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„Ökumene jetzt“ – gut gemeint, aber nicht gut gemacht.

31. Oktober 2012

Am 29. August 2012 erschien ein Aufruf unter dem Titel „Ökumene jetzt: ein Gott, ein Glaube, eine Kirche“. Aus Anlass des 50. Jahrestages der Eröffnung des 2. Vatikanischen Konzils und der bevorstehenden 5oo-Jahrfeier der Reformation rufen die Initiatoren zu weiterem Voranschreiten im Miteinander zwischen evangelischer und katholischer Kirche auf.

Als evangelischer Christ, der in den Lebensvollzügen der katholischen Diaspora zu Hause ist und fließend Katholisch spricht,  sollte ich mich schnurstracks in die illustre Liste der Unterzeichner einreihen, so könnte man meinen. Doch gerade als leidenschaftlicher Ökumeniker habe ich Vorbehalte, und zwar erhebliche. Die Integrität und den guten Willen der Prominenz, die diesen Appell unterzeichnet hat, außer Zweifel, – gut durchdacht ist das Schreiben nicht!

Das Anliegen des Schreibens ist Folgendes:

Weil uns Gott in der Taufe Gemeinschaft mit Jesus Christus geschenkt hat, sind Getaufte als Geschwister miteinander verbunden. Sie bilden als Volk Gottes und Leib Christi die eine Kirche, die wir in unserem Credo bekennen. Deshalb ist es geboten, diese geistliche Einheit auch sichtbar Gestalt gewinnen zu lassen.

Die „sichtbare Gestalt“ ist die  Daseinsform von Kirche in ihrer Organisation (Bistümer, Landeskirchen und Ortsgemeinden), in ihren Ämtern, in Gottesdiensten und Sakramenten.

Die Autoren haben Recht, wenn sie betonen, dass Luther keine Kirchenspaltung im Sinn hatte, sondern die katholische Kirche von innen reformieren wollte. Dann versuchten die Autoren jedoch, die Confessio Augustana als Zeugen für ihr Ziel zu in Anspruch zu nehmen:

Auch die lutherische Bekenntnisschrift Confessio Augustana betont die Notwendigkeit der Einheit der Kirche: „Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden.“ (Confessio Augustana 7)

Dabei übersehen sie, dass dieser Passus gerade nicht von einer organisatorischen Einheit redet, sondern dass es genügt, Eintracht im Evangelium zu halten und die Sakramente schriftgemäß zu feiern. Nach dieser evangelischen Bekenntnisschrift ist es also möglich, die Christenheit auch jenseits einer konkreten Organisationsform als Kirche Jesu Christi bzw. als mystischen Leib Christi zu begreifen. Freilich nur, wenn zwischen den Konfessionen ungeachtet unterschiedlicher Traditionen und formaler Strukturen Frieden herrscht. Das evangelische Ideal ist also eine Ökumene der versöhnten Verschiedenheit.

Anders sieht es die römisch-katholische Kirche. Der Aufruf zitiert aus den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils:

„Christus der Herr hat eine einige und einzige Kirche gegründet, und doch erheben mehrere christliche Gemeinschaften vor den Menschen den Anspruch, das wahre Erbe Jesu Christi darzustellen; sie alle bekennen sich als Jünger des Herrn, aber sie weichen in ihrem Denken voneinander ab und gehen verschiedene Wege, als ob Christus selber geteilt wäre (1. Kor 1,13). Eine solche Spaltung widerspricht aber ganz offenbar dem Willen Christi, sie ist ein Ärgernis für die Welt und ein Schaden für die heilige Sache der Verkündigung des Evangeliums vor allen Geschöpfen.“ (Vatikanum II, Unitatis Redintegratio Nr. 1)

Im ersten Satz wird hier ein Gegensatz deutlich, den die Verfasser des Appells zu übersehen scheinen: Die katholische Kirche sieht im Unterschied zu den Anhängern der Reformation in der Berufung der Apostel durch Jesus die Kirche in ihrer konkreten Form  grundgelegt, wobei sie sich selbst als eigentliche Reinform dieser Kirche betrachtet (Bischöfe als Nachfolger der Apostel, Papst als Nachfolger des Petrus). Folglich empfinden Katholiken die Vielfalt der Konfessionen viel schmerzlicher als Spaltung als die Protestanten. Dieser katholischen Sichtweise schließen sich die Unterzeichner des Schreibens an:

