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Zeugen Jehovas an der Tür: Was tun als Christ?

25. September 2012

Wer sich über die Lehre der Zeugen Jehovas informieren möchte, findet in der Literatur oder im Internet eine Menge Material. Aber selten wird darüber informiert, wie man als Christ mit diesen Leuten umgehen soll und wie nicht, obwohl von allen Sekten die Zeugen Jehovas diejenigen sind, mit denen Otto Normalverbraucher am häufigsten in Kontakt kommt. Und darum soll es hier ganz praktisch gehen.

Im Folgenden möchte ich ein paar Regeln für den Umgang mit Zeugen Jehovas formulieren. Trotz der apodiktischen Ausdrucksweise sollen sie eine Einladung dazu sein, sich selbst Gedanken zu machen und eigene Erfahrungen zu überdenken.

Zunächst ganz allgemein:

  1. Reflektiere deinen Glauben. Bist du Christ? Was bedeutet Christsein für dich? Wieso bist du Christ? Oder warum nicht? Oder warum bist du unsicher? (Kann ja auch sein, und es wäre ehrlich!)
  2. Befasse dich mit Glaubensinhalten (Dogmatik). Was ist für dich elementar? Über was lässt sich diskutieren? Was ist „nur“ Tradition?
  3. Setze dich mit der Bibel auseinander. Lerne sie kennen. Auch schwierige Passagen, Mythen, Visionen, Offenbarungen. Was bedeuten sie dir?
  4. Lerne, über deinen Glauben zu reden. Fasse dein eigenes Glaubensbekenntnis in Worte, zunächst für dich selbst. Suche dir Gleichgesinnte. Suche oder gründe einen Glaubensgesprächskreis oder einen Bibelkreis in deiner Gemeinde. Suche erfahrene Menschen, die dabei helfen können. Das kann, muss aber nicht der Pastor sein.
  5. Frage dich, ob du das nötige „standing“ hast, um mit Sektierern diskutieren zu können. Du „musst“ ja nicht. Aber du darfst auf den Heiligen Geist vertrauen! Schließlich ist die Verkündigung sein Ding und nicht dein Privatvergnügen. Und: Am besten lernt man durch tun. Und durch Fehlermachen.

Wenn ZJ bei dir an der Tür stehen:

  1. Wenn du kein Gespäch mit ihnen möchtest, lehne freundlich, aber bestimmt ab. Und zwar ohne Begründung! Um weiterzugehen, brauchen sie nämlich keine weiteren Informationen von dir.
  2. Sag nicht: „Ich mochte kein Gespräch, ich bin nämlich Christ (evangelisch, katholisch…).“ Die Botschaft, die bei ihnen ankommt, und die sie dem nächsten Kunden gleich unter die Nase reiben werden, ist nämlich die: „Ihr Nachbar ist evangelisch, deshalb will er nicht über Religion reden. Christen reden nämlich nicht über Religion, obwohl es ein biblisches Gebot ist, Gott zu bezeugen. Wir tun es aber!“
  3. Wenn du nicht mit ihnen reden willst, sag nicht „Ich hab jetzt keine Zeit.“ Sie würden dir einen anderen Gesprächstermin anbieten.
  4. Lobe die ZJ nicht wegen ihres Missionsfleißes. Der ist nämlich erzwungen. Ich erkenne ZJ nicht nur an knielangen Röcken und der Umhängetasche, sondern auch an dem betont langsamen Gang, mit dem sie von Haus zu Haus gehen. In ihrem Herzen möchten sie oft gar nicht so oft an Türen klingeln, sondern die vorgeschriebene Zeit rumkriegen.
  5. Wenn du dich auf ein Gespräch einlässt, beantworte möglichst keine Fragen. Wer Fragen stellt, bestimmt nämlich den Gespächsverlauf und bekommt „Material“ für sein weiteres Vorgehen.
  6. Antworte mit Gegenfragen. Die Antwort auf die Frage „Glauben Sie an die Bibel?“ lautet nicht „Ja“ oder „Nein“, sondern „Was bedeutet für Sie überhaupt glauben?“ Die ZJ haben Frage/Antwort-Schemata einstudiert, mit denen sie ihre Gesprächspartner über sogn. „geschlossene Fragen“ (z. B. mit Fragen, die nur mit ja oder nein beantwortet werden können) auf eine bestimmte Bahn lenken wollen. Gehe darauf nicht ein.
  7. Wenn sie dich mit Texten aud dem „Wachtturm“ oder sonstigen Traktaten konfrontieren, gehe nicht darauf ein. Sage das offen. Lenke das Gespräch auf die Menschen, die dir gegenüber stehen. Frage sie, wie sie selbst zu den ZJ gekommen sind. Das ist ja wirklich interessant und gibt vielleicht neue Aufschlüsse. Und es ist menschlich.
  8. Konfrontiere umgekehrt dein Gegenüber nicht mit Lehren der Kirche. Kirchliche Lehren haben für sie keine Autorität, das ist vollkommen irrelevant.
  9. Bezeuge deinen Glauben. Das ist authentisch. Auch dann, wenn theologisch nicht alles niet- und nagelfest ist. Überzeugend sind niemals Dogmen, sondern immer nur Menschen. (Deshalb hat sich Gott im Menschen Jesus von Nazareth offenbart und nicht in einem Katechismus.)
  10. Aber gib nicht überflüssig viel Privates preis (Persönlichkeitsrechte!).
  11. Lasse dich nicht auf Bibelverspingpong ein. Das bringt wenig außer Rechthaberei.
  12. Achte sie als Menschen. Menschen, die sich wahrscheinlich nach Menschlichkeit sehnen.
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From → Allgemein

