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evangelisch.de – Internet-Portal der EKD in Scherben!

1. Oktober 2012

Erste Eindrücke

Nach einer kurzen Vorlaufzeit ging im September 2009 das Internet-Portal evangelisch.de an den Start, das offizielle Website der Evangelischen Kirche Deutschlands.  Zum einen ein Nachrichtenportal, aber, bis vor einem halben Jahr, auch eine Internet-Community. Ich war vom ersten Tag an dabei.

In einem kleinen katholischen  Forum schilderte ich das Webportal so:

von Ismael am Di Jan 26, 2010 10:40 am

Kirche und Medien…
…war schon immer so eine komische Sache. Ja, „Das Wort zum Sonntag“ im Fernsehen, die „Morgenandacht“ im Radio… das machte schon länger einen eher altbackenen Eindruck. Und die Abonnenten der Kirchenzeitungen stehen auch schon auf der Roten Liste.

Wenn dann irgendetwas in der Welt los war, blieb den Christen oft nichts anderes, als das im Nachhinein zu kommentieren. Sofern sich denn überhaupt ein Redakteur der säkularen Medien dazu herablies, Kirchenleuten auch mal das Mikro unter die Nase zu halten. Das war ja selten genug. Und wenn, dann nur, wenn es einen Skandal gab. Oder in der Saure-Gurken-Zeit und wenn man einen medienwirksamen Interviewpartner gefunden zu haben glaubte. Alles nicht so pralle.

Die EKD geht inzwischen in die Offensive und versucht selbst mit modernen Medien die Sache in die Hand zu nehmen. So mit dem Info-Portal evangelisch.de. Ein buntes Spektrum von Nachrichten und Blog-Kommentaren zu Politik und Gesellschaft, Kirche, Glauben usw. Dem angeschlossen ist eine Internet-Community. Sie wird einerseits von einem professionellen Moderatorenteam betreut, inhaltlich aber von den Teilnehmern gemacht, die zu eigenen Themen Kreise (=Interessengemeinschaften) gründen und diese dann auch selbst moderieren.

Seit dem Spätsommer ist das Unternehmen nun schon online und immer noch im Aufbau. Noch läuft technisch nicht alles rund. Aber Macher (5 Redakteure, 1 Bildredakteurin, 1 Communitymanager, 1 Techniker inkl. Kooperation, 1 Assistenz, und Melanie, unsere gute Seele in der Community) und Nutzer sammeln ihre Erfahrungen, arbeiten zusammen, entwickeln sich. Da ich selbst nicht so ein Medientechnik-Freak bin, halte ich manches für etwas übertrieben (diese Twitter-Geschichte z. B.), aber lasst die jungen Leute doch mal machen.

Die Community ist ökumenisch offen. Es sind Freikirchler dabei, Katholiken, die Internet-Legende spero , Bruder Paulus (hat leider noch nichts geschrieben), ein Freund des Heiligen Franziskus ist dafür sehr eifrig.

Insgesamt ein hoffnungsvolles Unternehmen!

Und ergänzte dann gleich noch:

von Ismael am Di Jan 26, 2010 6:20 pm

Das Gute: der kreative Austausch zwischen Nutzern und „Machern“.  Z. B. konnte ich ein paar Erfahrungen zu Internetseelsorge einbringen, als jemand sein Herz all zu öffentlich ausschüttete. Prompt ging eine Denkfabrik ans Werk, mit dem Ergebnis eines Seelsorgekreises mit einigen ehrenamtlichen Zuhörern, darunter Pastoren. Und für die ist schon Supervision angedacht…

Natürlich wird auch schon der finanzielle Auffwand hinterfragt. Die EKD buttert da echt was rein. Aber mit Leserbrief schreiben im Lokalblättchen kommen wir in einer immer kirchenferneren Gesellschaft einfach nicht mehr weiter.

Deswegen stehe ich dahinter.

Anfangsprobleme

Die Entwicklung der Community blieb nicht ohne Probleme. Zwar wuchs die Zahl der angemeldeten Telnehmer rasend schnell, zum Schluss waren es über 7000. Aber als kontinuierlich aktive Schreiber waren gerade mal zwei Dutzend User auszumachen.

Für Newbies war es zu kompliziert, das System mit den Kreisen zu verstehen bzw. Kreise des eigenen Interesses zu finden. Der Kreis „Neuland“, in dem zunächst jeder Mitglied war und seine ersten Gehversuche machen konnte, wurde eingestellt, als  dort wiederholt scharfe Wortefechte ausgetragen wurden.

Einige Kritiker forderten ein basisdemokratisches Mitspracherecht der Nutzer bei der Gestaltung der Community und beriefen sich dabei darauf, dass das Portal durch Kirchensteuergelder, also letzlich von einem Teil der Nutzer selbst, finanziert werde. Weiter verlangten sie ein größeres inhaltliches Engagement der hauptamtlichen Redakteure auch im Communitybereich und nicht nur im Redaktionsteil. Der Konflikt eskalierte zu einer Dauerfehde, die zur längeren Sperrung einiger Mitglieder und zum fast gänzlichen Rückzug der Redakteure aus der Community führte.