Wir können und müssen die Sorge um die Einheit der ganzen Kirche nicht ruhen lassen, bis eine theologische Einigung über das Amts- oder Abendmahlsverständnis zwischen den Kirchenleitungen erreicht worden ist. Und wir dürfen uns auch nicht mit dem Ziel zufrieden geben, dass Kirchen sich gegenseitig als Kirchen anerkennen. Selbst wenn wir davon gegenwärtig noch entfernt sind: Dieses Ziel ist notwendig, aber zu klein!

Wir wollen nicht Versöhnung bei Fortbestehen der Trennung, sondern gelebte Einheit im Bewusstsein historisch gewachsener Vielfalt.

Dann versuchen die Verfasser einen abenteuerlichen Drahtseilakt, und zwar einen ohne Seil! Zitat:

  • Offensichtlich ist, dass katholische und evangelische Christen viel mehr verbindet als unterscheidet.
  • Unbestritten ist, dass es unterschiedliche Positionen im Verständnis von Abendmahl, Amt und Kirchen gibt
  • Entscheidend ist jedoch, dass diese Unterschiede die Aufrechterhaltung der Trennung nicht rechtfertigen.

Das uns Christen mehr eint als trennt, ist unbestritten. Und doch gibt es Trennendes, und das sind nun mal das unterschiedliche Verständnis von dem was „Kirche“ ist (s. o.), daraus folgend das Amtsverständnis, daran wiederum hängend die Sakramentenlehre. Genau dieses ist die eigentliche Kluft zwischen Katholiken und Protestanten. Sie ist ausschließlich theologischer Natur. Aber mit unmittelbaren Folgen für die sichtbaren Strukturen und die Gottesdienste.

Verblüffend ist jedoch der letzte Punkt des Zitates: Die Kluft, die uns trennt, ist kein Grund für die Kluft zwischen uns!

Was soll das bedeuten? Haben die Initiatoren die Tragweite der dogmatischen Dissenzen nicht erkannt? Halten sie die Schlucht für einen schmalen Riss, den man ohne Gefahr des Absturzes überspringen könnte? Können sie die Verbindung zwischen unterschiedlichem Kirchenverständnis und unterschiedlicher Kirchenstruktur nicht erkennen? Mir scheint es so.

Richtig wird beobachtet, dass auf örtlicher Ebene oft ein Grad des Miteinanders erreicht ist, der den kirchenamtlichen Entscheidungen weit voraus ist. So richtet sich der erste Teil des eigentlichen Appells an die Kirchenleitungen, bleibt dabei aber seltsam diffus:

Wir appellieren an die Kirchenleitungen, die tatsächlichen Entwicklungen in den Gemeinden vor Ort so zu begleiten, dass die Ökumene nicht in ein Niemandsland zwischen den Konfessionen abwandert, sondern die Trennung unserer Kirchen überwindet.

Sonderbar, besonders im letzten Teil, der Aufruf an die Ortsgemeinden:

An die Gemeinden appellieren wir, die Ökumene weiter voran zu treiben, kirchliches Leben miteinander zu gestalten, Räume gemeinsam zu nutzen und die organisatorische Einheit anzustreben.

Die Gemeinden sollen die organisatorische Einheit auf lokaler Ebene schweißen, während Rom immer noch vergeblich den für Beitrittsverhandlungen autorisierten protestanischen Weltoberbestimmer  sucht? Sollen sich katholische und evangelische Pfarreien zusammenschließen? Sollen Dekanate und Kirchenkreise miteinander verschmelzen? Irgendwie nicht durchdacht.

Sicher gut gemeint, aber nicht unproblematisch, auch der Schlussatz des Schreibens:

Als Christen im Land der Reformation stehen wir in der besonderen Verantwortung, Zeichen zu setzen und dazu beizutragen, den gemeinsamen Glauben auch in einer gemeinsamen Kirche zu leben.

Zwar mögen in Deutschland Zeichen der Ökumene gesetzt werden, aber Alleingänge in Sachen Vereinigung gehen nicht. Die Reformation hat in Deutschland ihren Anfang genommen, aber das Schisma kann hier trotzdem nicht einfach rückgängig gemacht werden.

