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Solitärchristentum: Eine kleine Ethnologie der christlichen Außenseiter

20. April 2012

Solitärbienen leben nicht in einem Bienenstock. Sie haben jede für sich ihr Loch in irgendeinem morschen Baumstamm.

Solitärchristen findet man nicht oder nur selten bei einer typisch kirchlichen Veranstaltung. Sie sind woanders. Aber nicht immer, manchmal tauchen sie doch auf. Wir sollten versuchen, sie kennenzulernen. Denn Solitärchristen werden immer mehr und bekommen deshalb auch für die klassischen Kirchen eine immer größere Bedeutung, gerade dadurch, dass sie nicht da sind.

Ich möchte eine kurze Charakterisierung versuchen.

Die Säulenheiligen

Sie kommen zu uns in den Sonntagsgottesdienst. Also bekommt man sie zu sehen, wenn man sich mal ungeniert nach hinten umdreht. Sie sitzten nämlich in der letzten Bank, ganz an der Seite. Oder sie stehen an die Säulen gelehnt oder hinter ihnen versteckt. Daher der Name. Manchmal sehen sie so aus, als würden sie nur auf den Schlusssegen warten, um ihre gebrechliche Omi wieder nach Hause zu fahren. Kann aber nicht sein, denn sie haben Omi gar nicht hergebracht. Trotzdem sind sie da, sie wollen also was. Nur mal gucken. Was sich wohl so tut in der Kirche? Vielleicht wollen sie Kontakt zur Gemeinde, vielleicht in die Gemeinde integriert werden.

Das Hauptportal der Kirche haben sie gefunden, die war ja auch nicht zu übersehen. Der kleine Seiteneingang zu den Herzen der Gemeindeglieder ist ihnen verborgen geblieben. Oder er ist – viel schlimmer – abgeschlossen. Oder sie denken, das Türlein führe zu den Folterkammern des Inquisitionsgerichtes. Irgendetwas hält sie ab.

Vielleicht sind sie einfach nur neu und scheu, von anderswoher zugezogen und müssen sich in der neuen Umgebung erst mal orientieren. Diese Sorte erkennt man oft daran, dass sie nach (oder vor) dem Gottesdienst einen Rundgang durch die Kirche machen und sich irgendwelche Kunstwerke anschauen, die ihnen demzufolge unbekannt sein müssen. Oder sie stehen am Schriftenstand und blättern in Gemeindeblättchen und Veranstaltungsflyern.

Ähnlich verhalten sich diejenigen, die sich von ihrer ursprünglichen Konfession distanziert haben und nun mal woanders herumschnuppern, ohne dass sie da jemanden kennen.

Wer Biographien von „normalen“ Christen kennt, weiß, dass auch eine zeitweilige Distanz von der eigenen Kirche häufig vor kommt. Oft ausgelöst durch pubertäre Aufsässigkeit gegen Traditionen und Autoritäten (das halte ich für normal!), durch destruktive Erziehung, erlittene Verletzungen durch Geistliche oder Gemeindeglieder, Missachtung… Die Gründe sind vielfältig. Aber viele dieser Jünger aus dem „Hause Jakob“ wollen irgendwann zurück. Dann stehen sie aber erst mal mit dem Scherenfernrohr am Jabbok und gucken, was Bruder Esau auf der anderen Seite des Flusses so treibt. Sie fürchten den Kampf mit Esau (Kirche), vielleicht auch den Kampf mit Gott.

Wichtig, dass wir sie erkennen, diese Säulenheiligen. Und ansprechen. Zum Kirchenkaffee einladen (dann aber auch mitgehen und sie nicht sitzen lassen wie bestellt und nicht abgeholt.). Sie in ein Gespräch über das Altarbild verwickeln. Ihnen das Infoblättchen mit den wichtigsten Telefonnummern und Veranstaltungen in die Hand drücken. Aber auch ihre Reserviertheit respektieren, wenn sie nicht spontan zugreifen. Gut, wenn es speziell für die „Jakobsjünger“ und andere Kirchenfremde spezielle Gesprächsangebote oder Kurse gibt. Flyer + Ankündigungen von der Kanzel + Schulterklopfmethode müssen da Hand in Hand gehen.