Im anfänglichen Enthusiasmus wurden viele Kreise ins Leben gerufen, die auf Grund ihrer speziellen Thematik nur wenig allgemeines Interesse fanden. Andere Kreise konkurrierten wegen zu ähnlicher Themen miteinander, so dass auch hier nicht die „kritische Masse“ and Teilnehmern und Beiträgen zustande kam, die aus so einem Diskussionsforum einen Selbstläufer macht. In einer unangekündigten Aufräumaktion sind vor ca. eineinhalb Jahren etliche dieser Kreisleichen gelöscht worden. Leider ohne zu berücksichtigen dass dort trotzem einige wertvolle Beiträge und Diskussionen zu finden waren, in die die Autoren Zeit und Mühe hineingesteckt hatten.

Der oben erwähnte Seelsorgekreis „Das offene Ohr“ wurde eingestellt. Es erschien zu riskant, möglicherweise Erwartungen an eine professionell fundierte psychologische Betreuung zu wecken, die nicht hätten erfüllt werden können.

Als Flop erwiesen sich auch die „Lebensbücher“. Sie konnten von Nutzern eingerichtet werden, um persönliche Erlebnisse oder Familienereignisse wie Hochzeiten, Taufen oder Konfirmationen in Wort und Bild einer Gruppe von Personen zugänglich zu machen, so wie man es von facebook oder anderen sozialen Netzwerken her kennt. Doch daran bestand kaum Interesse, der Nutzerkreis von evangelisch.de war eben ein anderer als der von facebook. Die wenigen Lebensbücher, die eingerichtet wurden, hatten meist den Charakter von Blogs.

Ein zwischenzeitlich eingerichtetes, offen zu nutzendes Forum bediente nur die Themen Gemeinde und Kasualien (Taufe, Konfirmation, Hochzeit, Tod und Trauer). Das wurde ebenfalls wenig angenommen.

Hoffnungen und ihr schnelles Ende

Trotz alldem hielt ich  evangelisch.de für ein zukunftsweisendes Projekt!

Ich sah darin die sich entwickelnde Schnittstelle zwischen ganz normalen Christen verschiedener Konfessionen, aber auch Andersgläubigen, Agnostikern, Suchenden und Religionsskeptikern einerseits und Pastoren, Gemeindemitarbeitern, Angehörigen der Kirchenleitungen, Meinungsführern der evangelischen Szene und schließlich den Journalisten, die den redaktionellen Teil des Portals betreuten.

Die Ansätze waren hervorragend: EKD-Präses Schneider chattete mit den Usern, Margot Käßmann bloggte während ihres USA-Aufenthaltes, Redakteurin Melanie Huber sammelte unter den Nutzern Fragen für ein Interview, interessante Beiträge und Diskussionen aus der Community wurden auf die Startseite verlinkt. Theologen – egal ob Profis oder Amateure -, Praktiker der Pastoral, Bischöfe, Blogger- und Chattervolk waren dabei, ein Netzwerk zu bilden.

Die Diskussionen, die sich zu Themen wie Ökumene, interreligiöser Dialog, Spiritualität, Gottesdienst, Natur und Umwelt oder Kirche im Internet ergaben, hatten ein Niveau, das „Marktübliches“ weit hinter sich ließ.

Aber auch zutiefst Menschliches hatte seinen Platz. Da wurden Menschen in ihrer Trauer begleitet, psychisch Angeschlagene ermutigt, wir erlebten, wie eine beinamputierte Jugendliche ihr Leben meistert und wie eine Autistin in einem ausdrucksstarken Blog den Kokon ihres Ich öffnete.

In dieser Weise war evangelisch.de einzigartig in der Weblandschaft.

Ich selbst war froh, nicht mehr auf private Internetforen angewiesen zu sein. Diese gibt es  wie Sand am Meer, jeder ambitionierte Freikirchenprediger startet irgend so ein Projekt. Aber das allermeiste davon ist in irgendeiner Weise fundamentalistisch geprägt, sei es nun biblizistisch-evangelikal oder schwer erzkatholisch. Und die Form des Austausches dort ist nicht immer besonders appetitlich!

Ich persönlich genoss in der Community meine Freiheit. Ich gründete drei der zuletzt rund 90 Kreise, diskutierte in einem Dutzend weiterer mit und begann ein Weblog. An dem eingangs geschilderten Konflikt beteiligte ich mich nicht, konnte seine Hintergründe auch nie so richtig nachvollziehen.

Was ich von evangelisch.de erhofft hatte, war eine Alternative zu den vielen privaten Foren. Und auch eine Alternative zu fakebook usw., aber dazu später.  Bei evangelisch.de hätte es die Chance gegeben, eine Schnittstelle zwischen Theologie, Pastoral, Kirchenleitung und Bloggervolk zu schaffen. (Blogger jetzt weiter gefasst, also incl. Chatter und Forenschreiber). Solange Pastoren/Theologen da mit drinstecken, hätte das eine solide Grundlage gehabt. Es wäre nicht so ein flatterhaftes Fundiunternehmen gewesen, wie es das zuhauf gibt.