Insgesamt hat der Aufruf folgende Mängel:

  • Die einseitige Fokussierung auf die institutionelle Kirchentrennung. Das nebeneinander von evangelische Landeskirchen und katholischen Diözesen, Dekanaten und Kirchenkreisen, Gemeinden und Pfarreien, Caritasverband und Diakonischem Werk stellt per se kein unmittelbares Problem dar, selbst wenn große Synergieeffekte bei einer Zusammenlegung der Organisationen zu erwarten sind. Besonders wird geleugnet, dass an irgendeiner Form von Rückkehrökumene, auf die das Ansinnen letztlich hinausläuft, auf evangelischer Seite kaum Interesse besteht.
  • Die Überbetonung der politischen Konsequenzen aus den Wirrsalen der Reformationszeit (Augsburger Religionsfriede mit konfessioneller Gliederung nach Territorien). Diese sind heute ohne Belang.
  • Die Vernachlässigung tatsächlicher theologischer Differenzen und ihrer unmittelbaren Konsequenzen für die Ökumene. Dazu gehören neben den schon genannten Punkten zwingend das „Papsttrauma“ der Protestanten sowie die schwierigen Passagen der Schrift Dominus Iesus, mit der die Glaubenskogregation die evangelischen Geschwister irritiert hat.
  • Daraus folgend: Das Verschweigen der tatsächlichen Probleme im Alltagsleben der Gläubigen, wie z. B. die Nicht-Zulassung evangelischer Messbesucher zur Kommunion in der katholischen Eucharistiefeier
  • und das Fehlen konkreter Lösungsansätze.

Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, den Verfassern schwebte irgend so etwas wie die Wiedervereinigung Deutschlands vor, nur eben auf kirchlicher Ebene. Etwas, was von der Bevölkerung erzwungen werden könne. Der Titel „Ökumene jetzt“ erinnert ja wohl nicht von ungefähr an eine der Bürgerrechtsbewegungen der späten DDR.

An Stelle des all zu vagen und undifferenzierten Aufrufes möchte ich konkrete Ansätze vorschlagen und dazu Beispiele aus meinem Stadviertel nennen:

  • Ein tieferes gegenseitiges Kennenlernen im persönlichen Austausch. Dieses kann im Internet geschehen, besser jedoch bei persönlicher Begegnung.  Hier am Ort gab es über viele Jahre einen immer gut besuchten ökumenischen Gesprächskreis, der viel zum Abbau von Vorurteilen und zum besseren Verständnis, auch zum Entdecken von Gemeinsamkeiten beigetragen hat. Die Abende begannen in der Regel mit Kurzreferaten jeweils eines evangelischen und eines katholischen Geistlichen, daran schloss sich eine Publikumsdiskussion an. Das Wissen um Hintergründe, also warum etwas so und nicht anders gehandhabt wird, hat mich wesentlich „gnädiger“ gegenüber vorher unverstandenen Phänomenen gemacht.
  • Einrichtung gemeinsamer Bibelgesprächskreise und Gebetsgruppen.
  • Gegenseitige Einladungen zu Gottesdiensten.
  • Ökumenische Gottesdienste, Andachten und liturgische Projekte (z. B. „Nacht der Kirchen“).
  • Zunächst konfessionsinterne Reflektion des eigenen Sakramentenverständnisses in Hinblick auf die Ökumene (also erst einmal innerhalb der Gemeindegremien).
  • darauf folgend: reflektierte, behutsame eucharistische Gastfreundschaft.
  • Gemeinsame caritative Projekte.

Manches davon ist vielerorts schon selbstverständlich. Trotzdem liegt mir mehr daran, das Machbare zu machen als das Utopische nur zu wollen.

Heute, am Reformationstag, wird der hiesige katholische Pfarrer in der Kirche der evangelischen Nachbargemeinde predigen. Morgen, am Allerheiligenfest, predigt sein lutherischer Kollege in der katholischen Kirche. In einem Monat beginnen die ökumenischen Adventsandachten. Das Weihnachtsfest wird mit einer ebenfalls ökumenischen Vesper beschlossen.

