilhelminischen Kulturkampfkathedrale am Ende der Kaiserstraße. Und dann kommt diese dem Pfarrer ebenfalls unbekannte Haushälterin an und bittet ihn um die Mitwirkung an der Trauerfeier für irgend so eine Karteileiche. Sich nie in der Kirche blicken lassen, aber zum Schluss noch eine Dienstleistung abgreifen, – verständlich, dass der Pastor keine Lust hat, sich da für her zu geben!

Aber muss er uns das so spüren lassen? Dass er Formulierungen und Psalmworte benutzt, die in solchen Fällen Routine sind, dagegen ist nichts einzuwenden. Aber die liebevoll durchdachte Musikauswahl der Haushälterin und guten Freundin – sie hatte in den letzten Jahren den intensivsten Kontakt zum alten Fritz – über den Haufen werfen und statt dessen das Lied 72 singen zu lassen?

„O Jesu Christe, wahres Licht, erleuchte, die dich kennen nicht, und bringe sie zu deiner Herd, dass ihre Seel auch selig werd.

Erfülle mit dem Gnadenschein, die in Irrtum verführet sein, auch die, so heimlich ficht noch an, in ihrem sinn ein falscher Wahn…“ usw. usw.

Nein, das triffts nicht. Auch wenn der alte Fritz, wie gesagt, kein Kirchgänger und kein Gemeindehansel war. Er war wohl eher das, was ich schon öfter als „Solitärchrist“ bezeichnet habe. Einer, der glaubt, es aber nicht in für andere sichtbaren Frömmigkeitsformen tut. Eher in Formulierungen wie „da muss man seinem Schöpfer dankbar sein…“, die Fritz häufiger benutzte. Oder in seiner Lebensform. Als international renomierter und mehrfach ausgezeichneter, gut verdienender Wissenschaftler lebte er anspruchslos in einer kleinen Wohnung (nicht viel mehr als eine bessere Studentenbude) in einem hässlichen Etagenbau, er besaß weder einen Fernseher noch ein Auto. Aber er zeigte sich immer als großzügiger Wohltäter, sowohl gegenüber Behinderteneinrichtungen als auch zu notleidenden Bekannten. Seine letzten Briefe an Neffen und Großnichte waren Essays über den Frieden. Selbst schmerzgeplagt und an Krücken strahlte er immer noch voll Charme, Herzlichkeit und Güte.

Das war auf jeden Fall geblieben aus seiner Familientradition, die vom hannoverschen Pietismus geprägt war und die in seiner Familie viele Prediger, Gemeindeälteste und sogar Missionare hervorgebracht hatte. Und das war auch der Grund, weswegen ich eine evangelische Trauerfeier vorgeschlagen hatte, statt einen weltlichen Trauerredner zu engagieren. Ich wollte, dass bei der Trauerfeier klar wird, wohin die Reise geht!

Und damit wäre ich bei dem Anliegen dieses Artikels.

Liebe Pastorinnen und Pastöre, die Ihr Karteileichen zu beerdigen habt,

eure Aufgabe ist nicht die eines weltlichen Trauerredners. Dafür braucht ihr euch nicht benutzen zu lassen. „Erinnern und Abschied nehmen“, wie  jener Pfarrer der Christuskirche den Anlass der Zusammenkunft in der Kapelle auf dem Mainzer Hauptfriedhof beschrieb, ist gar nicht euer Ding. Zumindest nicht in erster Linie. Eure Aufgabe ist es, das Ziel der letzten Reise zu benennen.

Und das ist nicht das Grab, sondern die Auferstehung.

Darüber sollte sich auch predigen lassen, wenn man den Verstorbenen nie gesehen hat und die Trauergemeinde aus lauter unbekannten Gesichtern besteht. Wenn ihr die Ansprache am Sarg in diesem Sinne als Chance begreift, werdet ihr euch nicht als Kasualiendienstleister missbraucht fühlen. Versucht es!

Euer Ismael

____________

Post scriptum: Ich habe den Begriff „Karteileichen“ benutzt. Ein gefährliches Wort, denn von Leichen kann man nichts mehr erwarten, man muss sich nicht mehr um sie bemühen.

Das Evangelium aber ist eine Bringschuld. Denkt daran, wenn ihr meint, ihr hättet so viele „Karteileichen“ in der Gemeinde! 😉

No foto!