Um so größer war der Schock, als im März dieses Jahres die Nachricht kam, das Portal würde mit einem größeren Personalwechsel im Team komplett umgestellt. Die Community solle geschlossen werden, dafür würde man sich vermehrt Präsenz auf facebook zeigen. Ausgerechnet facebook, dem Do-it-yourself-Big Brother, wollte sich die neue Portalleitung anhängen! Für eine Diskussion dieses Schrittes blieb keine Zeit. Hastig begann ich, einige mir wichtige Texte zu kopieren und letzte Nachrichten an mir liebgewordene Communitymitglieder zu verschicken. Im April glich die Community bereits einem verlassenen Spukschloss, in dem noch ein paar vereinzelte User herumirrten, um noch einen wehmütigen Blick auf die Gedanken und Diskussionen zu werfen, in die sie in zweieinhalb Jahren so viel Zeit und Herzblut hineingesteckt hatten. Kurze Zeit später ging all das in virtullen Rauch auf.

Was hatte die Portalleitung zu diesem Schritt bewegt? Einer der Gründe war sicher die geringe Resonanz. Gemessen an Klicks und aktiver Teilnahme, also rein quantitativ. Es war in diesen gut zwei Jahren eben nicht dazu gekommen, dass sich alle Organisten der evangelischen Gemeinden hier vernetzten, das Pfarreien hier ihre Mitteilungsblättchen veröffentlichten, dass jeder Posaunenchor von Kleinkleckersdorf seinen Kreis einrichtete und Gemeindediakone allesamt über Konzepte der Konfirmandenarbeit debattierten.

Aber das war auch gar nicht zu erwarten. Jedenfalls nicht, wenn man sich die kirchentypische Sozialstruktur und das daran gekoppelte Medienverhalten ansieht. Dazu ein Exkurs:

Gesellschaftliche Millieus und Christen im Internet

2005 erschien die im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz erstellte Studie „Religiöse und kirchliche Orientierung in den Sinus-Millieus 2005(R)“ des Heidelberger Institus Sinus Sociovision, ein Jahr später eine Detailuntersuchung zu Jugendlichen. Das Ergebnis war für die Kirchen ein Schock: Die konventionelle Pastoral der Kirchen erreicht nur drei von zehn der von dem Sozialforschungsinstitut ausgemachten gesellschaftlichen Millieus, ein viertes nur zum Teil. Richtig verwurzelt sind die Kirchen bestenfalls noch in zweien.

Der Studie liegt ein Raster zugrunde, das einerseits vertikal nach Einkommen und Bildung gegliedert ist, andererseits  zwischen konservativ-traditionellen Wert- und Verhaltensmustern auf der linken Seite des Diagramms bis zu fortschrittlichen und flexiblen Lebenseinstellungen (rechts) unterscheidet. Innerhalb dieses Rasters werden in Form eines „Kartoffeldiagramms“ zehn einander z. T. überschneidende gesellschaftliche Millieus eingeordnet, innerhalb derer die Sozialforscher auf Grund von Tiefeninterviews weitgehend übereinstimmende Werte, ähnliches Konsum- und Freizeitverhalten, das Verhältnis zu Medien, zum Geld und anderes mehr festgestellt haben.

Die drei Millieus, die von konventioneller kirchlicher Pastoral erreicht werden, sind

  • die Konservativen: Vertreter des klassischen deutschen Bildungsbürgertums, vorwiegend ältere Menschen mit gutem Einkommen und gediegenem Lebensstil, die traditionelle Werte von Arbeit, Leistung und gesellschaftlicher Verantwortung pflegen. Der Konservative hält viel von christlicher Moral, bejaht Dogmen, spendet für wohltätige Zwecke und engagiert sich Ehrenamtlich, schätzt an der Kirche aber auch ein gutes Orgelkonzert.
  • die Traditionsverwurzelten: Während der etablierte Konservative den Louvre besucht, radelt der Traditionsverwurzelte zu seinem Schrebergarten. Hier ebenfalls die ältere Generation, jedoch vorwiegend aus dem Kleinbürgertum und der Arbeiterschicht, sparsam, familienorientiert, eher auf den kleinen Horizont von Nachbarschaft, Verein,  Pfarrgemeinde oder Hauskreis konzentriert.
  • die bürgerliche Mitte: Hier halten sich Offenheit für Neues und die Suche nach Sicherheit die Waage. Man versucht einerseits auf neuestem Stand zu bleiben, riskiert aber keine Abenteuer, weder finanziell noch beruflich oder in der Freizeit. Die Kirche bietet mit ihren Festen im Jahreslauf und den Feiern im Lebenzyklus einen gewissen Halt. Kinder gehen in den Gemeindekindergarten, wenn sich die Gelegenheit bietet, die älteren zu den  Pfadfindern. Kirche ist ein Angebot, viel mehr aber auch nicht.

