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Trauerreden für Karteileichen? Nein, predigt die Auferstehung!

14. März 2013

Im Café Grün in der Leibnitzstraße in Mainz bestellten wir erst einmal Espressi. Wir: eine Handvoll Verwandte aus meiner Sippe und die Haushälterin vom alten Fritz. So lange ihn die Krücken trugen, war der alte Fritz gerne in dieses sympathische Lokal gekommen, wo nicht nur die Bedienung so nett ist, sondern auch die Gäste besonders ruhig und rücksichtsvoll mit den Kellnern sprechen. Das Personal ist hier etwas „besonders“, woanders in der freien Wirtschaft gäbe es wegen ihrer Einschränkungen kaum Berufschancen.

Nun kamen wir noch mal hierher und mussten erst mal die Kälte wegspülen, bevor wir uns dem Flammkuchen widmen konnten. Was uns frösteln gemacht hatte, war nicht der Wintereinbruch im März, sondern die Trauerfeier. Nein, – schauder! – , was sich der Pastor da geleistet hatte, war daneben!

Dabei kann ich ihn sogar verstehen. Er hat den alten Fritz nie kennengelernt. Fritz war kein Kirchgänger, auch als er noch ohne Krücken laufen konnte. Jedenfalls nicht regelmäßig und nicht in der Christuskirche, jener wilhelminischen Kulturkampfkathedrale am Ende der Kaiserstraße. Und dann kommt diese dem Pfarrer ebenfalls unbekannte Haushälterin an und bittet ihn um die Mitwirkung an der Trauerfeier für irgend so eine Karteileiche. Sich nie in der Kirche blicken lassen, aber zum Schluss noch eine Dienstleistung abgreifen, – verständlich, dass der Pastor keine Lust hat, sich da für her zu geben!

Aber muss er uns das so spüren lassen? Dass er Formulierungen und Psalmworte benutzt, die in solchen Fällen Routine sind, dagegen ist nichts einzuwenden. Aber die liebevoll durchdachte Musikauswahl der Haushälterin und guten Freundin – sie hatte in den letzten Jahren den intensivsten Kontakt zum alten Fritz – über den Haufen werfen und statt dessen das Lied 72 singen zu lassen?

„O Jesu Christe, wahres Licht, erleuchte, die dich kennen nicht, und bringe sie zu deiner Herd, dass ihre Seel auch selig werd.

Erfülle mit dem Gnadenschein, die in Irrtum verführet sein, auch die, so heimlich ficht noch an, in ihrem sinn ein falscher Wahn…“ usw. usw.

Nein, das triffts nicht. Auch wenn der alte Fritz, wie gesagt, kein Kirchgänger und kein Gemeindehansel war. Er war wohl eher das, was ich schon öfter als „Solitärchrist“ bezeichnet habe. Einer, der glaubt, es aber nicht in für andere sichtbaren Frömmigkeitsformen tut. Eher in Formulierungen wie „da muss man seinem Schöpfer dankbar sein…“, die Fritz häufiger benutzte. Oder in seiner Lebensform. Als international renomierter und mehrfach ausgezeichneter, gut verdienender Wissenschaftler lebte er anspruchslos in einer kleinen Wohnung (nicht viel mehr als eine bessere Studentenbude) in einem hässlichen Etagenbau, er besaß weder einen Fernseher noch ein Auto. Aber er zeigte sich immer als großzügiger Wohltäter, sowohl gegenüber Behinderteneinrichtungen als auch zu notleidenden Bekannten. Seine letzten Briefe an Neffen und Großnichte waren Essays über den Frieden. Selbst schmerzgeplagt und an Krücken strahlte er immer noch voll Charme, Herzlichkeit und Güte.

Das war auf jeden Fall geblieben aus seiner Familientradition, die vom hannoverschen Pietismus geprägt war und die in seiner Familie viele Prediger, Gemeindeälteste und sogar Missionare hervorgebracht hatte. Und das war auch der Grund, weswegen ich eine evangelische Trauerfeier vorgeschlagen hatte, statt einen weltlichen Trauerredner zu engagieren. Ich wollte, dass bei der Trauerfeier klar wird, wohin die Reise geht!

Und damit wäre ich bei dem Anliegen dieses Artikels.

Liebe Pastorinnen und Pastöre, die Ihr Karteileichen zu beerdigen habt,

eure Aufgabe ist nicht die eines weltlichen Trauerredners. Dafür braucht ihr euch nicht benutzen zu lassen. „Erinnern und Abschied nehmen“, wie  jener Pfarrer der Christuskirche den Anlass der Zusammenkunft in der Kapelle auf dem Mainzer Hauptfriedhof beschrieb, ist gar nicht euer Ding. Zumindest nicht in erster Linie. Eure Aufgabe ist es, das Ziel der letzten Reise zu benennen.

Und das ist nicht das Grab, sondern die Auferstehung.

Darüber sollte sich auch predigen lassen, wenn man den Verstorbenen nie gesehen hat und die Trauergemeinde aus lauter unbekannten Gesichtern besteht. Wenn ihr die Ansprache am Sarg in diesem Sinne als Chance begreift, werdet ihr euch nicht als Kasualiendienstleister missbraucht fühlen. Versucht es!

Euer Ismael

____________

Post scriptum: Ich habe den Begriff „Karteileichen“ benutzt. Ein gefährliches Wort, denn von Leichen kann man nichts mehr erwarten, man muss sich nicht mehr um sie bemühen.

Das Evangelium aber ist eine Bringschuld. Denkt daran, wenn ihr meint, ihr hättet so viele „Karteileichen“ in der Gemeinde! 😉

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From → Allgemein

3 Kommentare
  1. Zilli permalink

    Danke, lieber Ismael – Dein Text hat mich nachdenklich gemacht. Es ist vorallem auch sehr überheblich so über jemanden zu reden oder denken, genau weil man ihn nicht kennt. Der Glauben wird nicht in Worten gelebt, sondern in Taten vorallem.

  2. Danke für den wichtigen und richtigen Hinweis, was eine Ansprache Beerdigungspredigt leisten kann und soll… Das „Erinnern und Abschied nehmen“ würde ich dabei gar nicht gegen die Auferstehungsbotschaft ausspielen wollen – im Gegenteil, ich würde sagen, erst das Rückbesinnen auf die Auferstehungshoffnung das Abschied nehmen erst ermöglicht. Ich sage Angehörigen zu Beginn eines Trauergesprächs relativ offensiv, dass ich keinen „Lebenslauf“ vorlesen werde – eben weil es in aller Regel eine Nähe heuchelt, die nicht dagewesen ist. Die Angehörigen reagieren da ausnahmslos sehr positiv, und dann entspinnt sich oft ein Gespräch, in dem Lebens- und Gottesgeschichte(n) miteinander verwoben werden.

    Ohne Auferstehungsbotschaft reichen auch die freien Redner, die sind dann auch frei von dogmatischen und kirchenrechtlichen Restriktionen aller Art…

    LG

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  1. Trauerreden für Karteileichen? Nein, predigt die Auferstehung! | theolounge.de

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