„Pssst! – Silenzio! – No foto!“ Ich hatte sie immer belächelt, die Aufseher mit ihren spießigen Dienstmützen in den Wallfahrtskirchen Assisis, die da für Ruhe und Ordnung sorgen. Inzwischen beginne ich sie wertzuschätzen, diese beflissenen Wächter des Benimms an heiligen Orten. Sinneswandel, ausgelöst durch einen Besuch einer der bedeutensten gotischen Kathedralen, dem Straßburger Münster.

Gotik, das ist ja eine Architektur, die unmittelbar auf das Gemüt durchschlägt. Eigentlich braucht es wenig Glaubenswissen, – allein die Bauform bewirkt, dass sich „die Seele erhebt“ und der Besucher spürt, dass es eine ganz andere Dimension des Lebens gibt als nur den Alltag. So eine Kathedrale ist für mich nichts anderes als Gebet in Stein und Glas. Auch nach über einem halben Jahrtausend wird man sofort davon eingefangen und überwältigt.

Straßburger Münster3

Dachte ich. Ist aber nicht. Im Straßburger Münster strömen die Touristen in einer Art und Weise durch die doch so gewaltige Kirche, dass es mir schwer fiel, zur Besinnung und zum Gebet zu kommen. Es wurde munter geplappert und nicht etwa geflüstert. An allen Ecken und Enden reckte man Kameras und Smartphones hoch, um zu fotografieren. Die Blitzlichter flackerten überall, obwohl die Leitzahlen der Handy-Kameras in der großen Kirche kaum etwas ausrichten konnten. Motiv waren nicht nur das historische Bauwerk mit seinen Kunstwerken und der astronomischen Uhr. Nein, auch  Jessica und Kevin müssen aufs Bild, Arm in Arm, grinsend  vor dem Weltgerichtspfeiler, während über ihnen die in Stein gemeißelten Engel mit ihren Posaunen den Jüngsten Tag ankündigen. „Wir sind da gewesen! Und alle Freunde auf Facebook müssen das sehen!“ Offensichtlich dabei die völlige Gleichgültigkeit vor der Botschaft der Basilika.

Szenenwechsel. Eine bescheidene Pfarrkirche. Kindstaufe in der Gemeindemesse: Der Pfarrer ist dafür, die Kinder sichtbar „in die Gemeinde“ hineinzutaufen. Also findet die Feier im Sonntagsgottesdienst statt.  Man erkennt am Jet-set-Outfit schon vorher, wer gleich zum Knipsen aufspringt. Oft sind es gleich zwei oder drei von diesen Flashlightjunkies. Modernste Digitalkameras mit unermesslichem Speicherplatz, – der sakramentale Akt wird zum Schaulauf auf dem roten Teppich. Das ein Sakrament unfotografierbar ist, weiß offenbar niemand.

Was ich hier zu diskutieren vorschlage, ist ein totales Fotografierverbot während des Gottesdienstes und überhaupt, wenn jemand betet. (Letzteres betrifft vor allem die großen Kirchen.) Nur müsste das für alle Kirchen gelten, damit es nich heißt, „…da und da durfte ich, warum stellt ihr euch hier so kleinkariert an!“

Dabei geht es nicht um ein Verbot um seiner selbst willen. Es geht darum, dass die Kirche kein Museum, keine Strandpromenade und keine Cafeteria ist.

Die Kirche ist ein geschützer Raum für den Glauben, für die Begegnung mit Gott. Zumindest sollte es so sein. Gott braucht diesen Raum nicht. Er versteht uns auch, wenn wir im Kaufhaus oder auf dem Klo beten. Aber wir brauchen diesen Raum, um zur Besinnung zu kommen. Und dazu sollten wir darüber reden, was uns dieser Ort bedeutet.

Was Familienereignisse angeht: Natürlich kenne ich auch die Gründe gegen solche Restriktionen. Gerade junge Familien, die nach längerer Kirchenabstinenz (Pubertät, Ausbildung, Familiengründung) mit einem zu taufenden Kind zum ersten mal wieder bei Kirchens reinschnuppern, sollte man nicht gleich mit Verboten verschrecken. Das ist richtig. Aber das ließe sich händeln, wenn man intensive Gespräche mit ihnen sucht, sie beispielsweise zu freundlichen Taufelternabenden einlädt.

Manchmal wird vorgeschlagen, dass ein einzelner Fotograf bestimmt wird, der für alle Beteiligten mit der nötigen Zurückhaltung einige wenige Aufnahmen macht. Bei größeren Ereignissen (Erstkommunion, Konfirmation, Firmung) ist das tatsächlich eine gute Lösung. Das wird oft so gehandhabt. Aber wer vermittelt das einer Tauf- oder Hochzeitsgesellschaft, die sich unmittelbar vor dem Gottesdienst versammelt und sich erst einmal mit großem Hallo begrüßt?