Die übrigen Millieus stehen den üblichen Religionsgemeinschaften distanziert bis ablehnend gegenüber. Sei es in bewusster Opposition gegen alles Konventionelle (Hedonisten), sei es durch die Focussierung auf die individuelle Lebenswelt (Konsum-Materialisten), weil die Kirche keinen Raum zum Ausleben des Ich bietet (moderne Performer), weil man sich für Religion für zu aufgeklärt hält bzw. an der Kirche Unprofessionalität bemängelt (Etablierte) oder auch durch eine atheistische Tradition (DDR-Nostalgiker) . Eine Ausnahme bilden evantuell

  • die Postmateriellen. Es sind altersmäßig gemischte Kritiker der Konsum- und Industriegesellschaft mit einer bewussten Lebensform. Charakteristisch sind weltoffene Liberalität, kritische Aufgeschlossenheit sowie soziales und politisches Verantwortungsgefühl. Alt-68er,  Ökobewegte und Bürgerrechtler sind typische Vertreter dieses Millieus, ebenso  Anthroposophen, westliche Buddhisten und Popularesoteriker. Und eben auch einige Christen, die im Glauben einen Gegenentwurf zur jetzigen Gesellschaft sehen. Die meisten aktiven Nutzer der evangelisch.de-Community dürften in diesem Millieu angesiedelt gewesen sein.

Welche Bedeutung hat das alles für kirchliche bzw. christliche Websites wie z. B. evangelisch.de? Sehen wir uns das Internetverhalten der Millieus an:

Zwei der für kirchliche Angebote offenen Millieus, die Konservativen und die Traditionellen, fallen fast ganz weg. Z. T. ist das altersbedingt: Viele Senioren trauen sich den Einstieg in die eletronische Medientechnik nicht mehr zu. „Ich lern das in meinem Alter nicht mehr, da lass ich die Finger davon,“ bekannte mir ein wackerer alter Handwerksmeister und Kolpingbruder, den ich den Traditionsverwurzelten zuordnen würde. Ein pensionierter, international renomierter Wissenschaftler aus meinem Bekanntenkreis (konservatives Millieu) wurde von amerikanischen Kollegen dringend gebeten, ihnen doch seine Mailanschrift mitzuteilen. Nur: – er hatte gar keine! Außerdem ist das Internet eine riskante Sache, man hört ja so einiges über Datenklau, Cybermobbing und Computerviren, die Enkel sollen doch lieber an der frischen Luft spielen als vor dem Laptop verdummen!

Wie sieht es mit der bürgerlichen Mitte aus? Ja, sie nutzen das Internet. Als passionierte Smart-Shopper vergleichen sie Angebote, bestellen bei Internet-Warenhäusern und buchen den All-inclusive-Urlaub in der Türkei online. Ihre Kinder recherchieren für die Hausaufgaben im Netz. Aber das Millieu tendiert, so der Sprachgebrauch der Sinus-Forscher, zum Cocooning, zur Focussierung auf die heile Welt daheim, auf die Familie. Politik nimmt man zur Kenntnis, bildet sich eine Meinung und geht auch zur Wahl, aber aktiv an der gesellschaftlichen Meinungsbildung teilehmen, etwa durch Teilnahme an einem Internet-Diskussionsforum, das lässt man lieber bleiben. Bei evangelisch.de würden diese Leute vielleicht fragen, ob der Taufpate Kirchenmitglied sein muss oder wie das mit dem Blumenschmuck bei der Trauung läuft.

Also fällt auch dieses Millieu für die Diskussionskreise der evangelisch.de-Community weitgehend weg. Bleibt kaum noch jemand übrig. Wir wissen jetzt also, warum es – auf die Quantität bezogen – so flau lief. Wenn es denn so ist, dass Kirche nur drei bis vier von zehn der Sinus-Millieus erreicht und diese dann noch für die Ansprache per Internet wegfallen, dann kann man sich eine kirchliche Web-Community in der Tat sparen. Es würde reichen, wenn man dem Web-1.5-Verhalten der Nutzer (was nachgucken und vielleicht mal was fragen) ein Web-1.5-Angebot gegenüberstellt: Online-Pfarrbrief plus Kontaktformular, so ist es vielerorts ja auch Praxis. Oder, nicht viel anders, sondern nur in größerem Rahmen und mit einem Schaukasten für die Facebook-Nutzer, wie evangelisch.de es jetzt macht.

Doch halt: Die Sache hat Haken!

Die eine ist, dass sich die Gesellschaft verändert. Bereits die Sinus-Diagramme von 2007 und 2010 unterscheiden sich. Immer mehr Menschen wachsen mit dem Internet auf, diejenigen, die aus Altergründen keinen Zugang finden, werden weniger. Die zweieinhalb Jahre, die die Manager von evangelisch.de der Community gegeben haben, sind also zu wenig, wenn man den Generationenwechsel in Betracht zieht. 15 Jahre hätte man der Community Zeit geben müssen, um sich zu etablieren. Mindestens!

Gleichzeitig ist das Internet aber ein schnelles Medium und auch das Verhalten der Nutzer kann sich rasant ändern. Mit dem Auftreten der Piratenpartei wurde die Politik kalt erwischt. Bervölkerungskreise, ursprünglich wohl aus dem adaptiv-pragmatischen Millieu, vielleicht sogar aus dem der bislang politisch inaktiven Hedonisten, waren schlagartig mit ihren Interessen präsent. Und die Kirchen täten gut daran, sich aufvergleichbare, auch blitzartig auftretende  Veränderungen in der religiösen Szene vorzubereiten.

