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Was muss man sich NICHT alles bieten lassen?

29. November 2012

Ein Posting von Chris Hübener hat mich daruf gebracht, einen Uralt-Artikel aus der Zeit, als ich die Bits und Bytes noch mit dem Taschenmesser in Knochen geritzt habe, wieder auszugraben. Auch wenn der konkrete Anlass, wie zu lesen, schnell erledigt war,  vielleicht ist er im weiteren Sinne doch noch aktuell. Oder zumindest ein wenig unterhaltsam. Hier der Artikel:

„Ich habe schon viele Hundert Gottesdienste in wohl einem Dutzend verschiedenster christlicher Konfes­sionen und Gruppierungen erlebt. Aber so etwas hatte ich noch nie gesehen! Wild deklamierend stand der Prediger in der gotischen Kirche, an Priesterkragen und Stola als katholischer (oder anglikanischer?) Geistlicher zu erkennen. Die weit aufgerissenen Augen verdreht, wie es seit Oliver Hardy nur noch Monthy Python und Mr. Bean hin­gekriegt haben! Noch weiter aufgerissen – du meine Fresse – der Mund, – nein -, das Maul, das eine Hand voll Zahnhälse zur Obduktion frei gab. Was sollte man mehr fürchten: den Mundgeruch, die donnernde Drohbotschaft oder einen Lachkrampf? Nichts von alledem, Gott sei Dank! Die schrille Figur war nur ein Foto auf einer Anzeige in der hiesigen Lokalzeitung. Eine Anzeige, nicht etwa von den Zahnärzten mit einer Warnung vor Parodontitis, sondern von der Sparkasse.

„WENN ER SONNTAGS GELD VERDIENT, KÖN­NEN SIE DAS AUCH.“ stand da zu lesen. Etwas kleiner dann die Einladung, einen Online-Shop  zu eröffnen, damit „Ihre Geschäfte auch am siebten Tag nicht ruhen…“ Ein ganz neuer Aspekt, dachte ich. Dass ein Pfarrer sonntags Geld macht, war mir noch nie eingefallen. Sicher: er arbeitet sonntags und bekommt auch Geld dafür. Aber bislang hatte ich das immer unter dem Gesichtspunkt des Die­nens und nicht des Ver-dienens gesehen. Zumal ich das Salär von Pastoren nicht als zu großzügig ein­schätzen würde, jedenfalls nicht angesichts der Tatsache, dass man von ihnen oft eine Rund- um-die-Uhr-Verfügbarkeit erwartet. Auch in anderen Situationen hatte ich nie an Feiertagszuschläge ge­dacht. Nicht bei den Polizeibeamten im achten Re­vier, die immer „Wir kümmern uns drum!“ sagen, wenn man sie anruft, nicht bei den breitschultrigen Athleten in ihren orangeroten Kombis, die meine blutende Tochter an einem Sonntagmorgen in die Klinik fuhren und nicht bei der (sicher gut bezahlten) Ärztin, die sie mit viel psychologischem Feingefühl zunähte. Auch an meinen Nachbarn, der ohne Rücksicht auf Tag und Stunde mit seinem Spezial­schiff auf der Ostsee unterwegs ist, um anderer Leute Ölteppiche zu saugen und aufzupassen dass niemand in der Kadetrinne auf Schiet läuft, denke ich mit Anerkennung. Wer solche Dienste an der Gesellschaft auf den Aspekt  Verdienst reduziert, ist schief gewickelt.

Aber warum stellen die Werbestrategen der Spar­kasse dem geneigten Publikum gerade so ein gro­teskes Zerrbild als Repräsentanten der Kirche vor? Um das herauszufinden, griff ich am Montag zum Telefonhörer und ließ mich mit der Anzeigenleitung der Zeitung verbinden, nannte meinen Namen und fragte nach dem Auftraggeber der An­zeige im Wirtschaftsteil der Ausgabe vom 9.12., Seite 13. Das dürfte sie mir nicht sagen, antwortete die freundliche Dame am anderen Ende. „Oder sind sie vom Ordnungsamt?“ War da etwa schon was im Busche? So schnell zur Amtsperson avanciert, er­klärte ich: „Es handelt sich um einen Fall von Ver­ächtlichmachung von Glaubensgemeinschaften,“ und darüber wolle ich mich mit dem Urheber der Annonce unterhalten. Das war zwar etwas dick auf­getragen, aber keineswegs falsch. Die unterschwel­lige Botschaft ist deutlich: Pfarrer (diese Karikatur steht ja stellvertretend für alle) sind bescheuert! Wer zur Kirche geht und sich dem aussetzt, muss zwangsläufig auch ganz schön blöd sein. Und ein Gott, der sich mit solchen Typen abgibt, kann ebenfalls nicht alle Tassen im Schrank haben. Nun, die Dame von der Anzeigenabteilung versprach, Rücksprache zu halten, und nannte mir am nächs­ten Tag Namen und Telefonnummer des Leiters im Direktionsbereich Marketing und Werbung der Kreissparkasse.