12 Kommentare
  1. Wertvolle Ratschläge, Ismael, und wirklich gut erklärt.
    Was das Gespräch mit den ZJs angeht, oder sonst einem Menschen, gebe ich Dir Recht, doch im
    allgemeinen, stimmt dieser Satz: „Überzeugend sind niemals Dogmen, sondern immer nur Menschen. (Deshalb hat sich Gott im Menschen Jesus von Nazareth offenbart und nicht in einem Katechismus.)“ nur beschränkt. 🙂

  2. Thomas Jakob permalink

    Guter Beitrag, Ismael. In einem Punkt mache ich es allerdings grundsätzlich anders. Ich erkläre jeweils, dass ich evangelisch bin, dass ich meinen Glauben sehr ernst nehme und dass Missionsversuche bei mir deshalb völlig zwecklos sind.

  3. @ filia ecclesiae: Sagen wir es so: Die Glaubenslehre kommt erst in einem zweiten (oder dritten?) Schritt. Zunächst einmal müssen wir davon ausgehen, dass die ZJ gegenüber den Dogmen der Kirche (bzw. was sie dafür halten, ihre Vorstellung von Trinität ist z. B. ziemlich bizarr) eine Antipathie anerzogen bekommen haben. Da kommt man zu Anfang sicher nicht weit.

    Also würde ich erst einmal zu Fragen versuchen, wonach sich dieser Mensch in tiefstem Herzen sehnt. Und ob diese Sehnsucht in seiner Sondergemeinschaft erfüllt wird oder ob es etwas gibt, was wir Christen ihm anbieten können.

    Da kann ein von Herzen kommendes Lächeln vielleicht wertvoller sein als eine noch so korrekte Weisheit aus dem Katechismus, meine ich.

  4. @Thomas Jakob: Wäre die Frage, ob es dabei bleibt, oder ob es möglich ist, den ZJ selbst etwas anzubieten. Auch evangelische und katholische Christen haben ja einen Verkündigungsauftrag.

    Verkündigung beginnt dabei nicht mit der Präsentation eigener Lehren, sondern mit dem aufrichtigen Interesse am Menschen, der mir da gegenüber steht. Wenn ein ZJ das in einem Gespräch merkt, ist schon viel gewonnen.

  5. Genau das meinte, und das stimmt.

  6. Wolfgang permalink

    Ich würde noch ergänzen: Halte ZJ nicht für dumm, dass man sie vielleicht sogar „wegüberzeugen“ könnte. Es ist unwahrscheinlich, sie von ihrer Position abzubringen, da sie unter Zwang stehen und in ihrer Lehre dogmatisiert sind.

  7. Jedenfalls dürfte das nicht auf Anhieb gelingen, zumal sie ja meist zu zweit auftreten, sich also gegenseitig kontrollieren.
    Was ich aber für möglich halte, ist, ihnen zu signalisieren, dass da ein Christ* ist, der sich aufrichtig und wohlwollend (also nicht herablassend) für einen interessiert, ein Christ, der auch nicht „dumm“ ist, sondern der sich mit Glaubensfragen und der Bibel bestens auskennt, vor allem aber etwas von der Liebe Christi ausstrahlt.