Die zweite Sache ist, das jedes Kategorisieren von Menschen, wie in den Sinus-Studien vorgenommen, nicht die Wirklichkeit abbildet. Menschen lassen sich nun mal nicht in in hübsch etikettierte Schubladen stecken! Es gibt sie eben doch, die christlichen Blogger, Chatter und Forenschreiber! Und es gibt sie in großer Zahl!

Ich hatte sie eingangs schon angesprochen und möchte sie nun näher charakterisieren. Ich gehe dabei von persönlichen Erfahrungen im Internet aus und bin mir bewusst, dass ich, ähnlich wie die Sinus-Studie, „schubladisiere“, den Menschen also doch nicht gerecht werde. Es ist also noch näheres Hinsehen erforderlich.

Am einfachsten zu beschreiben sind die konservativen Katholiken. In der Sinus-Studie finden wir sie unter den Konservativen und den Traditionsverwuzelten, aber wohl auch in der bürgerlichen Mitte. Keineswegs sind es nur Ältere, auch viele Jugendliche gehören zu dieser Richtung. Sie schätzen die Traditionen und das Brauchtum ihrer Kirche, stehen treu zu Papst und Lehramt. Regelmäßiger Messbesuch und Beichte sind ihnen von elementarer Wichtigkeit. Zumindest ein Teil von ihnen zeigt sich gegenüber Wundern und Marienerscheinungen aufgeschlossen. Hartnäckig verteidigen sie Zölibat, Unauflöslichkeit der Ehe und katholische Sexualethik, das Priesteramt für Frauen erscheint ihnen undenkbar. Die lateinische Messe im tridentinischen Ritus wird kontrovers diskutiert. Ökumene ist nur als Rückkehr der Protestanten unter die Autorität des Papstes zu machen. Präimplantationsdiagnostik lehnen sie ab, gegenüber Organtransplantationen äußern sie sich reserviert. Gegenüber der als „relativistisch“ verdächtigten Gesellschaft, den Mainstream-Medien und der Politik äußern sich die konservativen Katholiken argwöhnisch. Sie haben etwas zu sagen und zu verteidigen, entsprechend stark sind sie im Internet präsent. Vier der fünf prominetesten deutschsprachigen  katholischen Internetportale werden von Traditionalisten bis hin zu Ultrakonservativen geprägt bzw. betrieben.

Charakteristisch für die Diskussion mit Liberalen oder Nichtkatholiken ist die  Unfähigkeit zum Diskurs, also dem gleichberechtigten, ergebnisoffenen Austausch auf Augenhöhe. Das katholische Lehramt ist stets oberste Autorität,  Zitate aus dem Codes Iuris Canonici (CIC) oder dem Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) werden gern als unanfechtbares Totschlagargument angeführt.

Die liberalen und reformorientierten Katholiken, wie sie im BDKJ oder den KFD anzutreffen sind, dominieren das fünfte größere katholische Webbportal. Dass sie weniger im Internet präsent sind, führe ich nicht auf eine geringere Zahl in der Bevölkerung zurück, sondern auf ein geringeres Sendungsbewusstsein. Wer alles diskutieren kann, der kann auch jeden anderen nach dessen Facon selig werden lassen. Zwar gibt es Initiativen wie Wir sind Kircheoder  die Initiatoren des Memorandums „Kirche 2011“, ihre Internetpräsenz bleibt aber auf Web-1.0 Status, also ohne wirklich gestaltende Kraft in der Weblandschaft.

Bei den protestantischen Forenschreibern haben ebenfalls diejenigen mit besonderem Bekennermut die Oberhand, also vorwiegend Evangelikale und Fundamentalisten, oft aus dem breiten Spektrum der Freikirchen. Da viele von ihnen einen Sendungsauftrag verspüren, ist die Zahl der von ihnen ins Leben gerufenen Webforen unüberschaubar. Wenn ein Verlagsunternehmen mit einem professionellen Team und einem googlegerechten Namen dahinter steht, können sie beachtliche Nutzerzahlen aufweisen, aber das ist die Ausnahme.

Die vorwiegend konservative Sozal- und Sexualethik (z. B. biblisch untermauerte Homophobie) sowie Aversionen gegen demokatischen Pluralismus deuten auf ein traditionsverwurzeltes Millieu vieler protestantischer Forenschreiber hin. Sie stehen in vielem den konservativen Katholiken nahe, einschließlich einer antiökumenischen Einstellung. Das gilt aber keineswegst für alle.

Anders als auf katholischen Foren spielen allgemeine gesellschaftliche Fragen eine untergeordnete und politische Themen fast gar keine Rolle.

Auffällig ist auch, wie wenig Gottesdienste und Sakramente  hier thematisiert werden. Kirche als Gemeinschaft wird nur selten angesprochen. Fernsehprediger amerikanischen Stils werden häufiger zitiert als Gemeindepastoren. Viele scheinen überhaupt keine Gemeindebindung zu haben. Ein neues, herausforderndes Problem für die institutionelle Kirche: Solitärchristentum!

