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Schutzengel?

10. Oktober 2012

 

Ehrlich gesagt, der Glaube an Schutzengel macht mir Bauchschmerzen. Nicht die Vorstellung von himmlischen Heerscharen oder Boten Gottes an sich. Auch nicht, dass man die geheimisvolle Weise, mit der Gott in unser Leben eingreift, als „Engel“ bezeichnet, wie es ein Psalmendichter tat (Psalm 91, 11 – 12). Ich kenne mehrere mir sehr liebe Menschen, die die schützende Nähe Gottes spüren und diese Kraft als „ihren“ Engel benennen. Das ist leichter, als sich dabei immer gleich den Schöpfer des Universums vorzustellen. Auch biblische Autoren gehen ab und zu diesen Weg, sprechen lieber zurückhaltend von einem Engel, wenn sie doch eigentlich den Allmächtigen selbst meinen, der doch so unbegreiflich ist (Gen. 16, 7).

Was mir aufstoßt, ist der Glaube an persönlich, ganz individuell dem einzelnen Menschen zugeordnete Schutzengel. Besonders seit der New-Age-Bewegung und der Welle der Popularesoterik in den frühen 80er Jahren ist das ja auch in evangelischen Kreisen wieder en vogue. Ich werde den Verdacht nicht los, dass es sich dabei um Relikte aus der indogermanischen Religionswelt, also dem Heidentum, handelt.

Zum Hintergrund: In der indogermanischen Religionswelt gilt alles Dasein als beseelt. Das gilt für den Kosmos als ganzes wie auch für bestimmte Naturkräfte und Individuen. Manchmal wird diese nicht-materielle Seite des Daseins unpersönlich gedacht (z. B. Brahman – die universal-kosmische Weltseele), manchmal als personale Gottheit (z. B. Gaia = Mutter Erde), als Naturgeist (jedem Baum, jeder Quelle wohnt eine Nymphe inne), dann wieder als Schutzgeist (bei den Römern hatte jede Familie ihren Lar). Manchmal überschnitten sich verschiedene Vorstellungen. Der Genius der alten Römer wurde manchmal mehr als Seele oder als dem Menschen innewohnender Intellekt, manchmal aber auch als ganz persönlicher Schutzgeist verstanden.

Und damit wären wir bei den Schutzengeln.  „Einem jeden der Gläubigen steht ein Engel als Beschützer und Hirte zur Seite,“ so schreibt  Basilius von Caesarea (Eun. 3, 1). Mir scheint, als hätte der Kirchenvater, der ja in dieser spätantiken, in der Mitte des vierten Jahrhunderts noch nicht vollständig christianisierten Kultur großgeworden ist, allzu leicht antik-hellenistische Denkschemata mit Bibelworten, die das so explizit gar nicht her geben, verschmolzen.

Wenn also zu personal, zu individuell von „meinem“ Schutzengel die Rede ist, den der Betroffene vielleicht sogar persönlich im Gebet anredet, dann ist zu fragen, welche Vorstellung dahinter steht. Ist da im Tiefsten wirklich noch Gott gemeint? Oder sind aus den Cherubim und Serafinen schon irdische Dienstleister, vielleicht sogar Privatgottheiten geworden? Erwachen gar heidnische Vorstellungen im neuen, synkretistischen Gewande?

„Ich schick dir einen Schutzengel“ steht auf einer Karte. In einer Plastiktüte beigefügt ein geflügeltes buntes Glasfigürchen an einer Lederschnur. Die himmlischen Mächte eingetütet und nach Bedarf verfügbar?  Bald, wenn die Adventsmärkte losgehen, werden sie wieder Konjunktur haben: in Bronze gegossen, als Strohfigur gebunden, in Ton geformt. Mal in asketischer Schlichtheit, mal kitschig und süßlich, oder auch erotisch.

Und dann darf gerne nach ihrem Sinn gefragt werden.
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Nachtrag: Ein interessanter Beitrag zum Thema von Fabian M. hier.

