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Einladung zum Jesus-Gebet

20. April 2012

Wozu dient das Jesus-Gebet?

„Betet ihr nicht vor dem Essen?“ fragt Karlchen seinen Freund Fritz.

„Och, wieso?“ antwortet der, „so schlecht kocht meine Mutter eigentlich gar nicht.“

Beten nur in Notlagen? Fritz versteht es wohl so: Not lehrt beten. Aber das kann doch nicht alles sein, oder?

Zunächst mal ganz allgemein: Viele Menschen verstehen unter „Beten“ nicht mehr als „Bitten“. Und viele tun es nur, wenn sie in Not sind.

„Beten heißt reden mit Gott,“ so lautet ein Lehrsatz aus dem Konfirmandenunterricht. Dazu gehören neben der Bitte dann auch Dank, Lob, Klage, sich Freud und Leid von der Seele reden. Und – das wird oft vergessen! – auch das Zuhören gehört zu einem Gespräch!

Da Gott ein sehr zurückhaltender Zeitgenosse ist, hören wir sein Wort selten laut vernehmbar. Eher dadurch, dass  uns sein Wort in der Heiligen Schrift berührt oder in dem wir behutsam zu erspüren suchen, ob er in der Stimme unseres Herzens zu hören ist.

Ich möchte es mit dem Zusammensein zweier Liebender vergleichen. Wenn zwei Menschen einander entdecken, dann gibt es zunächst viel zu erzählen. Sie möchten einander kennenlernen, voneinander erfahren. Sicher bitten sie einander auch um Hilfe, wenn es nötig ist und stehen sich bei. Sie bewundern einander und sagen das auch.

Aber es gibt eben auch die Momente, wo Worte überflüssig sind, wo sie einander schweigend an der Hand halten, sich lange in die Augen schauen, zärtlich zueinander sind.

Unter Menschen ist das noch einfach: Wir sehen das schöne – oder auch vom Leben gezeichnete – Angesicht, die Blicke sagen so viel. Fühlt sich eine(r) der Liebenden zu wenig beachtet, kann er/sie sich bemerkbar machen.

Aber wie ist das mit Gott?
Er ist ja unsichtbar.
Er schweigt fast immer.
Er macht selten auf sich aufmerksam, und wenn, dann oft nur sehr leise.

Wie ist es, wenn wir einfach nur bei Gott sein wollen, ganz nahe, ohne dass mit seiner Hilfe irgendetwas „zu erledigen“ wäre?

Nehmen wir uns eine Zeit der Stille.
Eine Zeit, wo uns niemand stört, wo weder die Waschmaschine noch der Fernseher läuft und kein Handy piept.
Versuchen wir einfach nur „da zu sein“.
Und zu spüren, dass Gott auch „da“ ist.

Was passiert?
Klar: Wir werden abgelenkt.
Wir hören den Kühlschrank summen, Musik in der Nachbarwohnung, draußen vor dem Haus rumpeln die Müllmänner mit den Tonnen über das Pflaster.

Okay, akzeptieren wir das mal so. Da draußen gibts diese Unruhe.
Aber wir bleiben bei uns selbst.
Wir konzentrieren wir uns darauf, dass wir da sind und Gott auch.

Was passiert nun?
Jetzt kommt der Lärm von innen.
Wir merken, dass unsere Gedanken spazierengehen. Dauernd geht uns irgendwas durch den Kopf. Was wir gerade erlebt haben, was uns demnächst bevor steht. Oder irgendwelche Tagträume. Ständig sind unsere Gedanken in Bewegung!

Das ist normal. Leider.
Allen geht das so. Auch den größten Heiligen!

Hier kommt das Jesusgebet ins Spiel.

Wir können unsere Gedanken an die Zügel nehmen. Die Zügel, das ist unsere Sprache. Unsere Gedanken bedienen sich nicht nur der Bilder vor unserem inneren Auge, sondern auch der Sprache. Und umgekehrt kann man durch bewusstes Sprechen (laut, halblaut oder innerlich) die Gedanken lenken. Und wenn wir z. B. bewusst, im Rhythmus unseres ruhigen Atmens, „Komm, Herr Jesus“ sprechen (das entspricht dem aramäischen „Maranatha“), oder eine andere Anrufung, dann lenken wir die Gedanken und die Aufmerksamkeit auf Jesus hin.

Es geht beim Jesusgebet (oder Herzensgebet) also nicht darum, dass Jesus etwa dauernd den Vers „Komm, Herr Jesus“ hören wollte, – nein, das wäre ziemlicher Blödsinn. Es geht um die Ausrichtung des Inneren auf Jesus, – mit Hilfe der Sprache.
Das ist das ganze Geheimnis!

Das Jesus-Gebet oder Herzensgebet ist eine Meditationsweise, die besonders von orthodoxen Mönchen gepflegt wird, aber auch mehr und mehr bei uns bekannt wird. Es wurde von frühchristlichen Einsiedlern in Ägypten entwickelt. Für jemanden, der es noch nicht ausprobiert hat, wirkt es erst einmal fremd und seltsam. Macht aber nichts!