Was da gepostet wird, ist beeindruckend und erschreckend zugleich. Einer evangelischen Urtugend folgend, deuten Freikirchler und Solitärchristen die Bibel selbst. Protestantismus in Rohform! Oft wird die Verbalinspiration der Schrift unterstellt, die Auslegung ist dann biblizistisch-fundamentalistisch geprägt. Zwei Jahrhunderte historisch-kritischer Bibelforschung sind bei diesen Menschen entweder gar nicht angekommen oder werden als Verunsicherung erlebt und deshalb abgelehnt. Wer theologische Wissenschaft und den Erfahrungsschatz aus kirchlicher Geschichte so rundheraus ablehnt, gerät dann leicht an den Rand des Sektiererischen.

Die Themen mancher Threads liegen oft weit ab von dem, was sonst in der Kirche Thema ist. Dazu gehören wilde Verschwörungstheorien und Weltuntergangsszenarien genau so wie die Frage, wer den Kains Ehefrau gewesen ist, ob die Zehn Gebote für Christen gelten oder was nach der Sintflut mit den Leichen geschah. Wer ein anspruchsvolleres Niveau erwartet und nicht damit umgehen kann, dass auch mal eine Salve von Bibelversen auf ihn niederprasselt, zieht sich da schnell aus den Diskussionen zurück oder meldet sich in solchen Communities gar nicht erst an. Das ist jedenfalls meine Beobachtung in einem der verknüpften Websites.

Es zeigt sich aber auch eine andere Seite der User. Es beeinduckt mich immer wieder, mit welcher Ernsthaftigkeit hier geglaubt wird und wie viele von ihnen aus ihrem Gottvertrauen tiefe Krisen, Drogenprobleme und Krankheiten meistern!

Und längst nicht alle – weder von den Freikirchlern noch von den Solitärchristen – sind Fundamentalisten. Manche sind gerade von Fundis aus dem Gemeindeleben herausgedrängt worden. Eine große Zahl hält sich aus den Scharmützeln über irgendwelche Perikopen heraus und postet statt dessen ermutigende Liedverse oder bereichert die Anderen mit der persönlichen Glaubensfahrung. Gerade die von Liebe getragene Lebensweisheit ganz einfacher Leute berührt mich ganz besonders.

Solitärchristen – eine Herausforderung für die evangelische Kirche!

Solitärchristen stellen einen großen, wenn nicht schon den größten Teil der nichtkatholischen Christen im deutschsprachigen Internet dar. Und, so ist zu vermuten, auch ein nicht zu unterschätzender Anteil der Christen in Mitteleuropa überhaupt.

Wie gehen wir mit ihnen um? In der evangelischen Kirche gibt es die Tendenz, jeden nach seiner Facon selig werden zu lassen. Kein Mensch muss müssen, wer gehen will, kann gehen. Warum ein Schaf bei der Herde halten, das partout nicht will?

Ich selbst bin nicht der Typ, der anderen seinen Glauben und auch nicht die Form seiner Kirchlichkeit aufdrängen will. Auch habe ich manche dieser spirituellen Yetis so lieben gelernt, wie sie eben sind. Trotzdem halte ich eine Lass-sie-doch-machen-was-sie-wollen-Haltung  für alles andere als eine verantwortbare und zukunftsweisende Pastoral.

Es macht mich traurig, zu sehen, wie sie  hilflos den  im Internet kursierenden wirren Theorien, apokalyptischen Spekulationen und Gerüchten ausgeliefert sind. So sehr auch theologische Erkenntnisse zu hinterfragen sind, so hat doch die Theologie manche Frage richtungsweisend geklärt, so dass nicht jeder Irrweg von Forenschreibern neu beschritten werden müsste.

Individuelle Vereinzelung scheint ein allgemeines gesellschaftliches Phänomen zu sein. Ist es auch die Zukunft des Christentums?

Ich denke, wir sollten Solitärchristen wach wahrnehmen und ihnen behutsam nachgehen. Im Internet können wir viele von ihnen finden.

Was eine Web-Community der EKD hätte leisten sollen und warum Evangelisch.de versagt hat

Was ich von der evangelisch.de-Community erwartet hatte, war in erster Linie eine Alternative. Eine Alternative einerseits zu den großen kommerziellen Netzwerken, von denen man weiß, dass deren Ziel der gläserene User ist, dass sie jeden Klick und jedes eingetippte Substantiv analysieren und werbetechnisch zu Geld machen.

Eine Alternative auch zu den vielen wohlgemeinten privaten Initiativen, deren Wohl und Wehe aber all zu sehr von der Persönlichkeit des mausführenden Webmasters, seinen Fähigkeiten als Moderator  und vor allem seinen Intentionen abhängt.

Ich wünschte mir auch einen Raum, wo man das virtuelle Kettenhemd ablegen kann, wo abseits von Fundamentalismus jedweder Couleur der religöse Diskurs gepflegt wird. Denn es gibt auch sie, die moderaten, aber trotzdem den Glauben ernstnehmenden Christen, die den Sinus-Sozialforschern schlichtweg durch die Lappen gegangen sind. In der alten evangelisch.de-Community waren sie zu finden. Nicht viele zwar, aber es wäre die Aufgabe des Portals gewesen, auf dieser Basis eine Userszene heranzubilden, die sich den Herausforderungen der Kirche im Internet stellen kann.