Natürlich ist es zu verständlich, dass man auch all denen, die nicht zu so einer Feier kommen konnten, etwas von dem Erlebnis vermitteln möchte. Wenn vielleicht auch die Kirche noch im Dorf ist, so ist es die liebe Verwandtschaft längst nicht mehr. Aber reicht es dafür wirklich nicht, im Anschluss an den Gottesdienst ein paar Gruppenfotos am Taufbrunnen oder vor der Kirche zu machen?

Wie auch immer: Wir sollten darüber reden (lernen), was uns Gebet, Gottesdienst und Kirche bedeuten! Und vielleicht ist das das Entscheidende und nicht eine Hausordnung an der Kirchentür.

Was muss man sich NICHT alles bieten lassen?


Ein Posting von Chris Hübener hat mich daruf gebracht, einen Uralt-Artikel aus der Zeit, als ich die Bits und Bytes noch mit dem Taschenmesser in Knochen geritzt habe, wieder auszugraben. Auch wenn der konkrete Anlass, wie zu lesen, schnell erledigt war,  vielleicht ist er im weiteren Sinne doch noch aktuell. Oder zumindest ein wenig unterhaltsam. Hier der Artikel:

„Ich habe schon viele Hundert Gottesdienste in wohl einem Dutzend verschiedenster christlicher Konfes­sionen und Gruppierungen erlebt. Aber so etwas hatte ich noch nie gesehen! Wild deklamierend stand der Prediger in der gotischen Kirche, an Priesterkragen und Stola als katholischer (oder anglikanischer?) Geistlicher zu erkennen. Die weit aufgerissenen Augen verdreht, wie es seit Oliver Hardy nur noch Monthy Python und Mr. Bean hin­gekriegt haben! Noch weiter aufgerissen – du meine Fresse – der Mund, – nein -, das Maul, das eine Hand voll Zahnhälse zur Obduktion frei gab. Was sollte man mehr fürchten: den Mundgeruch, die donnernde Drohbotschaft oder einen Lachkrampf? Nichts von alledem, Gott sei Dank! Die schrille Figur war nur ein Foto auf einer Anzeige in der hiesigen Lokalzeitung. Eine Anzeige, nicht etwa von den Zahnärzten mit einer Warnung vor Parodontitis, sondern von der Sparkasse.

„WENN ER SONNTAGS GELD VERDIENT, KÖN­NEN SIE DAS AUCH.“ stand da zu lesen. Etwas kleiner dann die Einladung, einen Online-Shop  zu eröffnen, damit „Ihre Geschäfte auch am siebten Tag nicht ruhen…“ Ein ganz neuer Aspekt, dachte ich. Dass ein Pfarrer sonntags Geld macht, war mir noch nie eingefallen. Sicher: er arbeitet sonntags und bekommt auch Geld dafür. Aber bislang hatte ich das immer unter dem Gesichtspunkt des Die­nens und nicht des Ver-dienens gesehen. Zumal ich das Salär von Pastoren nicht als zu großzügig ein­schätzen würde, jedenfalls nicht angesichts der Tatsache, dass man von ihnen oft eine Rund- um-die-Uhr-Verfügbarkeit erwartet. Auch in anderen Situationen hatte ich nie an Feiertagszuschläge ge­dacht. Nicht bei den Polizeibeamten im achten Re­vier, die immer „Wir kümmern uns drum!“ sagen, wenn man sie anruft, nicht bei den breitschultrigen Athleten in ihren orangeroten Kombis, die meine blutende Tochter an einem Sonntagmorgen in die Klinik fuhren und nicht bei der (sicher gut bezahlten) Ärztin, die sie mit viel psychologischem Feingefühl zunähte. Auch an meinen Nachbarn, der ohne Rücksicht auf Tag und Stunde mit seinem Spezial­schiff auf der Ostsee unterwegs ist, um anderer Leute Ölteppiche zu saugen und aufzupassen dass niemand in der Kadetrinne auf Schiet läuft, denke ich mit Anerkennung. Wer solche Dienste an der Gesellschaft auf den Aspekt  Verdienst reduziert, ist schief gewickelt.

