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No foto!

3. Dezember 2012

„Pssst! – Silenzio! – No foto!“ Ich hatte sie immer belächelt, die Aufseher mit ihren spießigen Dienstmützen in den Wallfahrtskirchen Assisis, die da für Ruhe und Ordnung sorgen. Inzwischen beginne ich sie wertzuschätzen, diese beflissenen Wächter des Benimms an heiligen Orten. Sinneswandel, ausgelöst durch einen Besuch einer der bedeutensten gotischen Kathedralen, dem Straßburger Münster.

Gotik, das ist ja eine Architektur, die unmittelbar auf das Gemüt durchschlägt. Eigentlich braucht es wenig Glaubenswissen, – allein die Bauform bewirkt, dass sich „die Seele erhebt“ und der Besucher spürt, dass es eine ganz andere Dimension des Lebens gibt als nur den Alltag. So eine Kathedrale ist für mich nichts anderes als Gebet in Stein und Glas. Auch nach über einem halben Jahrtausend wird man sofort davon eingefangen und überwältigt.

Straßburger Münster3

Dachte ich. Ist aber nicht. Im Straßburger Münster strömen die Touristen in einer Art und Weise durch die doch so gewaltige Kirche, dass es mir schwer fiel, zur Besinnung und zum Gebet zu kommen. Es wurde munter geplappert und nicht etwa geflüstert. An allen Ecken und Enden reckte man Kameras und Smartphones hoch, um zu fotografieren. Die Blitzlichter flackerten überall, obwohl die Leitzahlen der Handy-Kameras in der großen Kirche kaum etwas ausrichten konnten. Motiv waren nicht nur das historische Bauwerk mit seinen Kunstwerken und der astronomischen Uhr. Nein, auch  Jessica und Kevin müssen aufs Bild, Arm in Arm, grinsend  vor dem Weltgerichtspfeiler, während über ihnen die in Stein gemeißelten Engel mit ihren Posaunen den Jüngsten Tag ankündigen. „Wir sind da gewesen! Und alle Freunde auf Facebook müssen das sehen!“ Offensichtlich dabei die völlige Gleichgültigkeit vor der Botschaft der Basilika.

Szenenwechsel. Eine bescheidene Pfarrkirche. Kindstaufe in der Gemeindemesse: Der Pfarrer ist dafür, die Kinder sichtbar „in die Gemeinde“ hineinzutaufen. Also findet die Feier im Sonntagsgottesdienst statt.  Man erkennt am Jet-set-Outfit schon vorher, wer gleich zum Knipsen aufspringt. Oft sind es gleich zwei oder drei von diesen Flashlightjunkies. Modernste Digitalkameras mit unermesslichem Speicherplatz, – der sakramentale Akt wird zum Schaulauf auf dem roten Teppich. Das ein Sakrament unfotografierbar ist, weiß offenbar niemand.

Was ich hier zu diskutieren vorschlage, ist ein totales Fotografierverbot während des Gottesdienstes und überhaupt, wenn jemand betet. (Letzteres betrifft vor allem die großen Kirchen.) Nur müsste das für alle Kirchen gelten, damit es nich heißt, „…da und da durfte ich, warum stellt ihr euch hier so kleinkariert an!“

Dabei geht es nicht um ein Verbot um seiner selbst willen. Es geht darum, dass die Kirche kein Museum, keine Strandpromenade und keine Cafeteria ist.

Die Kirche ist ein geschützer Raum für den Glauben, für die Begegnung mit Gott. Zumindest sollte es so sein. Gott braucht diesen Raum nicht. Er versteht uns auch, wenn wir im Kaufhaus oder auf dem Klo beten. Aber wir brauchen diesen Raum, um zur Besinnung zu kommen. Und dazu sollten wir darüber reden, was uns dieser Ort bedeutet.

Was Familienereignisse angeht: Natürlich kenne ich auch die Gründe gegen solche Restriktionen. Gerade junge Familien, die nach längerer Kirchenabstinenz (Pubertät, Ausbildung, Familiengründung) mit einem zu taufenden Kind zum ersten mal wieder bei Kirchens reinschnuppern, sollte man nicht gleich mit Verboten verschrecken. Das ist richtig. Aber das ließe sich händeln, wenn man intensive Gespräche mit ihnen sucht, sie beispielsweise zu freundlichen Taufelternabenden einlädt.