Der Chef sei nicht da, erst in zwei Tagen wieder. Nein, so lange wollte ich nicht warten, dass Hühn­chen, das ich mit ihm zu rupfen hatte, sollte frisch auf den Tisch. Also verband man mich mit seiner Stellvertreterin. „Warum hat man gerade diese Form der Darstellung gewählt?“ fragte ich, zunächst ganz wertfrei. Die Dame wusste sofort Bescheid. „Sie sind nicht der Erste, der deswegen angerufen hat. Die Anzeige wird auch nicht mehr geschaltet.“ Na, das Ausschalten geht aber schnell, dachte ich. Es gibt ihn also doch, den Aufstand der Anständigen! Verantwortlich sei, so wurde mir erklärt, eine spar­kasseneigene Unterfirma namens F-netline. Diese hätte ihrerseits eine Werbeagentur mit dem Entwurf beauftragt. Auffallen sollte die Anzeige, auch provo­zieren, damit die Leute hingucken. (Das ist gelun­gen, meinen herzlichen Schluckauf!) Aber Kunden verärgern oder einen ganzen Berufsstand diskredi­tieren hätte man natürlich nicht wollen. „Die Anzeige hat aber durchaus solche Züge,“ entgegnete ich und lud meine Gesprächspartnerin zu einem Ge­dankenspiel ein: „Stellen sie sich vor, diese Schieß­budenfigur sei nicht als katholischer Geistlicher in einer Kirche, sondern mit Talar, Gebetsmantel und Kippa als jüdischer Rabbiner in einer Synagoge ge­kennzeichnet worden. Die halbe Nation würde ihnen an die Gurgel springen, und zwar zu recht! Im Übri­gen hat die Wirtschaft durchaus ein Motiv dafür, die Christen für dumm zu verkaufen. Die Kirchen sind die Verteidiger des arbeits- und kommerzfreien Sonntags. Da besteht schon eine offene Gegner­schaft.“ Noch einmal wurde mir versichert, das sei nicht beabsichtigt, es sei nur darum gegangen, mit der Anzeige aufzufallen. Das nahm ich ihr dann auch ab und bedankte mich für die freundlichen Auskünfte.

Bei dieser Geschichte ist mir eines deutlich gewor­den: Wir Christen stehen mitten in einem Kultur­kampf. Dabei geht es um inhaltliche Dinge wie Gentechnik, Euthanasie und z. B. auch den Sonn­tag als Tag der „Arbeitsruhe und der seelischen Er­hebung“, wie es im geschwollenen Amtsdeutsch der Weimarer Reichsverfassung heißt. Dabei wollen wir die Meinungsfreiheit unseres Gegners immer respektieren. Es geht aber auch um die Form der Auseinandersetzung. Die mag gerne würzig sein, wie einstmals bei Don Camillo und Peppone. Belei­digte Leberwurst brauchen wir nicht zu spielen, wenn wir eine (hoffentlich gut gemachte) Satire ein­stecken müssen. Aber wir brauchen uns auch nicht mit „Stürmer“-Methoden zum Deppen machen zu lassen. Auch niveaulose Werbung lässt sich ab­schalten. Anruf genügt!“

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From → Allgemein

3 Kommentare
  1. Antje permalink

    Danke Ismael….

  2. Anna Maria permalink

    Viel ist schon gewonnen, wenn nur einer aufsteht und Nein sagt.
    Berthold Brecht

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  1. Was muss man sich NICHT alles bieten lassen? « theolounge.de

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