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Das Wolpertinger Osterlamm

22. März 2013

Dies ist nicht nur ein Rezept, sondern auch eine kleine Geschichte. Die Geschichte von der Entstehung des Osterhasen nämlich. Sie nimmt ihren Anfang in der Bibel. Obwohl der Osterhase selbst da gar nicht vorkommt. Aber der Reihe nach:

Unmittel­bar vor dem Auszug aus Ägypten, so erzählt das zweite Buch Mose, feierten die dort in Knechtschaft lebenden Israeliten ein Frühjahrsfest. Zu dem Fest­essen gehörten die ersten Gaben von Feldern und Weiden, also das noch un­gesäuerte Brot und die gerade ge­borenen Lämmer. Sie sind noch heute fester Bestandteil der Pessachfeier, das die Juden seit dem an die Befreiung aus dem Sklavenhaus Ägypten erinnert.

Auch im Abendland, wo das Lamm zu einem Symbol für Christus wurde, wurde das Essen von Lammbraten zu einer österli­chen Tradition. Aber nur wenige konnten sich diesen Luxus leisten. Den Armen blieb nichts anderes übrig, als sich ein Lamm aus Hefeteig zu ba­cken. Und das geht (heutzutage) so:

Man nehme:
500 g Weizenmehl (davon können 150 g Vollkornmehl sein) siebe es und vermische es mit
1 Päckchen Trocken-Backhefe
1 Teelöffel Zucker
1 gestr. Teelöffel Salz
geriebener Zitronenschale
2 Eiern
50 g zerlassener Butter
¼ l lauwarmen Wasser. Den Teig mit dem elektrischen Rühr­gerät (mit Knethaken) zunächst lang­sam, dann mit höchster Geschwin­digkeit ca. 5 Minuten rühren. Den Teig dann an einem warmen, vor Zugluft geschützten Ort (Bett mit Wärmflasche) gehen lassen, bis er etwa das doppelte Volumen hat.Noch einmal durchkneten und in ver­schieden große Rollen für Körper, Beine, Hals, Kopf, Ohren und Läm­merschwanz aufteilen. Daraus auf dem gefetteten Backblech ein Lamm in Seitenansicht zusammenfügen. Auf eine gute Verbindung der „Ge­lenke“ achten, sonst gibt es Arthritis. Mit dem Messerrücken Fell und Nase ein­ritzen und das ganze noch einmal gehen lassen.
1 Ei schlagen und das Lamm damit ein­streichen,
1 Mandel als Auge einsetzen,nach belieben
Mandelsplitter, Mohn oder Sesam als Fell auf den Körper streuen.
 Backen: Lehmkuppelofen: mit Astholz einhei­zen, bis die Rußschicht an der Rück­seite des Ofens zu grauweißer Asche… ach so, Sie haben keinen Lehmofen?! Na gut, also:

Elektroherd: 200 – 225 °C

Gasherd: Stufe 4,

ca. 20 – 30 Minuten backen.

Wenn das Lamm zu schnell braun wird, mit Alufolie abdecken.

Vor dem Schlachten – äh – dem Anschneiden meine ich natürlich, die Kinder raten lassen, was das wohl sein soll. Ein Lamm? Super! Dann sind Sie hochbegabt. Oder haben sich die Ohren beim Gehen des Teiges etwa zu überdimensionierten Löffeln verformt? Ist aus dem niedlichen Lämmer­schwanz ein rundes Knürzelchen geworden? Dann wissen Sie nun, wie der Osterhase entstanden ist: aus einem mutierten Osterlamm nämlich. Viel­leicht hat die Evolution in Ihrem Backofen auch ein Mischwesen hervorge­bracht, einen Wolpertinger sozusagen.

Trösten Sie sich, das ist den Bäckern früher auch so gegangen! Und das über Generationen hinweg, so dass man schließlich gar nicht mehr wusse, dass es eigentlich ein Lamm und nicht etwa Hase oder ein sonst was sein sollte.

Als den Zuckerbäckern mit dem Überseehandel in der Kolonial­zeit endlich Schokolade und Marzipan zur Verfügung standen, stiegen sie  sofort auf dieses besser formbare Material um. Ohne nachzuforschen, welche kulturgeschichtliche Wurzel dem österlichen Viehzeug  zu Grunde lag, modellierten sie ein Langohr. Süß und säkular. Das Ergebnis ist der Osterhase, wie wir ihn heute kennen.

Das Wolpertinger Hefeteiglamm, das ursprünglich ein richtiges Lamm hätte sein sollen, war damals schon in Vergessenheit geraten. Es steht unterdessen auf der roten Liste der bedrohten Gebäcksorten. Es wäre schön, wenn Sie eine Nachzucht be­ginnen würden. Es schmeckt nämlich so gut! Ich esse es am liebsten mit Butter, Honig oder Konfitüre.