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6 Kommentare
  1. Ja, die Sache mit den Engeln…ich schreibe gerade meine Examensarbeit zum Thema Engel. Und ich finde vor allem die Frage schwierig, wo aus christlicher Sicht die Grenzen des „Engelglaubens“ gezogen werden müssen. Vor allem, wenn Engel losgelöst von Gott gesehen werden, wird’s problematisch – doch so einfach ist das nicht immer zu definieren….

  2. Das finde ich spannend! Welche konkrete Fragestellung hat denn die Examensarbeit?
    Gibt es, das Thema des Blogs betreffend, irgendwelche Gesichtspunkte oder Kriterien, die wir vorab schon wissen und diskutieren dürfen?

  3. Konkret geht es um die Frage, warum der (esoterische) Engelglaube offenbar so attraktiv ist, um „Kontingenzen“ im Leben zu bewältigen. Ich bin momentan noch nicht im letzten, auswertenden Teil der Arbeit, sondern noch bei der Bestandsaufnahme.

    Aus meiner Sicht ist es aber ganz und gar nicht verwunderlich, dass Engel so populär sind – denn sie passen sich wunderbar unserem Zeitgeist der „Individualität“ an. Das sprichst du ja auch im Blogbeitrag mit der Vorstellung von den Schutzengeln an: Jeder hat seinen eigenen, und der wird jeweils durch eigene Erfahrungen und Vorstellungen definiert, ohne dass man sich dazu auf eine „Autorität“ berufen müsste – denn alles, was heute autoritär anmutet, scheint irgendwie sofort unattraktiv zu sein. Engel fordern nichts, sie fördern nur. Sie verlangen keine Gegenleistung, sie sind einfach da und helfen einem. Sie sind so, wie ICH sie erfahre und erlebe (oder wie ich etwas erfahre oder erlebe, das ich für Engel halte?)

    Die Tatsache, dass eigentlich alle Religionen verkünden, dass es Engel (in welcher Form auch immer) gibt, trägt, so denke ich, auch dazu bei, den esoterischen Engelglaube zu legitimieren – „irgendwas muss ja dran sein, wenn alle daran glauben“. Des weiteren glaube ich, dass in der Theologie und der Verkündigung der Kirchen hier eine große Lücke klafft – es wird kaum über Engel geredet. Es wird zwar von deren Existenz ausgegangen, aber der Begriff wird inhaltlich nicht gefüllt. Diese Lücke wird dankend von allen möglichen dahergelaufenen Esoterikern gefüllt. Man könnte also fragen, inwieweit Kirche hier vielleicht die Aufgabe hat, einen „Gegenpol“ zu bieten und in spezifisch christlicher Sicht von Engeln zu reden? Doch so einfach ist auch das nicht…

    Das nur mal zwei der vielen Gedankengänge, die mir durch den Kopf schwirren…

  4. Ich finde den Gedanken, dass Gott jedem Menschem mindestens einen (Schutz)Engel zugeteilt hat, sehr ermutigend. Allerdings kam mir bisher noch nicht in den Sinn, zu ihnen zu beten oder mit ihnen zu reden. Obwohl es in der Bibel ja Kommunikationsbeispiele von Engeln mit Menschen gibt.
    Grossartig ist, dass sie von Gott ausgesandt sind, unter seinem Kommando stehen und ganz verschiedene Jobs verrichten.
    Das, was wir manchmal als menschliche Schutzengel – selbst beim Autofahren kann man den „Gelben Engeln“ begegnen – bezeichnen, scheint mir mehr eine Übertragung der Bewahrfunktion auf Menschen zu sein.
    Nachdem ich öfters in einem (geistlichen) Bild schon Engel wahrgenommen habe, auch als Begleiter von Menschen und die dazugehörende Bibelstelle mal fand, bin ich der Welt der Engel aufgeschlossener gegenüber als früher.
    Aber den ganzen süsslichen – für die Gefühle angelegten – Ramsch, dem kann ich gar nix abgewinnen.

  5. Anna Maria permalink

    Jesus sagt über die Kinder: „Ihre Engel sehen die ganze Zeit das Antlitz Gottes.“ Auch am Ölberg stärkt ein Engel Jesus in seiner Todesangst. Demnach glaube ich an die Existenz von Engeln. Mit kitschigen Engeldarstellungen kann ich nichts anfangen.

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  1. Schutzengel? « theolounge.de

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