Manchmal wird vorgeschlagen, dass ein einzelner Fotograf bestimmt wird, der für alle Beteiligten mit der nötigen Zurückhaltung einige wenige Aufnahmen macht. Bei größeren Ereignissen (Erstkommunion, Konfirmation, Firmung) ist das tatsächlich eine gute Lösung. Das wird oft so gehandhabt. Aber wer vermittelt das einer Tauf- oder Hochzeitsgesellschaft, die sich unmittelbar vor dem Gottesdienst versammelt und sich erst einmal mit großem Hallo begrüßt?

Natürlich ist es zu verständlich, dass man auch all denen, die nicht zu so einer Feier kommen konnten, etwas von dem Erlebnis vermitteln möchte. Wenn vielleicht auch die Kirche noch im Dorf ist, so ist es die liebe Verwandtschaft längst nicht mehr. Aber reicht es dafür wirklich nicht, im Anschluss an den Gottesdienst ein paar Gruppenfotos am Taufbrunnen oder vor der Kirche zu machen?

Wie auch immer: Wir sollten darüber reden (lernen), was uns Gebet, Gottesdienst und Kirche bedeuten! Und vielleicht ist das das Entscheidende und nicht eine Hausordnung an der Kirchentür.

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3 Kommentare
  1. Die Probleme, die durch nervende vor allem mit Handys knipsende Massen entstehen, sehe ich auch, und das nicht nur in Kirchen, auch in anderen als öffentlich empfundenen Orten, wie Museen oder Zoos. Insofern verstehe ich auch, dass man ein totales Verbot des Fotografierens als erste Lösung vorschlägt,
    Man bedenke aber mal den Kollateralschaden, den man dadurch auslöst. Es wird ja unweigerlich jedem verboten, wenn man es pauschal verbietet. Es gibt unter Fotografen hervorragende Künstler, von denen manche auch in Kirchen wunderbare Fotos anfertigen. Ich bin hier nicht das beste Beispiel (siehe der Link zu mir), da ich eher andere Themen und KIrchen lieber von außen fotografiere, aber auch da ist respektables Material dabei, das zum Teil schon von Getty Images und den Kirchen selbst angefragt wurde. Ein totales Verbot würde das verhindern, oder zumindest unnötig erschweren, wenn man z.B. explizite Genehmigungen einholen müsste. Es gilt also abzuwägen, wieviel Verbot das richtige Maß darstellt.
    Bisher ist mir keine bessere Idee gekommen, als dass man einen kleinen Obulus speziell für eine Fotografieerlaubnis entrichten muss, so dass zumindest die Handyknipser es sich zweimal überlegen, und man so die Masse eindämmt. Eine handvoll Fotografen, die Respektvoll und ohne Blitzlicht in Kirchen fotografieren, werden wohl kaum stören.
    In meiner Kirchengemeinde bin ich der halboffiziell angefragte Fotograf, und mache gerade bei Gebet, Lobpreis und Segen, Taufen und ähnlichem die besten Fotos. (Die sind aber i.d.R. nicht öffentlich zugänglich.) Es baut mich und meinen Glauben auf, die Leute so abzulichten, und hin und wieder schaffe ich es, die abgebildeten Personen damit aufzubauen, wenn sie auf einem Foto sehen können, wie – wie ich es nenne – Jesus in ihnen sichtbar wird, in andächtiger Gebetshaltung z.B.
    Ich bitte auch darum, zu überdenken, wieviel Ablehnung gegenüber neuer Techniken hinter dieser Kritik hier steht, Wenn Fotografie stört, und gerade Digitalkameras besonders unheilig erscheinen, dann scheint mir doch ein anderes Problem vorzuliegen, als nur die Störungen durch Touristenfotografen.

  2. Anna Maria permalink

    Hallo Joachim,
    vielleicht warst Du noch nicht zu Besuch im Bamgerger Dom, an einem ganz normalem Werktagnachmittag. Was sich hier abspielt, ist genau das, was Ismael wahrscheinlich meint. Gegen dezente und wenig Fotografen während einer Feier wie Taufe oder Hochzeit bin ich nicht allergisch. Aber ich bin es, wenn die Kirche als Museum missverstanden wird und wenn für Konzerte und Theateraufführungen in der Kirchre auch noch Eintritt verlangt wird.

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  1. No Foto ! « theolounge.de

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