Die österliche Bußzeit beginnt bei uns seit einige Jahren mit einem ökumenischen Gottesdienst an Aschermittwoch (Geistliche beider Konfessionen teilen das Aschekreuz aus), es gibt ökumenische Exerzitien im Alltag, in der Osternacht ist die evangelische Präsenz in der katholischen Messe nicht zu übersehen, schließlich endet der Osterfestkreis am Pfingstmontag mit einem ökumenischen Stadtteilgottesdienst.

Vieles mehr ließe sich aufzählen. Wichtig ist nur, von vorne anzufangen und das Pferd nicht von hinten, mit der institutionellen Vereinigung von evangelischer und katholischer Kirche, aufzäumen zu wollen.

Was ich mir im Zusammenhang mit dem Jubiläum des zweiten Vatikanischen Konzils und dem Gedächtnis an die Reformation (sowohl heute wie in größerem Rahmen in fünf Jahren) erhoffe, ist eine gemeinsame(!) und gründliche Aufarbeitung sowohl der theologischen wie auch der historischen Umstände der Reformation und ihrer Folgen. Dieses kann sicher zu einer neuen Bewertung des Verhältnisses der Konfessionen zueinander führen, hoffentlich auch zu einem unbeschwerteren Umgang miteinander. Hierin zumindest glaube ich mich mit den Unterzeichnern von „Ökumene jetzt“ einig.

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5 Kommentare
  1. Ein sehr schöner Text, ich kann dem (fast) voll zustimmen!

    Gerda Hasselfeldt hat als Mitunterzeichnerin vor einiger Zeit ein bemerkenswertes Interview zum Aufruf gegeben. Ich hab das mal hier verbloggt: http://kiliansnotizen.tumblr.com/post/31061593149/nein-ich-werde-keinen-kommentar

    Ein kleine Ergänzung aber noch: Dominus Iesus ist keine Enzyklika, sondern eine Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre. Ein nicht unwichtiger Unterschied.

  2. Danke, auch für den Hinweis auf den Status der Verlautbarung „Dominus Iesus“. Ich hab es oben korrigiert.

  3. Brigitte permalink

    Funktioniert einfach nicht, höchstens, wenn man beide Augen zumacht und sein Gewissen gegenüber Gott einkerkert. Wie soll das funktionieren, wenn die kath. Kirche Anbetung von Maria und den Heiligen lehrt, den Papst als Stellvertreter von Christus erklärt, den Geistlichen die Ehe verbietet, was alles gegen die Schrift ist und die Evangelische Kirche gleichgeschlechtliche Paare segnet, auch dass Frauen ein Lehramt in der Kirche haben und z. T. das Wirken des Heiligen Geistes in Kirchen, die sich noch an das wort halten, ablehnen. Wie soll das zusammengehen?

  4. @Brigitte, solche Polemik, zumal, wenn sie falsch oder irreführend ist, vergrößert nur die Gräben zwischen den Konfessionen. Und das möchte ich auch nicht.

    Nur kurz dazu: Die Kath. Kirche lehrt nicht die „Anbetung“ von Maria und den Heiligen, hält aber die Anrufung der Heiligen mit der Bitte um deren Fürbitte für geraten. Das ist etwa vergeleichbar mit der an einen lieben Mitchristen gerichteten Bitte, für ein bestimmtes Anliegen mitzubeten, nur dass man glaubt, dass die Heiligen im Himmel (= in der unmittelbaren Nähe Gottes) sind.

    Der Titel „Vicarius Christi“ ist nicht als ein „Vizeheiland“ (etwa wie ein Vizepräsident) zu verstehen, sondern als ein Sachwalter, der prakitsche Aufgaben zu managen hat. Das wird von den Evangelischen oft missverstanden und überbewertet.

    Die Ehelosigkeit katholischer Geistlicher ist in der Ökumene bestenfalls ein Randthema und eigentlich eine rein innerkatholische Frage.

    Und dass die Katholische Kirche das Wirken dens Heiligen Geistes in anderen Konfessionen „ablehnt“, ist schlichtweg falsch.

    Bevor man in die Diskussion um Ökumene einsteigt, sollte man sich erst einmal gut informieren und den „Anderen“ am besten einfach mal zuhören.

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  1. “Ökumene jetzt” – gut gemeint, aber nicht gut gemacht. « theolounge.de

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