Aber warum stellen die Werbestrategen der Spar­kasse dem geneigten Publikum gerade so ein gro­teskes Zerrbild als Repräsentanten der Kirche vor? Um das herauszufinden, griff ich am Montag zum Telefonhörer und ließ mich mit der Anzeigenleitung der Zeitung verbinden, nannte meinen Namen und fragte nach dem Auftraggeber der An­zeige im Wirtschaftsteil der Ausgabe vom 9.12., Seite 13. Das dürfte sie mir nicht sagen, antwortete die freundliche Dame am anderen Ende. „Oder sind sie vom Ordnungsamt?“ War da etwa schon was im Busche? So schnell zur Amtsperson avanciert, er­klärte ich: „Es handelt sich um einen Fall von Ver­ächtlichmachung von Glaubensgemeinschaften,“ und darüber wolle ich mich mit dem Urheber der Annonce unterhalten. Das war zwar etwas dick auf­getragen, aber keineswegs falsch. Die unterschwel­lige Botschaft ist deutlich: Pfarrer (diese Karikatur steht ja stellvertretend für alle) sind bescheuert! Wer zur Kirche geht und sich dem aussetzt, muss zwangsläufig auch ganz schön blöd sein. Und ein Gott, der sich mit solchen Typen abgibt, kann ebenfalls nicht alle Tassen im Schrank haben. Nun, die Dame von der Anzeigenabteilung versprach, Rücksprache zu halten, und nannte mir am nächs­ten Tag Namen und Telefonnummer des Leiters im Direktionsbereich Marketing und Werbung der Kreissparkasse.

Der Chef sei nicht da, erst in zwei Tagen wieder. Nein, so lange wollte ich nicht warten, dass Hühn­chen, das ich mit ihm zu rupfen hatte, sollte frisch auf den Tisch. Also verband man mich mit seiner Stellvertreterin. „Warum hat man gerade diese Form der Darstellung gewählt?“ fragte ich, zunächst ganz wertfrei. Die Dame wusste sofort Bescheid. „Sie sind nicht der Erste, der deswegen angerufen hat. Die Anzeige wird auch nicht mehr geschaltet.“ Na, das Ausschalten geht aber schnell, dachte ich. Es gibt ihn also doch, den Aufstand der Anständigen! Verantwortlich sei, so wurde mir erklärt, eine spar­kasseneigene Unterfirma namens F-netline. Diese hätte ihrerseits eine Werbeagentur mit dem Entwurf beauftragt. Auffallen sollte die Anzeige, auch provo­zieren, damit die Leute hingucken. (Das ist gelun­gen, meinen herzlichen Schluckauf!) Aber Kunden verärgern oder einen ganzen Berufsstand diskredi­tieren hätte man natürlich nicht wollen. „Die Anzeige hat aber durchaus solche Züge,“ entgegnete ich und lud meine Gesprächspartnerin zu einem Ge­dankenspiel ein: „Stellen sie sich vor, diese Schieß­budenfigur sei nicht als katholischer Geistlicher in einer Kirche, sondern mit Talar, Gebetsmantel und Kippa als jüdischer Rabbiner in einer Synagoge ge­kennzeichnet worden. Die halbe Nation würde ihnen an die Gurgel springen, und zwar zu recht! Im Übri­gen hat die Wirtschaft durchaus ein Motiv dafür, die Christen für dumm zu verkaufen. Die Kirchen sind die Verteidiger des arbeits- und kommerzfreien Sonntags. Da besteht schon eine offene Gegner­schaft.“ Noch einmal wurde mir versichert, das sei nicht beabsichtigt, es sei nur darum gegangen, mit der Anzeige aufzufallen. Das nahm ich ihr dann auch ab und bedankte mich für die freundlichen Auskünfte.

Bei dieser Geschichte ist mir eines deutlich gewor­den: Wir Christen stehen mitten in einem Kultur­kampf. Dabei geht es um inhaltliche Dinge wie Gentechnik, Euthanasie und z. B. auch den Sonn­tag als Tag der „Arbeitsruhe und der seelischen Er­hebung“, wie es im geschwollenen Amtsdeutsch der Weimarer Reichsverfassung heißt. Dabei wollen wir die Meinungsfreiheit unseres Gegners immer respektieren. Es geht aber auch um die Form der Auseinandersetzung. Die mag gerne würzig sein, wie einstmals bei Don Camillo und Peppone. Belei­digte Leberwurst brauchen wir nicht zu spielen, wenn wir eine (hoffentlich gut gemachte) Satire ein­stecken müssen. Aber wir brauchen uns auch nicht mit „Stürmer“-Methoden zum Deppen machen zu lassen. Auch niveaulose Werbung lässt sich ab­schalten. Anruf genügt!“