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Wo blieb die Bundeslade?

23. April 2012

Wer mit historischem Interesse in den Geschichtsbüchern des Alten Testamentes liest, stößt vielleicht auf die Frage, was denn aus der Bundeslade, diesem in der Richter- und frühen Königszeit so wichtigen, tragbaren, geradezu „nomadischen“ Heiligtum geworden sei. Nach dem sie unter Salomo in den von ihm erbauten Tempel gebracht worden war, verschwindet sie „irgendwie“ sang- und klanglos aus der Geschichte. Warum nur?

Zu diesem Thema erschien im Nov. 2008 ein Artikel in National Geograpic Deutschland. Dort werden verschiedene Thesen zum Verbleib der Bundeslade erörtert:

1. Die Bundeslade habe es nie gegeben, sie sei „virtuelles Objekt der Identitätsstiftung des Volkes Israel in den Wirren des 7. und 6 Jahrunderts…“ Halte ich für Unfug, denn zu dieser Zeit hatte der Salomonische Tempel selbst längst die Funktion des religiösen Zentrums und der zeichenhaften Gegenwart Gottes übernommen. Dass die religiösen und politischen Führer des Volkes  zu dieser Zeit ein rein fiktives, in seiner Ausprägung für die Landnahme- und Richterzeit typisches „Wanderheiligtum“ frei erfunden hätten, halte ich für einen Anachronismus und für völlig unglaubwürdig.

2. Die Bundeslade sei irgendwo in Jordanien versteckt, vielleicht in einer Höhle des Nebo. Eine Spekulation wohl auf Grund von apokryphen, nicht erhaltenen Jesajaschriften, die in 2. Makk. 2: 3 erwähnt werden. Es gibt keine historischen Anhaltspunkte.

3. Die Bundeslade sei irgendwann in geheimen Gängen unterhalb des Tempelberges in Sicherheit gebracht worden. Einwand: dort ist schon immer gründlich gesucht worden. Spätestens die Kreuzritter hätten die Lade gefunden.

4. Immer wieder: Aksum. Richtig ist: Dort befindet sich das Zentrum des alten äthiopischen Königtums. Mit ziemlicher Sicherheit befindet sich in der dortigen Kirche ein alte Lade mit kultischer Bedeutung. Die Tradition identifiziert diese Kiste mit der Bundeslade.

Der emeritierte Hamburger Archäologieprofessor Helmut Ziegert (eigentlich Prähistoriker, ein Experte für das Mittelpaläolithikum) befasst sich zur Zeit mit der Erforschung sowohl der historischen und legendenhaften Überlieferung wie mit der Ausgrabung antiker Palastruinen, die er der Königin von Saba und ihrem mit Salomo gezeugten Sohn Melenik zuordnet.

Für den Weg der Bundeslade nach Ägypten gibt es diese Überlieferung: Salomo hätte seinem Sohn Melenik die Bundeslade bei dessen Reise von Jerusalem nach Äthiopien mitgegeben.

M. E. undenkbar! Salomo war zwar König und Erbauer des Tempels, hatte aber keinen Zugriff auf die dort verwahrten heiligen Gegenstände. Ein solcher Frevel hätte ihm den Thron, wo möglich den Kopf gekostet. Zumindest hätte sich irgendein Hinweis in der Bibel gefunden. (Zum Vergleich: die Zerstörung der Ehernen Schlange des Mose durch Hiskija wurde von den deuteronoischen Geschichtsschreibern vermerkt: 2. Kön. 18: 4par. Obwohl Hiskija zu den drei gottgefälligen Königen gerechnet wird, kommt er im Urteil der Geschichtsbücher wohl wegen dieser gegen das Heiligtum von Schilo und deren Priesterschaft gerichteten Tat nicht ganz so gut weg wie sein Enkel Josija.)

Auch ein Raub wäre irgendwie aufgefallen.

Nach Graham Hancock soll die Bundeslade wegen der heidnischen Umtriebe Manasses von Priestern aus dem Tempel in Sicherheit, erst nach Ägypten gebracht worden sein (wo sich auf der Insel Elephantine ein Tempel von Exiljuden befand), von wo sie nach Äthiopien gelangte. Auch nur Spekulation.

Die für mich wahrscheinlichste These ist aber weder in National Geographic noch sonstwo vor breiterem Publikum erörtert worden:

Nämlich, dass sie beim Überfall der Ägypter im Jahr 927/26 unter Pharao Scheschonk (Schischak) geraubt wurde: 1. Könige 14: 25 – 26. (Zur Zeit der Niederschrift des ersten Königsbuches waren angeblich die Tragstangen noch vorhanden: 1. Kön. 8: 8, von der Lade selbst ist nicht mehr die Rede).

In der nachfolgenden biblischen Überlieferung wird die Bundeslade kaum noch erwähnt. Zur Zeit Jeremias war sie jedenfalls schon verschwunden (Jer. 3: 16) und spielte folglich keine Rolle im Kultgeschehen mehr.

Problematisch ist die in nachexilischer Zeit, also sehr viel später niedergeschriebene Stelle in 2. Chronik 35: 3. Sie wird manchmal als Imperativ übersetzt: „…Setzt die heilige Lade in das Haus, das Salomo, der Sohn Davids, der König von Israel, gebaut hat. Ihr braucht sie nicht mehr auf [eurer] Schulter zu tragen….“ (Elberfelder). Demnach sollte die Lade also im Jahr 622 während der Einweihung des renovierten Tempels wieder an seinen alten Platz gebracht werden. Drei Dinge sind hier aber nicht schlüssig. Wie oben gesehen, hatte Jeremia, der Berater des Königs Josija, also der Mitinitiator der Reformen und beste Zeitzeuge, das Fehlen der Lade schon festgestellt. Weiter ist mit keinem Wort bei der Beschreibung der voraufgegangenen Arbeiten gesagt worden, dass die Bundeslade für die Baumaßnahmen aus dem Tempel entfernt worden sei. Auch nicht, dass man sie anderswo gefunden hätte. Schließlich: Auch die anschließende Schilderung der Erneuerung des Pascha ist recht ausführlich, wäre die Lade tatsächlich in diesem Zusammenhang in den Tempel überführt worden, hätte das sicher Erwähnung gefunden.

Einleuchtender ist deshalb für mich die Übersetzung im Indikativ Perfekt: „… die heilige Lade hat man [früher einmal, unter Salomo] in das Haus gebracht, das Salomo, der Sohn Davids, der König Israels, gebaut hat. Ihr braucht sie [in heutiger Zeit] nicht mehr auf euren Schultern zu tragen….“ (Einheitsübersetzung, Hinzufügungen von mir). Demnach ist diese Perikope aus der Königsrede ein Resümee der Geschichte: eine das Priesteramt erläuternde Anknüpfung an die Tradition, die ihr Ziel im Tempeldienst, nicht in der Betreuung eines Wanderheiligtums findet.

Also: wenn noch etwas von der Lade Gottes zu finden sein sollte, dann unter Beutestücken in irgendeinem noch unentdeckten Generalsgrab der 22. Dynastie in Ägypten.

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