Zu diesen Herausforderungen gehört m. E. auch die Begegnung mit den Solitärchristen, denen ich oben so breiten Raum eingeräumt hatte. Und dazu braucht man Menschen, die mit dem Internet vertraut sind, die souverän, aber ohne Verbissenheit im Glauben stehen, die dialogbereit sind, ein gewisses Grundwissen haben oder notfalls darauf zurückgreifen können und die, so ist zu hoffen, ein paar menschliche Qualitäten mitbringen.

Ein kirchliches Webportal, das eine solche Usergruppe sammeln und fördern möchte, sollte Folgendes bieten:

  • professionelle kontinuierliche Moderation
  • Unterstützung durch Fachtheologen und Seelsorger
  • Einbindung der Kirchenleitung(en)
  • Austausch mit Journalisten (Medienwirksamkeit)
  • Verantwortung der User (Registrierung)
  • bei gleichzeitiger Niedrigschwelligkeit (Gastzugang in Teilbereichen)
  • Freiheit in der Themengestaltung für User
  • Möglichkeit der User, selbst Moderationserfahrung zu sammeln (Kreise)
  • leichte Orientierung (offenes, thematisch breit angelegtes Forum)
  • leichte Navigation (übersichtliches Layout, Tags, Suchfunktion)
  • Stabilität und Wiederauffindbarkeit von Threads

Vieles davon war gegeben. Man konnte Bloggen, Chatten, persönliche Mitteilungen und Kurzmeldungen schreiben, – was fehlte, war eigentlich nur eine Portion Geduld.

Und wie sieht es jetzt, ein halbes Jahr nach dem Absturz, äh, ’nach Einführung des neuen Konzeptes‘ wollte ich sagen, aus? Das Portal stellt sich selbst in einem Video so dar: http://aktuell.evangelisch.de/videos/8929/evangelischde-das-portraet 

Die Nutzerktivität auf dem Site selbst beschränkt sich jetzt auf die Möglichkeit, Fragen zu stellen und Beiträge zu kommentieren. Beides ist gut, kann aber nicht im Geringsten die verlorenen Communityfunktionen ersätzen. Artikel zu kommentieren, trägt zwar zur Meinungsgestaltung bei, tiefgehende und ausführliche Diskussionen sind aber schwer. Die Artikel erscheinen nur kurz an pominenter Stelle auf der Titelseite, danach muss man sie erst mühevoll suchen. Zu tagesaktuellen Themen erscheint schnell etwas Neues, – und wo soll man dann den Dialog weiterführen? Verschwendete Liebesmüh, wenn man sich die Arbeit der sorgfältigen Argumentation oder gar der eigenen Recherche macht. Kein Wunder, dass es oft Möwenschiss-Kommentare sind, die man dort findet:  Schnell und emotional wird eine ätzende  Meinung abgeworfen, ohne Voraufgegangenes sorgfältig zu lesen oder gar genau darauf einzugehen, ohne sich dafür zu interessieren, wie und wo das ankommt.

Gleiches gilt für die neu eingerichtete Seite auf Facebook. Natürlich ist es nicht falsch, dort ein Schaufenster für die Facebook-Klientel zu haben. Aber mehr als ein Schaufenster ist es nicht. Diskussionen lassen sich da nicht führen, es gibt weder Zitier- noch brauchbare Suchfunktionen. Da kann man mal einen Link setzen, aber Texte zu schreiben ist die Mühe nicht wert.

Und die neue Startseite des Portals? Das Webdesign ist eine Katastrophe!* Die Titel der fünf aktuellen Leitartikel huschen als Slides vorbei. Sonst ein wirres Sammelsurium an Links und Verweisen, vieles mit Textanriss, aber ohne erkennbare Struktur, Wichtiges, Banales, Aktuelles und Zufälliges bunt durcheinander. Der eigentlich wertvolle Teil, die Rubriken „aktuell“ und „kompass“ sind klein und versteckt unter „Weitere Seiten“ irgendwo rechts am Rand. Wer  Orientierung sucht, ist heillos verloren.

Fazit

Evangelisch.de ist vom Web-2.0 (kreative Mitgestaltung der Nutzer) ins Web-1.5 (Anbieterdominanz mit Kommentarfunktion) zurückgefallen. Bisherige engagierte User wurden verprellt, ihr Vertrauen wird nur schwer wiederherzustellen sein. Menschliches ging in die Brüche. Die Chance, von einer Community aus in die Weblandschaft hineinzuwirken, wurde vertan, ohne dass sie überhaupt erkannt wurde. Und auf das Layout bezogen müsste  das Motto nicht „mehr als du denkst“ sondern „weniger wäre mehr“ heißen.

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*Nachtrag 3.3.2015: Inzwischen ist das Webdesign und damit die Navigation auf dem Website glücklicherwiese vereinfacht worden. Dafür tritt der tagesaktuelle Teil mehr in den Hintergrund, so dass das Site den Charakter eines Nachrichtenportals wieder etwas verloren hat. Es ist provinzieller geworden.

 

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5 Kommentare
  1. Danke für Deinen Kommentar, Ismael. Vieles sehe ich genauso. Ich habe selbst in dem alten Forum in der Endphase noch ein wenig mitgemacht. Das alte Forum war ziemlich altbacken von der Anmutung her, aber es hat funktioniert. Und es war frustrierend, dass die Kontakte und Beiträge dann weg waren.