    Wenn der ZJ nicht (oder nicht mehr) zu 100 % von seiner Lehre überzeugt ist, könnte das zumindest ein wenig die kritische Reflektion und die Suche nach anderen Wegen fördern, auch wenn der ZJ das nicht so schnell zeigen wird.

    ————
    *Gemeint sind natürlich Männer UND Frauen.

  8. Thomas Jakob permalink

    Naja, ich hatte lange Zeit genug damit zu tun, mich selbst zu missionieren, habe aber nie Veranlassung gesehen, meine ernsthaften Zweifel in einer solchen Situation auszubreiten.

    Vor zig Jahren hatte meine Schwester mal zwei von den Damen an der Tür und hat die mit ein paar Fragen so schnell an der Wand gedrückt, dass sie Verstärkung holen mussten. Die drei Damen haben wir dann die Woche darauf zum Tee eingeladen und uns dann intensiver ausgetauscht. Die Immunisierungsstrategien funktionierten, die Partie ging erwartungsgemäß remis aus.

  9. bundesbedenkentraeger permalink

    Vor Jahren haben sie mich besucht. Das ging über ein, zwei Jahre so. Erst kam ein Paar, das dann aber umzog, und danach ein anderes, strengeres (die waren wohl auch darüber informiert, daß ich ein schwieriger Fall bin).
    Rückblickend habe ich auch den Eindruck: Sie wollten die Zeit rumkriegen und ich hatte auch gute Gespräche (mehr mit dem ersten Paar, weniger mit dem zweiten, das sehr distanziert blieb), dabei erzählten sie durchaus auch vom Urlaub und andere private Dinge.
    Damals war ich in Bibelsachen noch nicht ganz so firm, kannte ein paar Stellen aber doch (konnte sie nur nicht benennen) und häufig kamen wir zu dem Punkt wo wir feststellten, daß wir nun den Urtext kennen müßten, um eine Entscheidung zu treffen wer Recht hat.
    Im Nachhinein habe ich mir öfter Gedanken dazu gemacht, wie man ihnen helfen könnte, denn eins stimmt sicher: Sie stehen unter Zwang. Sie haben eine echte Angst vor Hölle und Verdammnis, und kaum einen Ausweg.
    Ein Punkt ist der schon genannte: Kontakt zu den Menschen hinter den Missionaren bekommen, ihnen vielleicht signalisieren, daß sie nicht ganz alleine dastehen würden, wenn sie ausgestoßen werden. Das dauert lange, wird aber auch erst längerfristig relevant,
    Der andere Punkt kam mir beim Lesen von Aussteigerberichten. Immer wieder fiel mir auf, daß das Bibellesen im Zusammenhang zum Umdenken führte, und daß im „normalen“ Tagesablauf eines ZJ dafür keine Zeit ist. Man hat eine Arbeit, Missionsstunden nd den Wachttum zu lesen, um in den Versammlungen vorbereitet zu sein. Dann noch allerlei Seminare zur Missionierung und andere Gemeindeaktivitäten.
    Mein Gedanke war daher, die Gesprächszeit einzuteilen in einen Teil mit ihrer Methodik des Fragens (und Gegenfragen sind eine gute Möglichkeit, vom Standardmuster wegzukommen und sich wirklich auszutauschen), im anderen Teil aber einfach nur Bibel zu lesen, von vorn nach hinten, oder auch einzelne Bücher, aber auf jeden Fall im Zusammenhang und nicht zum Bibelpingpongtraining.
    Gebete habe ich damals immer abgelehnt, jedoch habe ich mich gefragt, was wohl wäre, wenn ich nicht nur zugestimmt hätte, osndern auch gleich die Führung übernommen hätte, in dem ich das Wort ergreife nd zum dreieinigen Gott bete, und nicht zu „Jehova“.

  10. Aha, die ZJ haben diesen Blogpost auf ihr Portal „Starker Turm“ verlinkt! Vielleicht gehört er nun zum Trainigsprogramm. 😉
    Lesenwert wäre für sie aber auch dieser hier.
    Sicher auch dieser.
    Und dieser ist auch gar nicht mal schlecht!

  11. Anonymous permalink

    wir sind überall, *lach*

  12. @Anonym: Na dann, herzlich willkommen in „diesem System der Dinge“! 😉 😀

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