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Brauchen wir Internet-Seelsorge?

7. September 2012
Ich möchte hier ein Thema aus einem internen Forum einer Internet-Community aufgreifen, das mir so wichtig erscheint, dass es nach außen getragen und in der Kirche auf breiter Ebene diskutiert werden sollte.

Ausgangspunkt war die Frage nach einem Seelsorger, der bereit ist, via Internet auf seelsorgliche Anliegen der Community-Mitglieder ein zu gehen.

Zunächst die Frage: Brauchen wir überhaupt Seelsorge über das Internet? Wird dadurch nicht das persönliche Gespräch von Mensch zu Mensch entwertet?

Meine Antwort: Ja, wir brauchen Internet-Seelsorge (wie auch die Telefonseelsorge) als Ergänzung der konventionellen Pastoral.

Dafür nenne ich folgende Gründe:

  1. Ich kenne Menschen, die aus körperlichen Gründen nicht sprechen können und deswegen auf schriftliche Kommunikation über das Internet zurückgreifen. Und ich kenne viele, die ebenfalls aus gesundheitlichen Gründen – körperlichen wie psychischen –  nicht aus ihrer Wohnung herauskommen, also auch keinen Seelsorger aufsuchen können. Die Bereitschaft der Ortsgeistlichen, zeitintensive Hausbesuche zu machen, ist wie die Erfahrung zeigt, leider auch nicht immer gegeben. Viele dieser Menschen sind aber EDV-technisch up to date, sie ergänzen viel von der verloren gegangenen menschlichen Begegnung über das Internet.
  2. Ich bin auf Internet-Foren vielen Leuten begegnet, die keinen  Zugang zu einer Ortsgemeinde (und dem Ortsgeistlichen) finden. Dabei mögen persönliche Scheu oder schlechte Erfahrungen eine Rolle spielen, die Gründe sind unterschiedlich. Es gibt offensichtlich auch viele Gemeinden, die so selbstzufrieden vor sich hin existieren, dass dort introvertierte oder problematische Persönlichkeiten mit ihren Problemen nicht wahrgenommen werden.
  3. Versteckt hinter einem Pseudonym (ggf. auch einer zweiten Mailadresse) gewährleistet das Internet dem Teilnehmer ein hohes Maß an Anonymität, oft mehr als der Vorhang im Beichtstuhl. Es erstaunt, mit welcher Offenheit manchmal privateste Anliegen dargelegt werden.

Ich selbst bin beeindruckt, wie liebevoll und herzlich viele „Fories“ miteinander umgehen, wie viel Ermutigung und Trost einander gespendet wird! Es findet also schon sehr viel Seelsorge untereinander statt. Das entspricht dem Ansatz, von einer versorgten zu einer sorgenden Gemeinde zu kommen, auch wenn die Gemeinschaft hier in einem elektronischen Netzwerk besteht.

Es gibt aber auch Grenzen:

  1. Die Kommunikation über Bits und Bytes kann nie die unmittelbare Begegnung ersätzen. Wohl auch dann nicht, wenn Webcam und Mikrofon per Skype etwas von der Mimik und Stimme vermitteln.
  2. Die (vermeintliche) Anonymität läd zum Missbrauch ein. Es ist immer damit zu rechnen, dass man mit persönlichen Angelegenheiten an einen Voyeur gerät, der sich an fremden Intimitäten hoch zieht. Umgekehrt hat es auch schon herzzerreißende Dramen im Web gegeben, die sich als fiktiv, als virtueller Betrug und verantwortungsloses Spiel mit den Gefühlen anderer herausstellten.
  3. So anonym ist das Internet nun auch nicht. Da kann es sein, dass jemand mit Informationen, die ihm ein anderer privat anvertraut hat, hausieren geht. Wer garantiert die Schweigepflicht? Und ich habe kürzlich jemanden auf einer Seite an der Sprache und seinen Themen „erkannt“, der dort unter einem mir unbekannten Nick und mit einem anderen Avatar unterwegs war.
  4. Datenschutz generell. In einer kleineren Internetcommunity habe ich es erlebt, dass private Nachrichten (PMs) persönlichsten Inhaltes vom Betreiber des Portals mitgelesen wurden. Bei großen, gewerblich betriebenen sozalen Netzwerken werden Inhalte durch die Systemsoftware analysiert und ohne Kontrolle durch den Nutzer lange auf den Servern gepeichert.
  5. Unprofessionalität. Manches wird schlimmer, wenn ein Notleidender mit aus der Hüfte geschossenen, aber inadäquaten Ratschlägen bombardiert wird oder wenn ein Amateur eigene Defizite in die Problemlage anderer hineinwebt. Oder wenn sich Ertrinkende  aneinander festhalten.
  6. Überforderung. Oft reichen Trost, Zuspruch oder „Da-Sein“ für den anderen nicht aus. Mir ist es schon öfters so gegangen, dass ich Internet-Gesprächspartner gebeten habe, professionelle Hilfe von einem seelsorglich geschulten Geistlichen oder einem Psychologen zu erbitten. Gar nicht so einfach, das taktvoll zu machen. Das Gegenüber soll sich weder abserviert noch als „irre“ abgestempelt fühlen.
  7. Fehlende Distanz. Liebevolle Zuwendung, Mitgefühl, auch das Schließen von Freundschaften im Internet finde ich schön. Aber der schnelle Klick auf die Freundschaftsanfrage in einer Community ist manchmal zu verführerisch und kann zu zu hohen Erwartungen (an sich selbst und an den anderen) führen. Und zu Enttäuschungen, wenn diese Erwartungen auf Dauer belasten oder nicht erfüllt werden.
  8. Im Internet können keine Sakramente gespendet werden. Auch ein Geistlicher kann möglicherweise „Beichte lesen“, aber keine Lossprechung erteilen. Das ist aber wichtig, denn es geht ja oft darum, das Belastende wirklich los zu werden und nicht nur auszupacken, dann wieder einzupacken, um das gleiche bei nächster Gelegenheit wieder erneut auszubreiten.

Eine Hilfe wäre es, wenn psychologisch geschulte Geistliche über seriöse „kirchlich beglaubigte“ Webseiten individuelle Seelsorge anbieten würden, die all das auf fängt, was der Austausch zwischen Laien in den Communities nicht zu leisten vermag. Dabei wäre zu überlegen, auf welchem Wege auch eine Ohrenbeichte für diejenigen ermöglicht werden kann, die – aus welchen Gründen auch immer – keinen Kontakt zu Ortsgeistlichen bekommen. Ich denke an ein dezentrales Netzwerk unter wesentlicher Beteiligung von Ordensgemeinschaften.

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