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Prophetie im Alten Testament und was sie für uns (nicht) bedeutet

8. Oktober 2012

In einem Internetforum hat sich ein allenthalben für seine raumgreifenden und eigenwilligen Deutungen bekannter Forumschreiber über das Buch Daniel geäußert und so eine Diskussion über den Umgang mit den Botschaften der Propheten losgetreten. Ich habe versucht, den Unterschied zwischen Prophetie und Wahrsagerei deutlich zu machen. Hier meine Antwort auf eine Frage einer Teilnehmerin* der dortigen Diskussion:

Hallo [NN]!
Du hast deine Frage mit „Weissagen oder prophetisches Reden“ überschrieben. Das „oder“ möchte ich dabei besonders betonen, denn darin besteht der Schlüssel zum „Verständnis des Missverständnisses“ über Prophetie. Prophetie im Sinne der Bibel und Wahrsagerei sind nämlich zwei paar Stiefel!

Ich möchte das an einer biblischen Geschichte deutlich machen. Sie steht gleich am Beginn des Zweiten Buches der Könige und geht so:

Ahasja, der König des Reiches Israel hatte in seiner Hauptstadt Samaria einen mehrstöckigen Palast. Das Flachdach und die oberen Geschosse hatten Öffnungen, durch die Licht und Luft in die unteren Säle gelangte. Natürlich waren diese Lichtschächte mit Holzgittern gesichert. Aber die waren wohl nicht in Ordnung, jedenfalls stürzte der König durch ein loses oder morsches Gitter und verletzte sich schwer.

Und natürlich wollte er nun wissen, wie seine Chancen auf Genesung stünden, denn die Kunst der Ärzte war damals ja noch ziemlich bescheiden. Also schickte er Boten nach Ekron, der wichtigsten Stadt der Philister, um deren Hauptgott über seine Zukunft befragen zu lassen.

Der Prophet Elija, der damals im Untergrund lebte, war empört: „Gibt es denn keinen Gott in Israel, so dass ihr fortgehen müsst, um Beelzebul, den Gott von Ekron, zu befragen?“

Ja, warum soll der Gott der heidnischen und darüber hinaus mit Israel verfeindeten Philister etwas besser wissen als der Gott Israels? Warum lässt Ahasja nicht Elija holen, der doch einen so guten Draht nach oben hat?

Die Antwort ist einfach: Die Philister waren ein indogermanisches Volk. Und wie alle Indogermanen glaubten sie an Prädestination, an die Vorherbestimmung des Lebensverlaufes. Und damit auch an die Vorherbestimmung der Lebenslänge. Wenn man aber an die Vorherbestimmung und an das unabwendbare Schicksal für den Einzelnen (oder auch für ganze Völker) glaubt, dann liegt es nahe, dieses Geschick auch vorhersagen zu wollen. Dafür gab (und gibt!) es bei diesen Völkern eine Fülle von Methoden. Astrologie, um ein Beispiel zu nennen, ist ja immer noch geläufig. Oder Orakelsprüche an heiligen Orten, wie die der Pythea im Apollo-Heiligtum von Delphi bei den alten Griechen oder die Weissagungen der Sibyllen im antiken Italien. Das Wirken der Sklavin mit dem Python-Geist in Apg. 16, 16 gehört ebenso in diese Richtung wie das Auftreten einzelner „Seher“.

Die Philister waren also durch ihre kulturelle Tradition „Experten“ für so was. So wie manche Leute heutzutage Zigeunerinnen (wieder sind es vornehmlich Frauen, wieder ein indogermanisches Volk!) für besonders begabt in Sachen Hellsehen halten.

Halten wir fest: Prophetie im indogermanischen Kulturkreis bedeutet Vorhersage der schicksalhaft vorherbestimmten Zukunft, sie bedeutet Hellsehen und Orakelbräuche.
Alttestamentliche Prophetie ist etwas völlig anderes.