Das Jesus-Gebet ganz konkret

Noch einmal: Der Zweck dieser Gebetsweise ist, deine Sinne und dein ganzes Bewusstsein darauf auszurichten, dass Jesus bei dir ist.

Mehr nicht!
Aber auch nicht weniger!

Dazu dient ein kurzes Gebetswort oder Mantra, – kein „Text“, sondern eine Anrufung/Anrede an Jesus – , die zunächst mal in der Stille eine Zeit lang (10 bis 15 Min.) immer wieder ruhig und gleichmäßig wiederholt wird. Dabei ist jede einzelne Anrufung ein in sich abgeschlossenes Gebet.

Du brauchst also ein- oder zweimal am Tag ein Viertelstündchen, das ganz dafür reserviert ist und wo dich nichts hetzt. Das sollte machbar sein, es sich ja nur ein oder zwei Prozent des Tages! 😉 Gerade in einer Gesellschaft, die besonders aktiv sein will und in der kreative Ideen gefragt sind, ist es natürlich ungewöhnlich, wenn man sich entscheidet, sich eine Weile am Tag aus dem Getriebe auszuklinken, nichts zu tun und auch nichts zu denken, sondern einfach nur da zu sein in der Gegenwart Gottes. Diejenigen, die diesbezüglich Bedenken haben, seien getröstet: Alle, die Erfahrung im Herzensgebet haben, berichten, dass sie im Alltag die Dinge klarer sehen und die Herausforderungen z. B. im Beruf und in der Familie besser meistern als vorher.

Wenn du es ausprobieren möchtest gehe so vor:

Setz dich entspannt und möglichst mit geradem Rücken hin.

Lies die unten stehenden Anrufungsverse bzw. –worte durch, wähle dir eines davon aus, das dir zusagt und das du dir leicht merken kannst.

Denke nicht groß darüber nach, ob dieser Anrufungsvers nun klug, poetisch, geschmackvoll, altertümlich oder sonstwie formuliert ist oder nicht.
Das Nachdenken hat während dieser Gebetszeit ausnahmsweise einmal Pause.

Behalte dein gewähltes Gebetswort für dich! Niemand soll irgendwelche dämlichen Bemerkungen darüber machen können.

Lege alle Erwartungen, dass etwas besonderes passiert, beiseite.

Auch die Erwartungen haben Pause!

Nimm deinem Atem wahr. So, wie er gerade ist, ohne ihn zu verändern.

Schließe die Augen oder lass den Blick auf irgendeinem Gegenstand vor dir (Kerze, Kreuz, Stein, Pflanze) ruhen.

Beginne mit einem Gebet, dass du kennst, z. B. mit dem Vater unser.

Dann wiederhole bei jedem Atemzug langsam und bewusst dein Gebetswort, ohne dir dabei Gedanken zu machen.

Wenn deine Gedanken abschweifen (das werden sie zunächst dauernd tun!), kehre einfach zu deinem Gebetswort zurück, ohne dich um die Gedanken zu kümmern oder gar über deine „Zerstreutheit“ zu ärgern.

Chotki

Eine Gebetsschnur (hier ein orthodoxes Chotki oder Komboskini) kann dabei helfen, eine Gebetszeit einzuhalten, ohne auf die Uhr schauen zu müssen.

Nach ca. 10 – 15 Min. (du musst aber nicht auf die Uhr gucken!) atme tief durch, recke dich.
Wenn du möchtest, kannst du dann entweder neu beginnen oder deine Gebetszeit mit einem kurzen freien Gebet abschließen. Besser aber, du betest auch ohne einen „Abschluss“ weiter, wenn du deine normale Alltagsbeschäftigung wieder aufnimmst. Warum solltest du abbrechen, wenn du gerade „in Fahrt“ bist?!

Wenn du merkst, dass dir dein Gebetsruf geläufig geworden ist, hat er auf jeden Fall auch außerhalb einer festgelegten „Gebetszeit“ seinen Platz. Immer dann, wenn du gerade nicht besonders konzentriert arbeiten musst: beim Warten auf den Bus, auf dem Weg zur Arbeit, wenn du beim Telefonieren in der Warteschleife hängst, beim Joggen, beim Kartoffelschälen. Drei, vier oder fünf Sekunden reichen vollkommen für so ein, wie ich schon schrieb, vollkommen abgeschlossenes Gebet.

Eines, an das sich gleich ein weiteres anschließen kann. Und dann noch eines. Und noch eines…

Dabei geht es nicht darum, ein bestimmtes Quantum zu erledigen, denn das wäre „Plappern wie die Heiden“. Es geht viel mehr um Intensität. Intensität, die aber nicht durch Anstrengung und verkrampftes Sich-konzentrieren-Wollen zustande kommt, sondern einfach nur dadurch, dass man es tut.