Die Igelfrommen

Ich könnte sie auch spirituelle Yetis nennen, aber Igel klingt netter. Sie sind die eigentlich typischen Vertreter des Solitärchristentums. Es gibt viele davon, aber man sieht sie kaum. Ich habe sie auf Internetforen kennen gelernt. Sie machen ihr eigenes Glaubensding. Ohne Gemeinde, ohne Kirche, ganz für sich. Meinem Spruch „Allein geht man ein“ widersprechen sie heftig. Für sie gilt: Christus ja, Kirche nein!

Manche von ihnen sind einfach so introvertiert, dass man ihnen nicht zu sehr auf die Pelle rücken darf. Igel sind eben Einzelgänger und keine Kuscheltiere. Andere haben die oben genannten schlechten Erfahrungen gemacht und haben sich von daher ein Stachelkleid zugelegt.

Erstaunlich: Etliche von den Igeln sind sehr fromm, beten viel, haben einen guten Draht nach „oben“ oder spüren Gott in sich. In der Kraft ihres Glaubens überstehen sie tiefe Krisen, Drogengeschichten und so weiter. Manche sind Mystiker (ich meine das jetzt ernst und nicht so eine Räucherstäbchenesoterik!) und haben vielleicht gerade wegen ihrer unverstandenen Erfahrungen keine Heimat in einer Gemeinde finden können.

Bei anderen scheint die fehlende Gemeinschaftsbindung dagegen schlichtweg an einer Grundtendenz zur Individualisierung in unserer Gesellschaft zu liegen. Strukturen und damit organisierte Gemeinschaften werden per se als Einengung empfunden und damit abgelehnt. Oder gar mit offener Feindseligkeit bekämpft. In der so errungenen Freiheit nimmt man sich dann auch das Recht, das eigene Glaubensgebäude aus Versatzstücken verschiedener Spiritualitäten und Theologien zusammenzusetzen.

Oder sich radikal auf eine einzige Autorität zu beschränken: die Bibel. Und dann alles zu verwerfen, was nach Kirche und kirchlicher Tradition riecht, bis hin zu  kirchlichen Hochfesten wie Weihnachten und Ostern.

Meine Haltung: Ernst nehmen! (Bei mir ein längerer Lernprozess, ich verdanke da einer kratzbürstigen Forumschreiberin eine Menge.) Da sein, sei es als Blogger, Chatter oder Forenschreiber im Internet oder als „erkennbarer“ Christ im Alltag. Denn auch Igel machen sich irgendwie bemerkbar und wollen sich mitteilen.

Die Eventpilger

Sie sind bereits in der religionssoziologischen Fachliteratur beschrieben worden. Vorwiegend junge Leute, die von Kirchentag zu Papstmesse, von Katholikentag zum Weltjugendtreffen tingeln, ohne sich um Konfessionen, inhaltliche Diskussionen oder Politik zu kümmern. Ihnen geht es um die Gemeinschaft mit den Vielen. Seid umschungen, Millionen! Allerdings ist es eine unverbindliche Gemeinschaft. Anbindung an Gemeinden oder feste Gruppen haben sie kaum. Dafür sind sie für feierliche Liturgie, Gesänge, für die besondere Stimmung zu haben.

Was ist mit ihnen, wenn gerade kein Kirchentag ist? Reicht die geistliche Tankfüllung bis zum nächsten Event? Oder können wir sie z. b. durch meditative Liturgien und Musik auch für die „klassische“ Kirche gewinnen?

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3 Kommentare
  1. Solitärchrist ist ein guter Ausdruck. Damit kann ich mich teilweise auch identifizieren. Ich bin zwar vor allem über Kirchenmusik immer in Gemeinden eingebunden gewesen, aber wenn man in dem vielfach unverbundenen Nebeneinanderher von theologischer Moderne und traditioneller Praxis seinen Weg sucht und dabei keine Vernunftopfer mehr bringen will, steht man schnell alleine.

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