    Ich bin Facebook-Verweigerer, finde das evangelisch.de Angebot unübersichtlich und zu schnell durchlaufend und warte auf bessere Zeiten.

  2. Ich habe die Aufgaben, die die Kirche im Internet wahrnehmen sollte, schon am 26.08.2010 in einem Kommentar zu einem Interview mit dem damaligen Präses der EKD Schneider angesprochen. Ein Auszug aus meinem Kommentar:

    „Trotzdem meine ich, im Internet Dinge erkannt zu haben, die Präses Schneider – soweit das in dem Interview deutlich wird – vielleicht noch gar nicht so bewusst sind.

    Da wären diejenigen, die ich mal als Igelchristen bzw. als Solitärchristen bezeichnet habe. Die tauchen im normalen kirchlichen Betrieb kaum einmal auf. Aber auf Internetforen sind sie präsent. Und zwar in einem Maße, dass ich eine breite Schicht von Gläubigen dahinter vermute, die im üblichen Gemeindeleben gar nicht wahrgenommen werden. Hier gilt es, sensibler und aufmerksamer zu werden, sowohl für die Funktionsträger in den Kirchen wie auch für die jene nicht beauftragten Christen, denen der Mitmensch auch im Netz ein Anliegen ist.

    Ein Weiteres ist die theologische/geistliche Bildung im weitesten Sinne. Ein nur flüchtiger Blick auf Diskussionsforen im world wide web zeigt, dass viele Menschen einen großen Nachholbedarf haben, wenn es um Informationen um Religion und Glauben geht.

    Die Spannbreite ist dabei groß. Da sind einfältige Gemüter, die sich aber mit großer Ernsthaftigkeit mit der Bibel befassen, dabei aber Hilfe benötigen. Da sind diejenigen, die in der Schule schlechten oder gar keinen Religionsunterricht bekommen haben. (Ein ganz typisches Beispiel habe ich mal hier geschildert.) Darunter sind auch im geistlichen Leben erfahrene Menschen, denen zu irgendeinem Thema eine Information fehlt. Gut, manches lässt sich durch gute Lektüre klären, aber die ist nicht immer zur Hand: Nicht jedes interessante Buch kann man sich kaufen, nicht jede kommunale Bücherei ist gut sortiert, nicht immer findet man das Passende. Und manchmal tut es einfach gut, wenn jemand auf mein Anliegen persönlich antwortet, ohne über eine „so dumme Frage“ die Nase zu rümpfen. In der Halbanonymität des Internet ist das möglich. Hier ist es wichtig, dass versierte Christen ihre Verantwortlichkeit erkennen und das Feld nicht Spinnern und Trollen überlassen.

    Ein nächster Punkt, der unsere Aufmerksamkeit verdient, ist das Internet als Meinungsbild und Meinungsmarkt. Dabei sind die im Netz vertretenen Ansichten nicht repräsentativ. Auf vielen Foren präsentieren sich besonders diejenigen stark, die eine vom mainstream abweichende, mitunter extreme und fundamentalistische Haltung vertreten. Die liberal gesonnene Mittelschicht scheint es dagegen nicht für nötig zu halten, eigene Überzeugungen im web zu erklären oder gar zu verteidigen. Trotzdem – oder gerade deswegen? – sollten im Netz geäußerte Ansichten, manchmal auch „Stimmungen“, beachtet werden. Mich hat es z. B. verblüfft, in welchem Maße wirre Verschwörungstheorien bereitwillig Aufnahme finden. Oder, für Protestanten etwas abseitig, wie ersthaft in manchen katholischen Kreisen über die Wiedereinführung der Tridentinischen Messe diskutiert wird. Hier heißt es also aufmerksam zu sein, damit man nicht einmal von einer im Netz generierten Welle überrollt wird, von der man vorher im „wirklichen Leben“ nichts gemerkt hat. Denn beim Kirchenkaffee wird nun mal kaum über so etwas gesprochen. Im Internet schon!

    Die Frage nach Seelsorge im Internet ist innerhalb der Community evangelisch.de (und auch andernorts) intensiv diskutiert worden und hat hier zu einem praktikablen Ergebnis geführt. Das Internet kann Seelsorge ergänzen, in dem Orte des „Zuhörens“ geschaffen werden, wobei sich die „Zuhörer“ ihrer Verantwortung und ihrer Schweigepflicht bewusst sein müssen. M. E. kann es sogar eine Chance sein, wenn jemand seine Unsicherheit, seine zitternde Stimme und die doch so entlarvende Mimik zunächst einmal verbergen darf. Ersätzen lässt sich Seelsorge und psychologische Beratung selbstredend nicht, da hat Präses Schneider natürlich Recht!

    Schließlich: Einen Aspekt von Kirche und Internet führt das obige Interview selbst vor. Wir Webnutzer konnten leichter Hand selbst Fragen stellen! Wie unkompliziert!“

  3. Anne Leven permalink

    Auch ich danke dir für diesen ausführlichen Beitrag, Beschönigen wir nichts: Sie haben uns sang- und klanglos vor die virtuelle Kirchentür gesetzt und erwarten nun, dass wir zum Dank bei facebook „gefällt mir“ anklicken.

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