Hätte sich Ahasja an Elija, an Micha oder einen anderen Mann Gottes gehalten, wäre er zunächst mal mit sich selbst und der Gegenwart konfrontiert worden. Und zwar sehr konkret!  Warum huldigt er dem kanaanäischen Wettergott Baal, den seine aus Phönikien stammende Mutter Isebel in Israel als Staatsgott etablieren wollte? Warum räumt er nicht mit der Vielgötterei auf? Die Propheten Israels hätten vom König Umkehr verlangt. Das hört niemand gern. Gerade Elija & Co pflegten keinen besonders süßlichen Ton. Ihr Wort war gefürchtet!

Natürlich hatten die Worte der „Künder“, so die wörtliche Übersetzung des hebräischen Begriffes für „Prophet“, einen Bezug zur Zukunft. Sie waren Warnung, oft auch Drohung. Aber vor allem waren sie Verheißung. Sie deuteten die Zeichen der Zeit und waren doch keine Orakel. Ein Mann Gottes verkündete, was er von Gott gehört hatte (also war er erstrangig ein Hörender!), aber er betrieb keine Kaffeesatzleserei. Nebulöse Orakelsprüche waren den biblischen Propheten fremd.

So weit, so gut. Nun waren aber, wie wir gesehen haben, schon die alten Israeliten den Einflüssen des indogermanischen Kulturkreises ausgesetzt. Dann kamen mit Alexander dem Großen die Griechen (332 v. Chr.), mit Pompejus die Römer (63 v. Chr.) ins Heilige Land. Alles indogermanische Völker, bei denen oft sogar die Götter selbst unausweichlich dem Schicksal unterworfen waren. Und die Ausbreitung des Chrstentums erfolgte auf dem Boden dieser von Alexander dem Großen begründeten hellenistischen Kultur. Das blieb nicht ohne Einfluss, bis heute! Selbst die Denkweise von Paulus ist vom Glauben an seine Vorherbestimmung zum Völkerapostel geprägt (Gal. 1, 15).

Es ist also nicht verwunderlich, wenn nun Prophetie im biblischen Sinne (konkretes, aber auch bildhaftes Reden in die jeweilige aktuelle Situation hinein) mit indogermanischer Prophetie (orakelhafte Zukunftsvorhersage durch Zeichendeutung) verwechselt bzw. vermischt wurde. So haben immer wieder Exzentriker und Sektierer die Bibel lesen wollen wie ein sibyllinisches Orakelbuch. Am bekanntesten sind sind dabei wohl die früheren Versuche der Zeugen Jehovas, die apokalyptische Schlacht von Harmagedon und das Ende dieser Weltordnung mit genauem Datum vorherzusagen.

Und genau so ein Blödsinn ist es, die auf antike Reiche und damalige Situationen gemünzte Symbolsprache der Bibel als Fahrplan für die gegenwärtige Weltpolitik deuten zu wollen.
Das beste Mittel dagegen ist, sich mit der Bibel und auch ihrem sprachlichen und historischen Umfeld vertraut zu machen.

Mehr aber noch: Das Wort Gottes ist an uns persönlich gerichtet! Die Frage beim Lesen der Bibel lautet also: Was will Gott mir jetzt damit sagen?

__________________________

Zu Propheten in frühchristlicher Zeit ein extra Artikel hier.

* Ausgangstext (nicht mehr an Originalstelle abrufbar):

„Die Beiträge von Christian haben bei mir die Frage aufkommen lassen, wie geht ihr mit sollchen Dingen um? In der Bibel sebst gibt es im AT viele prophetische Hinweise auf Jesus, bekannt Jesaja 53 die Beschreibung der Leiden Jesu.
So wie Christian legen einige Menschen gerade Daniel aus, sehr interpretierend aus.
Dann gibt es noch den Streit zwischen denen, die sagen prophetisches Reden gibt es heute noch und denen die das ablehnen.
Ich selbst bin der Überzeugung das es das prophetische Reden heute noch gibt. Das damit viele Dinge gemacht werden die schlecht sind ist mir auch bewußt.
Welche Erfahrugen habt ihr gemacht und wie geht ihr mit diesem Thema um?“
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