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Psalm 82: Ein alter Mythos?

22. April 2012

Juden, Christen und Muslime kennen nur einen Gott, den einen Gott. Und wir nehmen meistens auch an, dass es in der jüdischen Geschichte auch zu alttestamentlichen Zeiten immer so war. Wenn Könige wie Hiskia oder Josija gegen Kulthöhen, also auf Hügeln gelegene Heiligtümer im Lande vorgingen, war ich immer davon ausgegangen, dass dort ausschließlich heidnische Gottheiten verehrt worden waren, die dem rein monotheistischen Judentum entgegen standen.

Das scheint aber nicht, zumindest nicht immer und nicht überall der Fall gewesen zu sein. Im Psalm 82 ist eine kleine Geschichte zu finden, die möglicherweise der Rest einer größeren mythologischen Erzählung ist.

Da ist von einer Götterversammlung die Rede. In ihr klagt Gott EL, also „unser“ Gott, die übrigen als „Göttersöhne“ bezeichneten Gottheiten an, sich gegenüber den Menschen unbarmherzig und sogar korrupt zu verhalten. Er entmachtet sie und gibt sie der Sterblichkeit preis. In der Folge ist er also der einzige Gott und der einzige Richter über den Erdkreis.

Eine vergleichbare Erzählung gibt es in Genesis 6, 1-4. Dort wird erzählt, dass die Göttersöhne sich unter den Menschen Frauen suchten und mit ihnen Nachkommen zeugten, ein Geschlecht von riesenhaften Halbgöttern, die mich an Gilgamesch oder an die Helden griechischer Sagen erinnern. Hier wird vorrangig den Menschen – gemeint sind aber wohl auch jene halbgöttlichen Abkömmlinge – die Lebenszeit begrenzt, um sie nicht übermächtig werden zu lassen.

In der Interpretationsgeschichte sind die „Göttersöhne“ als Allegorie für irdische Fürsten gedeutet worden. Oder man sah in ihnen den Ursprung der „himmlischen Heerscharen“ bzw. „gefallener“ Engel.

Ich halte die zitierten Passagen jedoch für Überreste mythologischer Erzählungen aus dem Nordreich Israel, wo die religiösen Vorstellungen auch nach Elia noch sehr viel bunter und auch polytheistischer waren als im Südreich Juda. Nach diesem Mythos hat sich der Monotheismus also aus dem Polytheismus, aus der Vorstellung von einer Götterfamilie oder Götterversammlung heraus entwickelt.

Die These von irdischen Machthabern als Göttersöhne muss dabei nicht falsch sein. In vielen Kulturen, auch im Orient, legitimierten Könige ihre Macht mit göttlichen Ahnen. Allerdings waren sie, wie schon Gilgamesch schmerzlich feststellen musste,  sterblich. Und ihre Regentschaft war allermeist kein Zeugnis himmlischer Vollkommenheit. Dieser Widerspruch zwischen göttlichem Beginn der Dynastien in mythischer Urzeit und der bitteren Alltagserfahrung der Untertanen, zwischen prachtvollen Cheruben an den Palastmauern und der Skrupellosigkeit der dahinter wohnenden Potentaten verlangte nach einer Erklärung.

Diese Sage deutete beides: die religionsgeschichtliche Entwicklung zum Monotheismus in Israel und die sozialpolitische Situation der antiken Reiche.

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From → Allgemein, Bibel

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