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From → Allgemein

8 Kommentare
  1. Toll, danke! 😀
    Wenn ich den Teig im Bett mit Wärmflasche gehen lasse, dann können zwei Dinge passieren: Er geht und ich weiss nicht wohin. Oder aber er schläft ein und ich muss auf der Couch schlafen.
    Ich werde das Risiko eingehen und das Rezept nachbacken.

  2. 😀 Bei euch in Italien gibts zu dieser Jahreszeit, vielleicht noch andere warme Plätze, wo sich der Hefeteig wohl fühlt. 😉
    Aber hier im Norden liegt jetzt, Ende März, tatsächlich noch Schnee!

  3. Leider ist auch Italien nicht mehr das Land wo immer Zitronen blühen, wir sind auch auf den Supermarkt angewiesen. Schnee ist für Ostern angesagt.
    Ich lasse den Hefeteig im leicht angeheizten Ofen langsam gehen…und winke ihm manchmal zu. 😉
    Leider habe ich auch die Befürchtung, dass das Lamm nicht wiederzuerkennen ist, aber sicher schmeckt das Resultat.
    Eine gesegnete Karwoche Dir, Ismael. 🙂

  4. Direkt vor dem Auszug aus Ägypten ein Frühjahrsfest: In welcher Bibel steht das denn?

  5. Das Wort „Frühjahrsfest“ fällt in der Bibel natürlich nicht. Aber ein Opferfest der Nomaden, wohl nach der Geburt der Lämmer und unmittelbar vor Aufbruch zu den Frühjahrsweideplätzen, hatte es offensichtlich schon vor der in 2. Mose 12 beschriebenen Stiftung des Passah gegeben: 2. Mose 5, 1.
    Bei den Bauern fiel es jahreszeitlich mit dem Mazzotfest zu Erntebeginn des Wintergetreides zusammen. (Unmittelbar nach der Ernte war das Mehl noch ungesäuert bzw. man aß geröstete Getreidekörner.)
    Beide Traditionen, die der Hirten und die der Bauern, wurden dann später zu einem Fest verschmolzen, das durch den Auszug aus Ägypten eine ganz neue Bedeutung bekam.

  6. Die Israeliten, die aus Ägypten ausziehen sollten, waren Sklaven, die Bauarbeiten für Pharao zu leisten hatten. Sie waren keine Bauern und Hirten.

    Vers 5,1 b heißt: .“.. laß mein Volk ziehen und sie sollen mir in der Wüste feiern“
    Warum sollten Sklavenarbeiter einen nomadischen Brauch, der nicht ihren Lebensumständen entspricht (Bauern – viehzucht – Landwirtschaft) praktizieren – und das dann noch in der Wüste?

    Es wird in diesem Vers das Verb ch-g-g verwendet, das sonst nie verwendet wird. Es kann sich also nicht um ein Fest handeln, an dem geopfert wird. Dafür müßten andere hebräische Wörter verwendet werden. Ein Fest der „Mazzot“ (ungesäuerte Brote) gab es erst nach dem Auszug aus Ägypten, weil aufgrund der Eile beim Aufbruch der Teig nicht mehr gehen konnte bevor er gebacken wurde.

    Dass es in den unterschiedlichen Kulturen Frühlingsfeste gab, ist unbestritten. Sicher ist auch in der Zeit der Zwangsarbeit die Erinnerung an Frühlingsfeste früherer Zeiten, die mit dem bäuerlichen Leben zu tun haben da, aber dieses Fest, das die Israeliten in der Wüste feiern sollten, hatte eine andere Qualität.

  7. Nun, auch wenn die Israeliten in Ägypten Frondienste leisten mussten, so waren sie sicher keine Sklaven wie einstmals in den Südstaaten der USA, sondern hatten ihre eigenen Traditionen aus der Zeit Abrahams, Isaaks und Jakobs.

    Der Exodus, wie er im 2. Buch Mose beschrieben wird, ist ja kein historisches Ereignis, das genau so stattgefunden hat, sondern Teil eines historischen Prozesses, der viele Komponenten des Lebens von Nomaden, Halbnomaden und Bauern sowie der sukkzessiven Sesshaftwerdung der aus der Steppe einsickernden Stämme umfasst. Auch die spätere städtische Lebensweise färbte aud die Überlieferung ab.

    Da vermischt sich schon einiges oder es bekommt eine neue Bedeutung. Eben so, wie bei uns das Osterfest auf dem Passah beruht, aber durch die Passion und Auferstehung Christi eine ganz andere Bedeutung bekommen hat.

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  1. Das Wolpertinger Osterlamm | theolounge.de

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