Und aus dem zu Anfang reservierten Viertelstündchen wird sich das Gebet mehr und mehr über den Tag ausbreiten, ohne dass dir irgendetwas anderes „verloren“ geht.

Die Einsiedler der frühen Christenheit haben den ganzen Tag so gebetet, beim Töpfern, beim Mattenflechten, beim Wandern, – ja, sogar im Schlaf war ihr Gebetsvers präsent. Denk aber nicht, das wäre nur was für Mönche! Jeder kann das. Es kostet nichts, man muss nicht groß was „lernen“. Man muss nur damit anfangen und dann beharrlich dabei bleiben.
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Hier einige Beispiele für Gebetsrufe. Die obersten beiden sind gewissermaßen die „Klassiker“, die von orthodoxen Mönchen gebetet werden. Es sind aber wirklich nur Beispiele! Wähle einen aus, der die am ehesten liegt und den du in deinen normalen Atemrhythmus integrieren kannst. Du kannst auch ein Psalmwort nehmen, das dich stärkt, z. B. „Der Herr ist mein Licht und mein Heil“ (aus Psalm 27) oder eine ganz andere positiv formulierte Anrufung.

Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.
Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich.
Jesus Christus, Messias, Sohn Gottes.
Jesus Christus, Sohn Gottes.
Herr, erbarme dich meiner.
Christus, erbarme dich.
Jesus, erbarme dich.
Herr, erbarme dich.
Komm, Herr Jesus.
Jesus, sei bei mir.
Jesus Christus.
Jesus, sei hier.
Jesus.

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Risiken und Nebenwirkungen

Auch wer das Herzensgebet übt (man muss es regelrecht üben!), wird merken, dass die Gedanken abdriften. Das ist völlig normal. Aber es ist natürlich nicht Sinn der Sache, zerstreut zu sein, wenn man doch innerlich gesammelt sein möchte.

Also: Wie damit umgehen? Zunächst mal einfach zu dem Gebetswort, dass man sich gewählt hat, zurückkehren. Weiterbeten!
Sich nicht ärgern!

Es ist wie mit der Meeresbrandung. Die Wellen (zersteute Gedanken) kommen, schlagen rauschend an den Strand…
…und fließen zurück.
Nicht drum kümmern! Weiterbeten!

Wer noch nie am Meer war, wird vielleicht erstaunt und fasziniert in die Wellen schauen. Wer aber schon lange an der Küste lebt, der nimmt sie nur noch als ein Rauschen im Hintergrund war, irgendwann achtet er gar nicht mehr darauf.

Wenn man seine Zerstreutheit bemerkt, sollte man den Gedanken nicht nachgehen, sondern sich ganz entspannt wieder auf das Gebetswort konzentrieren.

Nun kann es aber sein, dass Sturm aufkommt, dass die Wogen höher werden, dass die Brecher, die an den Strand schlagen, die Beine umspülen. Dass also Gedanken ganz penetrant immer wieder kommen: Sorgen, Sachen, die zu Erledigen sind…

Der einfachste Weg ist, die Gedanken und die Meditation zu integrieren. Also, wenn das Gebetswort meinetwegen „Christus, erbarme dich“ lautet, es zu erweitern in „Christus, erbarme dich über… [meine Mutter, die in der Klinik liegt]“ oder was auch immer dich beschäftigt

Es kann auch sinnvoll sein, das in kurzen Worten (wirklich nur Stichworte!) aufzuschreiben und dann…
…wegzulegen!
Und weiter beten!
Das ist die To-do-Liste für später, jetzt aber ist es erst einmal weggelegt, das kann warten.
Weiterbeten!

Was aber, wenn ein Tsunami kommt, ein Wahnsinnsbrecher, der einen total von den Füßen haut? Ja, dass kann passieren! Im Alltag sind wir es zu oft gewohnt, ernsthafte Sorgen, tiefe Verletzungen, traumatische Erlebnisse zu verdrängen, vielleicht durch viele Aktivitäten zuzuschütten. Aber trotzdem sind sie immer noch da, irgendwo im Unter- oder Unbewussten. Und wenn während des Herzensgebetes der Deckel der Alltagsaktivitäten nicht mehr drauf ist, können sie hochkommen. Dann, wenn es so heftig kommt, sollte man das Herzensgebet abbrechen und einen Seelsorger oder einen psychologisch erfahrenen Menschen aufsuchen.

Aber es gibt auch postive Nebenwirkungen: Gelassenheit, eine stabilere Gesundheit, mehr Lebensfreude, Mut, Kreativität, eine klarere Sicht der Dinge, ein tieferer Glaube…

Aber diese Dinge sind Nebenwirkungen, nicht etwa der Zweck der Übung. Der tiefe Blick in die Augen der/des Liebsten hat ja auch keinen „Zweck“, sondern ist einfach nur schön!

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From → Spritualität

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